Saudisches KönigshausWowi und der Prinz

Alkoholfreie Cocktails unter Kronleuchtern: Wie das saudische Königshaus in Berlin versucht, sein Image aufzubessern. von 

Plötzlich verstopft eine Kolonne schwarzer Limousinen die Straße, 40 Männer in dunklen Maßanzügen steigen aus, sie tragen verspiegelte Sonnenbrillen, obwohl der Himmel über Berlin an diesem Montag bedeckt ist. Sie kommen aus Saudi-Arabien und wollen die Worte ihres Königs in die Welt tragen. Nacheinander betreten sie den Henry-Ford-Bau der Freien Universität Berlin.

Die Königsfamilie hat sich an diesem Morgen den Hörsaal B gemietet, um ein deutsch-saudisches Symposium abzuhalten. Seine Majestät ist zwar nur mit einem Poster im Foyer vertreten, doch unter seiner Schirmherrschaft wird zum fünften Mal der »Übersetzerpreis des Hüters der Heiligen Stätten« vergeben. Ein Mitarbeiter der saudischen Botschaft verteilt eine arabische Fassung der Raupe Nimmersatt, ein Buch mit dem Titel Die wahre Bedeutung von Terrorismus und die Biografie von König Abdullah ibn Abdel Asis. Die Veranstaltung soll dem Königreich ein modernes Image verleihen, sie ist Teil einer neuen Kulturoffensive. In den letzten Jahren war die Delegation schon in Paris und Peking.

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Fünf saudische Fernsehteams bauen ihre Kameras im Hörsaal auf, die 40 Männer nehmen auf Holzstühlen Platz. Auf dem Podium haben sich zwei der Preisträger und drei deutsche Orientwissenschaftler niedergelassen. »Heute endet der Kampf der Kulturen«, ruft der Berater Seiner Majestät, »Samuel Huntington ist tot!« Und wem haben wir die Aussöhnung zwischen Westen und Islam zu verdanken? Natürlich dem Hüter der Heiligen Stätten: »Unser geliebter König belohnt Völkerverständigung, und das tut er vorausschauend schon seit Jahrzehnten.« Und wie belohnt der König die Völkerverständigung? Mit umgerechnet 150.000 Euro pro Preisträger.

Mona Baker ist eine von ihnen. Die Ägypterin ist Professorin für Übersetzungswissenschaften an der Universität in Manchester. Sie hat den Preis für ihr Lebenswerk bekommen, seit 35 Jahren übersetzt sie zwischen dem Arabischen und anderen Sprachen. In Großbritannien ist sie umstritten, weil sie 2002 zwei israelische Wissenschaftler von der Mitarbeit an Fachzeitschriften ausgeschlossen hat. Mit geballter Faust tritt sie ans Rednerpult: »Wir dürfen Zionisten und Amerikanern den Diskurs nicht überlassen!« Die Saudis nicken, die deutschen Zuhörer schauen verlegen. Auf dem Rednerpult ist das Logo der Freien Universität gedruckt: »Veritas Iustitia Libertas«; Wahrheit, Gerechtigkeit, Freiheit. Die FU verdankt den Amerikanern ihre Existenz.

Nach einer Reihe von Referaten über die Weisheit des Königs meldet sich ein Herr mit Seitenscheitel und Brille. Er klammert sich ans Mikrofon: »Mein Name ist Erhard Körting, ich war bis vor Kurzem Innensenator der Stadt Berlin.« In dieser Rolle hat er versucht, Kontakt zu jugendlichen Salafisten zu knüpfen, indem er sie in ihrer Moschee besuchte. Körting hat mit ihnen über Integration und Islam gesprochen, seine Sorge war, dass sie sich durch Texte im Internet radikalisierten. Einige Jugendliche, die er kennengelernt hat, sagt Körting, kopierten manchmal arabische Texte von islamistischen Seiten und ließen sie von Programmen wie Google Translate ins Deutsche übersetzen. Wie solle man damit umgehen, fragt er das Podium. Frau Baker zuckt ihre Schultern: »Keine Ahnung.«

Um Politik soll es bei diesem Austausch zwischen Freunden auch nicht gehen. Die Moderatorin auf dem Podium, eine Arabistin aus Bamberg, verzieht ihr Gesicht, als sie Körting sprechen hört. Sie bedauere den »politischen Schatten, der auf Wissenschaft und kulturellem Dialog liegt«, sagt sie und plädiert für die »Entpolitisierung der Beziehungen zwischen den Völkern«. Die deutsch-saudische Freundschaft soll gefeiert, nicht hinterfragt werden.

Und gefeiert wird am Abend. Für die Übergabe des Übersetzerpreises hat die Königsfamilie den Festsaal des Roten Rathauses gemietet, der größer und dekorativer ist als Hörsaal B. Die Gäste sitzen unter Kronleuchtern an runden Tischen, es werden alkoholfreie Cocktails serviert. Wie viel der Abend kostet, wollen die Organisatoren nicht verraten. Nur so viel: Das Grußwort des Regierenden Bürgermeisters ist inklusive. An diesem Abend soll Klaus Wowereit den Prinzen Abdel Asis ibn Abdullah wiedertreffen, den er vor einem Jahr auf einer Wirtschaftsreise in Riad kennenlernte, und mit ihm gemeinsam die Preise übergeben.

Die Veranstaltung soll um 18 Uhr beginnen, die Gäste schauen erwartungsvoll. Doch weder Wowereit noch der Prinz erscheinen. Wowereit, Gast im eigenen Haus, sitzt in seinem Büro, denn der Prinz lässt auf sich warten. Schließlich ist Abdel Asis ibn Abdullah es ja gewohnt, dass sich andere nach ihm richten: Er ist der Sohn des Königs, Vize-Außenminister und Vorsitzender der Jury. Um 19 Uhr betritt er endlich den Raum, er trägt sein traditionelles Gewand, fünf Bodyguards laufen neben ihm her. Alles wird still, die Kameras zoomen auf ihn. Wowereit schüttelt ihm die Hand, gratuliert zur Veranstaltung. Heute ist Abdel Asis der König von Berlin.

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    • Schlagworte Klaus Wowereit | Berlin | Saudi Arabien
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