RechtsextremismusDie Gefahr ist mitten unter uns

Zu viele Menschen lehnen insgeheim die Demokratie ab, glaubt der Jenaer Pfarrer Lothar König. Das mache es Neonazis leicht. von Andreas Montag

Viele Menschen, die zum ersten Mal von Lothar König* hören, werden ihn für einen Außenseiter halten. Und manche, die ihn recht gut kennen, sehen es ebenso. Oder sie erklären ihn für einen Spinner, für einen, der nicht alle Tassen im Schrank hat, aber dabei durchaus liebenswert ist. Und wieder anderen, den Dresdner Behörden zum Beispiel, muss er regelrecht gefährlich vorgekommen sein, wie er bärtig und massig und zornig hineinfuhr in Sachsens Landeshauptstadt, um gegen die Vereinnahmung der Erinnerung an die Bombardierung Dresdens im Februar 1945 zu demonstrieren. Nach schwerer Kriegszerstörung, schon in den DDR-Jahren beginnend, ist die Elbschönheit in ihrer ganzen barocken Herrlichkeit ja wiederhergestellt worden, mit dem Wiederaufbau der Frauenkirche und des Residenzschlosses kann die städtebauliche Kriegsverletzung noch ein wenig mehr in Schönheit vernarben.

(...) Lothar König, obgleich von durchaus barocker Figur, liebt es eher schnörkellos. Das mag seinen Zusammenprall mit jenen erklären, die es jahrelang duldeten, dass zum Gedenken an die Opfer der alliierten Bombardements vom 13. bis zum 15. Februar 1945 auch Neonazis aufmarschierten. In einem Milieu falschen Friedens wird König zum Störenfried. Er kann nicht anders.

Anzeige

Außenseiter? König selber geht gelassen damit um. Nach Jahrzehnten im weltzugewandten Dienst der Kirche ist er durch so ein albernes Etikett nicht gleich aus der Fassung zu bringen. Er kennt ja das alte Spiel, in dem Menschen ein- und aussortiert werden. In Ostdeutschland, glaubt er, wird dieses Spiel nach Regeln gespielt, die viel mit jüngerer deutscher Geschichte zu tun haben. Die liegt einem Teil der Nachkriegsgeborenen heute so schwer und unverdaut im Magen, dass sie die verlorenen Schlachten der Väter und Großväter noch einmal schlagen wollen. Siegreich nun, wie sich versteht. Und mit Gebrüll, das in der viel beschworenen Mitte der Gesellschaft oftmals unwidersprochen nachhallt: vielleicht aus Angst, vielleicht aus Gleichgültigkeit. Vielleicht auch aus stillem, händereibendem Einverständnis?

Lothar König sagt, davor fürchte er sich am meisten. Mittelextremisten nennt er jene, deren Schweigen schließlich den Neonazis ihr Geschäft besorgen hilft. (...) »Über die Mittelextremisten müssten wir reden!«, sagt er. »Die Mittelextremisten, das sind wir.« In diesem erstaunlichen, sperrigen Wort hat er alles zusammengefasst. Man stolpert zunächst über den fremd und paradox klingenden Begriff, der zwar nicht ganz neu, aber im allgemeinen Sprachgebrauch keineswegs verwurzelt ist. Mit dem Wort Mittelextremismus wird die vermutete und durch Umfragen, wie man sie vor kurzer Zeit erst in Thüringen angestellt hat, auch belegbare Tatsache beschrieben, dass Teile der gut verdienenden, eigentlich staatstragenden Mittelschicht das politische System der Bundesrepublik in Wahrheit ablehnen, dies aber nicht offen, sondern verdeckt tun.

Wenn das so sein sollte, wofür eine Vielzahl empirischer Beobachtungen spricht, liegt hier in der Tat ein beängstigendes Phänomen vor: Die extremistischen Überzeugungen, die man allein dem rechtsextremen Rand der Gesellschaft zuordnen möchte, siedeln in Wahrheit auch in der Mitte der Gesellschaft und werden dort durch stillschweigendes Einverständnis quasi legitimiert. Zugespitzt ausgedrückt: Die Neonazis dürfen davon ausgehen, mit ihrer gewalttätigen Präsenz, mit ihrem Hass auf Ausländer und ihren Geschichtslügen die Interessen einer relativ großen Bevölkerungsgruppe zu repräsentieren, das heißt, indirekt sogar in deren Auftrag oder jedenfalls mit deren Billigung zu agieren, glaubt Lothar König.

Leserkommentare
    • Gehawi
    • 26. März 2013 11:58 Uhr

    Wenn ich lese, wie im November 2012 eine Lesung von Sarrazin in Jena gestört, die Zuhörer beschimpft und nach der Lesung Herr Sarrazin nur mit Polizeischutz unbehelligt den Veranstaltungsort verlassen konnte, dann frage ich mich, was mit Herrn Sarrazin geschehen würde, wenn ihn die Polizei nicht beschützte. Und im Hintergrund mit seinem Lautsprecherwagen der Herr König als Stimmungsmacher. Ich habe mal gelernt, Freiheit sei die Freiheit der Andersdenkenden. Aber mit dieser Art Freiheit und Demokratie kann Herr König wahrscheinlich nicht viel anfangen.

  1. man nannte das früher Sonntagsspaziergang, und mein Urgrossvater der in Jena als Maurermeister lebte, machte das regelmäßig. Mit seiner Frau, beide hübsch angezogen nach den damaligen Maßstäben, man freute sich unter die Leute zu gehen und "physische Präsenz " zu zeigen

  2. @Gehawi Es sind Menschen wie Sie,die den Begriff "Freiheit der Anderen" nicht kapiert haben.

    via ZEIT ONLINE plus App

    Eine Leserempfehlung
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Gehawi
    • 29. März 2013 10:27 Uhr

    Das kennen wir doch von vor 1989. Es kommt alles auf den ´"Klassenstandpunkt" an. Bei Ihrem Freiheitsbegriff ist es wohl noch so, denn es scheint es Ihnen recht und billig zu sein, zu versuchen, Leute wie Herrn Sarrazin am Reden zu hindern.
    Übrigens: Wie man seine Meinung zu Neonazis äußern kann, zeigt wohl die große Zahl friedlich agierender Dresdener Bürger. Das halte ich für viel wirkungsvoller als sich mit der Polizei zu prügeln.

    • Gehawi
    • 29. März 2013 10:27 Uhr

    Das kennen wir doch von vor 1989. Es kommt alles auf den ´"Klassenstandpunkt" an. Bei Ihrem Freiheitsbegriff ist es wohl noch so, denn es scheint es Ihnen recht und billig zu sein, zu versuchen, Leute wie Herrn Sarrazin am Reden zu hindern.
    Übrigens: Wie man seine Meinung zu Neonazis äußern kann, zeigt wohl die große Zahl friedlich agierender Dresdener Bürger. Das halte ich für viel wirkungsvoller als sich mit der Polizei zu prügeln.

    Antwort auf "Defätismus "
  3. Man darf dem Pfarrer durchaus Respekt aussprechen,
    leider reduziert man das Problem ständig auf den Osten des Landes.
    Nationalismus darf nicht mit Lokalpatriotismus einhergehen, denn das steht jedem zu, auch wenn es dem ein oder anderen abstoßend erscheint.
    Es ist tatsächlich ein Ostphänomen sich mit Land und Kultur auseinander zusetzen und leider gibt es auch Mutationen die aber nicht im selbigen keimen.
    Ich bitte darum Antifaschismuns zu leben aber nicht faschistisch dadurch zu werden, die Freiheit des Andersdenkenden ist ein Geschenk, und auch wenn es viele nach 70 Jahren nicht verstehen; der Krieg ist vorbei.
    Deutschland ist komischerweise nicht besonders Gewalt belasted auf den Strassen im Osten sondern eher im Westen. Ich will hier auch nochmal sagen das es wichtig ist diese Leute zu verstehen; auch die die anscheinent den Verstand verloren haben. Nationalsimus ist keine Ethnie.
    Sondern eine Krankheit.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service