Viele Menschen, die zum ersten Mal von Lothar König* hören, werden ihn für einen Außenseiter halten. Und manche, die ihn recht gut kennen, sehen es ebenso. Oder sie erklären ihn für einen Spinner, für einen, der nicht alle Tassen im Schrank hat, aber dabei durchaus liebenswert ist. Und wieder anderen, den Dresdner Behörden zum Beispiel, muss er regelrecht gefährlich vorgekommen sein, wie er bärtig und massig und zornig hineinfuhr in Sachsens Landeshauptstadt, um gegen die Vereinnahmung der Erinnerung an die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 zu demonstrieren. Nach schwerer Kriegszerstörung, schon in den DDR-Jahren beginnend, ist die Elbschönheit in ihrer ganzen barocken Herrlichkeit ja wiederhergestellt worden, mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche und des Residenzschlosses kann die städtebauliche Kriegsverletzung noch ein wenig mehr in Schönheit vernarben.

(...) Lothar König, obgleich von durchaus barocker Figur, liebt es eher schnörkellos. Das mag seinen Zusammenprall mit jenen erklären, die es jahrelang duldeten, dass zum Gedenken an die Opfer der alliierten Bombardements vom 13. bis zum 15. Februar 1945 auch Neonazis aufmarschierten. In einem Milieu falschen Friedens wird König zum Störenfried. Er kann nicht anders.

Außenseiter? König selber geht gelassen damit um. Nach Jahrzehnten im weltzugewandten Dienst der Kirche ist er durch so ein albernes Etikett nicht gleich aus der Fassung zu bringen. Er kennt ja das alte Spiel, in dem Menschen ein- und aussortiert werden. In Ostdeutschland, glaubt er, wird dieses Spiel nach Regeln gespielt, die viel mit jüngerer deutscher Geschichte zu tun haben. Die liegt einem Teil der Nachkriegsgeborenen heute so schwer und unverdaut im Magen, dass sie die verlorenen Schlachten der Väter und Großväter noch einmal schlagen wollen. Siegreich nun, wie sich versteht. Und mit Gebrüll, das in der viel beschworenen Mitte der Gesellschaft oftmals unwidersprochen nachhallt: vielleicht aus Angst, vielleicht aus Gleichgültigkeit. Vielleicht auch aus stillem, händereibendem Einverständnis?

Lothar König sagt, davor fürchte er sich am meisten. Mittelextremisten nennt er jene, deren Schweigen schließlich den Neonazis ihr Geschäft besorgen hilft. (...) »Über die Mittelextremisten müssten wir reden!«, sagt er. »Die Mittelextremisten, das sind wir.« In diesem erstaunlichen, sperrigen Wort hat er alles zusammengefasst. Man stolpert zunächst über den fremd und paradox klingenden Begriff, der zwar nicht ganz neu, aber im allgemeinen Sprachgebrauch keineswegs verwurzelt ist. Mit dem Wort Mittelextremismus wird die vermutete und durch Umfragen, wie man sie vor kurzer Zeit erst in Thüringen angestellt hat, auch belegbare Tatsache beschrieben, dass Teile der gut verdienenden, eigentlich staatstragenden Mittelschicht das politische System der Bundesrepublik in Wahrheit ablehnen, dies aber nicht offen, sondern verdeckt tun.

Wenn das so sein sollte, wofür eine Vielzahl empirischer Beobachtungen spricht, liegt hier in der Tat ein beängstigendes Phänomen vor: Die extremistischen Überzeugungen, die man allein dem rechtsextremen Rand der Gesellschaft zuordnen möchte, siedeln in Wahrheit auch in der Mitte der Gesellschaft und werden dort durch stillschweigendes Einverständnis quasi legitimiert. Zugespitzt ausgedrückt: Die Neonazis dürfen davon ausgehen, mit ihrer gewalttätigen Präsenz, mit ihrem Hass auf Ausländer und ihren Geschichtslügen die Interessen einer relativ großen Bevölkerungsgruppe zu repräsentieren, das heißt, indirekt sogar in deren Auftrag oder jedenfalls mit deren Billigung zu agieren, glaubt Lothar König.