Vier Jahre Obama : Die coole Macht

Barack Obama reformiert Amerika – seine größte Tat aber ist der Abschied von der alten Selbstherrlichkeit.
Barack Obama © Brendan Smialowski/Getty Images

Will er überhaupt wieder Präsident werden? Das ist die Frage, die übrig geblieben ist von Barack Obamas rätselhaft müdem Auftritt in seiner ersten Fernsehdiskussion mit Mitt Romney. Eine absurde Frage, natürlich will der Präsident wiedergewählt werden; er selbst und sein ganzer Apparat kreisen seit Monaten um dieses Projekt und werden dafür am Ende eine Milliarde Dollar ausgegeben haben. Aber bei der Debatte war er wie gelähmt oder abwesend – als fühle er sich tief unwohl auf diesem Podium, in seinem Amt und in der ganzen lästigen, schmutzigen, undankbaren Politik. Obama hat seither wieder aufgedreht, in der zweiten Debatte und seinen Reden Romney kräftig attackiert, die neuen, gesunkenen Arbeitslosenzahlen als Beweis für die Richtigkeit seines Kurses ins Feld geführt. Doch etwas ist angeknackst, das bleibt als Eindruck, und so recht traut man der Reparatur nicht.

Dass Barack Obama so neben sich zu stehen schien, ist kein bloßer Unfall, es gehört zu seinem Wesen, mindestens als Möglichkeit. Er ist ein Intellektueller, ein Beobachter, auch ein Selbstbeobachter – kein instinktives Machttier, dem es in seiner Kämpferhaut behagt und das auf seine Reflexe vertraut. Ausgerechnet auf dem Parteitag der Demokraten (wo seine Rede auch schon etwas matt ausfiel) hat der Präsident zu erkennen gegeben, dass er Wahlkampf letztlich albern findet. Er will kein normaler Politiker sein, seine ganze Karriere, sein gesamter Anspruch beruhen auf dem Anderssein. Zugleich hat er ein im Grunde unmögliches, jeden Inhaber überforderndes Amt inne. Obamas innere Kompliziertheit und die äußeren Widerstände sind der Stoff, aus dem die Enttäuschung über diesen Ausnahmepräsidenten gemacht ist, die fast schon selbstverständliche Vorstellung, er sei gescheitert, entzaubert, aufgeflogen. Man muss sich aber fragen, ob ein gerechtes Urteil über Barack Obama nicht anders lautet. Ob seine Geschichte nicht eigentlich die einer heroischen Anstrengung ist – und sogar einer heroischen Leistung. Ob er nicht trotz allem ein Held ist.

Der Irrwitz des Amtes zeigt sich nicht an den extremen, sondern an den normalen Tagen eines US-Präsidenten. Am Vormittag des 29. April 2011 sind es noch 48 Stunden bis zu der Kommandoaktion im pakistanischen Abbottabad, bei der ein Trupp amerikanischer Spezialkräfte Osama bin Laden töten wird. Aber das kommt in Barack Obamas Tag, der sich aus Presseberichten, Gesprächen mit Mitarbeitern des Weißen Hauses und der Teilnahme an öffentlichen Terminen recht genau rekonstruieren lässt, fast gar nicht vor. Morgens um halb neun, nach einer kurzen Beratung im Nationalen Sicherheitsrat, bricht der Präsident nach Tuscaloosa in Alabama auf, wo ein Tornado gewütet hat. Unterwegs im Flugzeug: Nachbesprechung des vorigen Abends, an dem Obama in New York angefangen hatte, die dortigen Demokraten auf den Wahlkampf 2012 vorzubereiten. Außerdem: Arbeit an der Rede für den nächsten Tag, zum alljährlichen Fest des Pressecorps in Washington. Sie muss witzig werden; vor allem will sich Obama über den Immobilientycoon Donald Trump lustig machen, der unter den Gästen sein wird und die rechte Verschwörungstheorie vertritt, der Präsident sei in Wahrheit gar kein Amerikaner und seine Geburtsurkunde gefälscht. Währenddessen wird die neueste Opferbilanz des Tornados hereingereicht: inzwischen 346 Tote. »Und übrigens: Der Bürgermeister von Tuscaloosa heißt Walter Maddox.«

Nicht jeder Arbeitstag ist Hollywood

Um elf Uhr Ansprache in Tuscaloosa: Die USA verstehen es, harte Zeiten durchzustehen – »ganz gleich, wie schwer die Prüfung auch ist, wir verlieren dabei nie den Glauben an uns selbst«. Von Alabama mittags weiter zur Raumfahrtstation Cape Canaveral in Florida. Obama hat zugesagt, beim Aufbruch des Raumschiffs Endeavor zu seiner letzten Mission im All dabei zu sein. Der Start muss wegen eines Defekts verschoben werden, der Präsident fliegt trotzdem hin; man darf die Leute nicht enttäuschen. Unterwegs: Arbeit an der Rede, die abends vor Studenten in Miami zu halten ist. Zwischendurch Telefonate mit Abgeordneten, um die drohende Zahlungsunfähigkeit der Vereinigten Staaten abzuwenden – die Verhandlungen zwischen Demokraten und Republikanern über eine Anhebung der staatlichen Schuldengrenze sind ins Stocken geraten. Nach der Landung in Cape Canaveral lässt sich der Präsident von Wissenschaftlern die neueste Raumfahrttechnik erläutern. Weiter nach Miami. Um 19.30 Uhr Auftritt vor den Studenten des Dade College: Der krisengebeutelte Absolventenjahrgang 2011 soll von den Tornado-Opfern in Tuscaloosa lernen, die Hoffnung zu bewahren. Kurz vor Mitternacht ist Obama zurück im Weißen Haus. Er liest noch zehn Briefe – die tägliche Auswahl, die seine Mitarbeiter aus der Flut der Zuschriften treffen. Ein spaltbreit geöffnetes Fenster ins Leben der anderen.

Der amerikanische Präsident ist nicht einfach »der mächtigste Mann der Welt«, wie es immer heißt. Er ist der Inbegriff von Macht schlechthin, eine Figur aus dem politischen Märchenbuch. Der Koffer mit den atomaren Befehlscodes und die Air Force One als fliegende Kommandozentrale des Weltuntergangs oder der Weltrettung haben sich der kollektiven Fantasie der Menschheit eingeprägt; als sei da jeder Arbeitstag Independence Day à la Hollywood. Zugleich ist das Versprechen des Amtes unerfüllbar. Jeder US-Präsident sieht stärker aus, als er ist; er hat viel weniger Kontrolle über das Parlament (sogar über die Abgeordneten und Senatoren der eigenen Partei) als ein europäischer Regierungschef. Für Barack Obama allerdings ist der Kontrast zwischen Nimbus und Realität noch viel greller geworden als für seine Vorgänger. Mit seiner charismatischen Einzigartigkeit als erster Schwarzer an der Spitze des Staates hat er den Präsidentenmythos noch einmal in neue Dimensionen gesteigert. Zugleich hat er es mit einer Opposition zu tun, die nicht einmal mehr auf den Schein von Kooperationsbereitschaft Wert legt und alles blockiert, was aus dem Weißen Haus kommt. Er führt ein geschwächtes Amerika in einer unregierbaren Welt.

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Kommentare

27 Kommentare Seite 1 von 5 Kommentieren

Die "zu vielen Entscheidungen", die Obama zermürben,

sind zweifellos die Drohnen - Todesurteile, die nun ständig seinen Namen tragen. Da würde sich jeder gern die Hände waschen wie Pontius Pilatus. Der letzte israelische Premierminister, der sich dieser Tradition, damals noch ohne Drohnen, verweigert hat, soll ja Levi Eschkol gewesen sein (im Amt verstorben)

Ja, das stimmt.

Sprichwörtlich heißt es, man soll das mildere Übel wählen, das wäre Obama.Mit Romney hätten wir einen neuen Krieg im Nahen Osten, das sagt er ganz stolz, obwohl er nichtmal Präsident ist.

Aber als jmd. der 12000 km weit weg wohnt, bilde ich mir nicht ein zu wissen, was da genau in der Politik vorgeht. Ich glaube selbst Obama weiß es nicht...die Ehre überlassen wir mal den Kommentatoren hier...

by the way

Man bedenke nur, welche intakten informellen Strukturen die Bush-Administration hinterlassen hatte, um der Obama-Administration vernünftiges politisches Handeln bis zum heutigen Tage zusätzlich zu erschweren und dass selbst die Fiedensnobelpreisverleihung erscheinen mußte wie der blanke Hohn einer Adminstration gegenüber, der soviele Steine in den Weg gelegt wurden vom politischen Gegner, wie kaum einer vor ihr in den USA.
Das zeigt allerdings lediglich worauf es viele Republikaner angelegt zu haben scheinen, samit ihren Freunden evangelikaler Provenienz: Armageddon.

Verglichen mit Romney's Plänen für die USA dürfte die Obama-Administration geradezu als Verschnaufpause für die Demokratie in den USA gelten.