US-Wahlkampf Auftritt: Der wahre Romney
Schafft der Republikaner ein Comeback? Der US-Wahlkampf ist plötzlich wieder ganz offen.
Die Amerikaner verzeihen ihren Führungspolitikern viele Schwächen, aber fehlende Begeisterungsfähigkeit verzeihen sie nicht. Wir wollen jemanden, der euphorisch, optimistisch und selbstbewusst ist. In Europa erwarten die Wähler wohl eher Ernsthaftigkeit und Realismus, aus der gereiften Erkenntnis, dass die Menschheit und die natürlichen Ressourcen ihre Grenzen haben. Auf dieser Seite des Atlantiks wollen wir keinesfalls an Grenzen erinnert werden, oder nur dann, wenn es darum geht, sie zu leugnen.
Falls Mitt Romney in diesem Jahr tatsächlich Präsident werden sollte, wird in den Geschichtsbüchern stehen, dass sein Comeback am 3. Oktober während der Debatte mit Präsident Obama begann, als es voller Begeisterung aus ihm herausplatzte: »Macht Spaß, oder?«
Vor vier Jahren hat Barack Obama seine Rolle erfüllt. Am 3. Oktober aber schien der Mann, der einmal als Inbegriff von Hoffnung und Lust am Wechsel galt, verschwunden zu sein. Dagegen schien Romney enthusiastisch und voller Energie, bereit, sich an die Arbeit zu machen, um die Probleme der Nation zu lösen. Romney wirkt vor großem Publikum oder bei Gesprächen mit ganz normalen Bürgern auf seiner Wahlkampftour oft unbeholfen. Während der Debatte jedoch bekam die Nation einen Eindruck von dem ehemaligen Unternehmensberater und Risikokapitalanleger, der Millionen verdiente, indem er Investoren in dreißig Sekunden um den Finger wickelte. Das war ziemlich beeindruckend, vor allem in einer Kultur, in der Geschäftsmänner weitaus mehr bewundert werden als in Europa.
ist Kolumnist der Washington Post.
Romney ist von seinen konservativen Positionen abgerückt, die er noch während des Vorwahlkampfs der Republikaner vertreten hatte, und genau das hat funktioniert: Die Wähler sahen den Mann, der den traditionell von den Demokraten geprägten Staat Massachusetts vier Jahre lang als moderater Republikaner regiert hatte. Und fast 70 Millionen Zuschauer waren Zeugen bei dieser Vorstellung eines freundlichen, integrativ wirkenden Mannes – weit weniger Menschen haben das heimlich aufgenommene Video gesehen, in dem Romney die 47 Prozent der Wähler abgeschrieben hatte, die staatliche Leistungen in Anspruch nehmen.
Bis dahin hatte es Obamas Kampagne geschafft, Romney als das Werkzeug einer rechtskonservativen, rassistischen Partei darzustellen, als herzlosen Kapitalisten, der reich wurde, indem er Stahlarbeiter entlassen hatte. Aber in der Debatte behandelte Romney seinen Gegner voller Respekt – er nannte ihn »Mr. President« –, und er hat nicht ansatzweise eine Sprache benutzt, die rassistische Untertöne enthielt. Das war ein unausgesprochener Gegensatz zu der Kampagne des Präsidenten, die teilweise nicht mehr klar zwischen der Auseinandersetzung mit Romney und dessen Dämonisierung getrennt hatte.
Noch schlimmer für die Demokraten: Man könnte sagen, dass dieser neue, moderate Romney der »wahre« Romney sei; dass ihn die Republikaner deshalb während des Vorwahlkampfs nur widerwillig akzeptiert haben; dass sie immer auf der Suche nach einem konservativeren Kandidaten waren. Nun, da Romney, der Moderate, die Bühne betreten hat, wird er für unabhängige Wähler attraktiv, die an ihm gezweifelt hatten, weil sie ihn für eine Marionette der rechten Tea-Party-Bewegung hielten.
Obamas Kampagne hat Romney so heftig attackiert, dass sie darüber vergessen hat, selbst eine positive Botschaft zu formulieren. Der Präsident versteht zweifellos, dass es für uns Amerikaner sehr wenig Grund gibt, zufrieden und unbeschwert zu sein. Es ist auch richtig, dass Obama unter sehr schwierigen Umständen sein Bestes gegeben hat. Aber »Es hätte schlimmer sein können« taugt nicht als Slogan in Amerika. Oder, wie Romney es in der Debatte treffend formulierte: »Der Status quo wird es nicht bringen.«
Jetzt sagt Romney den Wählern, dass sie ihre Enttäuschung über den Präsidenten ausdrücken können, indem sie Republikaner wählen. Viele, die bislang eher zurückhaltend waren, scheinen ihm nun zuzuhören. Für Mitt Romney war die Kampagne 2012 wie der Marsch durch ein gigantisches Minenfeld, jederzeit hätte ein Sprengsatz explodieren können – republikanischer Extremismus, sein unerhörter Reichtum, seine Abgehobenheit. Doch irgendwie, in einer Mischung aus Ausdauer und Talent, hat er es geschafft, dieses Minenfeld unversehrt zu durchqueren.
Vor zwei Wochen gingen alle Experten noch von Obama-Festspielen aus, doch nun stehen die USA vor einer extrem knappen Wahl.
Macht Spaß, oder?
Aus dem Amerikanischen von Justus von Daniels
- Datum 11.10.2012 - 08:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 11.10.2012 Nr. 42
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