Die Blicke der strengen Juroren haften auf dem zierlichen Mädchen im schwarz-weißen Kleid. Grazil steht die Zwölfjährige vor einer Glasfront im hellen Tageslicht. Auf ihrem Arm balanciert die junge Asiatin eine Geige. Ihr Kopf schmiegt sich an das Instrument, während Finger und Bogen souverän über die Saiten tänzeln. Die sechs Jurymitglieder werden gleich entscheiden. Da ein Stirnrunzeln, dort ein anerkennendes Lächeln – aber eines ist klar: Das Mädchen aus Taiwan ist hochbegabt. Sophie Wang ist eine von fünf Kandidaten, die an diesem Nachmittag am Salzburger Mozarteum die Aufnahmeprüfung für einen kostenlosen Lehrgang ablegen, der die Kinder auf ein Musikstudium bei den erstklassigen Professoren vorbereiten soll. 30 Kinder besuchen jeden dieser Lehrgänge. Pro Jahr stoßen in jeder Instrumentengattung rund fünf neue Talente hinzu – jedes von ihnen voller Träume und Hoffnungen.

Früher war Clara Reinhold (Name von der Redaktion geändert) selbst eine dieser Auserwählten. Im Nachhinein ist ihr der Aufwand allerdings peinlich. 25 Jahre lang nichts als Geige, von Kindesbeinen an. Zeitintensiver Unterricht, Vorstudium und schließlich das Studium in Österreich. Den Kredit über 30.000 Euro, den sie vor zwei Jahren aufgenommen hat, um sich ein Spitzeninstrument zu kaufen, stottert sie heute noch ab. Ein paar Auszeichnungen hat die 32-jährige Musikerin schon gewonnen, für einen fixen Job reichte es dennoch nicht. 50 aufreibende Bewerbungen für diverse Orchesterstellen hat sie bereits hinter sich. 50 Mal fiedeln für eine gesicherte Zukunft. Damit ist vorerst Schluss. Auf dem Weg zu ihrem letzten Probespiel brach die junge Frau zusammen. Im Spital stellten die Ärzte Medikamenten- und Alkoholmissbrauch fest.

Dass Musik auch krank machen kann, ist vielen bei ihrer Berufswahl nicht klar. Fragt man angehende Musikstudenten nach ihrer Motivation, Musik zu studieren, fällt ihre Antwort beinahe feierlich aus: Die Liebe zur Musik, zur Freiheit bei Ausdruck und Kreativität treibe sie an. Der Wunsch, ihr Leben der Kunst zu widmen. Seit Jahren ist Musik die beliebteste Studienrichtung in der Kunst- und Kulturbranche, der Zulauf an Bewerbern steigt kontinuierlich an. Die österreichischen Musikuniversitäten genießen hohes Ansehen, mehr als die Hälfte aller Studierenden kommen aus dem Ausland. Das Mozarteum in Salzburg, die Musik-Uni in Wien, die Konservatorien in Wien und Graz: Jährlich spuckt jede dieser Talentschmieden 100 bis 200 hoch qualifizierte Instrumentalmusiker aus, doch nicht einmal eine Handvoll schafft den Durchbruch als Solokünstler, weniger als der Hälfte der Absolventen gelingt es, zumindest einen Jahresvertrag in einem Orchester zu ergattern. Die goldenen Zeiten der sechziger bis zum Beginn der achtziger Jahre, in denen Nachwuchsmangel herrschte, sind lange vorbei.

Das Gerangel um ersehnte Traumjobs gibt es auch in anderen Branchen. Der Kampf eines Profimusikers beginnt allerdings wesentlich früher. Schon in der Kindheit setzen Eltern und Lehrer alles auf eine Karte. »Es ist keine fundamentale, sondern eigentlich eine fundamentalistische Entscheidung, die da für einen getroffen wird«, sagt Clara. Ihre Kindheit und ihre Jugend verbrachte sie mit fixen Regeln und Ritualen. Pünktlich zur Geigenzeit musste sie zu Hause sein. Um 16 Uhr, nach der täglichen Ration Energie spendenden Traubenzuckers, hieß es mindestens vier Stunden lang üben. Mit Disziplin, Konzentration und Präzision – und in Isolation. Freundschaften strich sie aus ihrem Alltag, Freizeitinteressen blendete sie aus. Sie schrieb sich in Yogakurse ein. Nicht zur Entspannung, sondern im Bestreben, ihre Auftrittsängste zu besiegen. Als auch das nichts half, griff sie zu Tabletten. »Ich habe mir eingebildet, durch die straffe Gestaltung meines Tagesablaufes eine Art magisches Fleißrezept gefunden zu haben, das effizienter ist als das meiner Kollegen. Ich war überzeugt, dass ich so unschlagbar bin und alles erreichen kann«, sagt die Geigerin leise, als müsste sie sich für ihren Ehrgeiz schämen.

Gerader Rücken, die Beine im rechten Winkel aneinandergedrückt, ihre Hände auf dem Schoss – wie eine Statue sitzt sie in einem gelben Fauteuil in ihrer Wohnung. Manchmal schweift ihr Blick zu dem schwarzen Geigenkasten auf dem Parkettboden. Seit Kurzem ist Clara in psychotherapeutischer Behandlung. Ganz wohl fühlt sie sich in ihrer Rolle als Patientin noch nicht. Sie ist den Drill gewohnt.

»Die geistige und körperliche Belastung von Musikern wird oft unterschätzt«, sagt Matthias Bertsch, Professor für interdisziplinäre Musikforschung an der Wiener Universität für Musik und darstellende Kunst. Zugleich ist er Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Musik und Medizin. Die Einnahme von Beruhigungs- oder Suchtmitteln sei noch immer ein großes Tabuthema, sagt er. Bereits bei Aufnahmeprüfungen würden Musiker zu Betablockern greifen, welche die Wirkung des Stresshormons Adrenalin und des Neurotransmitters Noradrenalin hemmen und Angststörungen kurzzeitig kaschieren. Medikamente, die in manchen Sportarten als leistungssteigernde Substanzen auf der Dopingliste stehen.