Medien : Irrlehren und Hetze

Populistischer Journalismus verletzt entscheidende Werte

Peer Steinbrück hat kürzlich darauf hingewiesen: Es besteht ein grundsätzlicher Unterschied zwischen dem fatalen Ziel der »Markttauglichkeit der Demokratie« und der Demokratietauglichkeit jener Regeln, die auf den Märkten gelten. Um das zu verstehen, muss man sich gar nicht besonders gut auskennen in der cineastischen Kampfzone zwischen Banditen, Indianern, Kavalleristen, Prostituierten und Siedlern.

Wir alle wissen, dass die Einhaltung demokratischer Grundregeln etwas kostet. Menschenrechte, Meinungsfreiheit, Chancengleichheit und Partizipation sind ebenso kostbare Güter wie die Kritikfähigkeit einer Gesellschaft. Jedenfalls käme es uns ziemlich teuer zu stehen, wollten wir diese Werte als Luxus bezeichnen, bloß um leichter das Geschäft mit ihrer systematischen Verletzung zu betreiben, etwa im populistischen Journalismus.

Das »Zeitalter der Extreme«, von dem der kürzlich verstorbene britische Historiker Eric Hobsbawm sprach, bietet dafür genügend Anschauungsmaterial. Denken wir nur an jene Kampagnen, die der Nürnberger Verleger und Gauleiter Julius Streicher im Stürmer organisierte. Sein Blatt berichtete jede Woche von einer Welt, die sich nur ein krankes Hirn ausdenken konnte. Dabei ging es ihm ausschließlich um das Geschäft der giftig-perfiden Hetze, um die rücksichtslose Pflege von Verschwörungstheorien, um Diffamierung, Denunziation und Rassismus. Das Nürnberger Kampfblatt war eine Dekultivierungsmaschine par excellence, die alles niedermachte, was dem deutschen Journalismus der späten 1920er und der 1930er Jahre an Anstand geblieben war.

David Gugerli

ist Professor für Technikgeschichte an der ETH Zürich.

Streicher war ein großer verlegerischer Erfolg beschieden. Die Auflage stieg unaufhörlich und machte den Eigentümer, Verleger und Chefredaktor zum Millionär. Die Stürmer-Kästen, in denen die aktuelle Ausgabe des Blattes in allen Städten aushing, erreichten ein Massenpublikum, das immer öfter zu den johlenden Zaungästen ebenjener öffentlicher Verunglimpfungsveranstaltungen zählte, auf denen jüdische Bürger und Bürgerinnen durch die braunen Volksgenossen beschimpft, misshandelt und der Lächerlichkeit des Pöbels ausgesetzt wurden.

Angefangen hat Streicher mit beleidigenden Artikeln gegen bekannte Nürnberger Honoratioren. Auch »einfachere Menschen«, so Streicher, sollten begreifen, »was unser Unglück« sei. Und die NS-Parteiführer hatten in der Figur Streicher einen zwar widerlichen, niedrige Instinkte mobilisierenden Verleger zur Hand, der mit seinen abstrusen und pornografischen Schauergeschichten eben die Stimmung anheizte, die zu den Nürnberger Rassegesetzen führten. Aber das Angebot passte auf die Nachfrage, der Zeitung ging es gut. Ihr brutales Layout bestimmte den Inhalt, wurde von einfach gestrickten, auf der selbst erzeugten Welle ihrer eigenen Ressentiments reitenden Journalisten zusammengeschrieben. Der Stürmer warnte mithilfe der Konterfeis von »Volksfeinden« vor Verschwörungen und vor jenen, die Irrlehren über den internationalen Finanzkapitalismus verbreiteten. Unter ihnen auch Universitätsprofessoren.

Manchen Mitgliedern der Partei ging der Stürmer vielleicht etwas zu weit, aber sie hielten ihn durchaus für nützlich. Niemand wollte da gerne intervenieren. Schließlich hielt ja auch der Führer der Partei immer wieder seine schützende Hand über diesen gnadenlos erfolgreichen publizistischen Unternehmer.

Anständige Menschen wiederum haben seine Reden nicht wirklich ernst genommen, und bald war es auch nicht mehr möglich, mit rechtlichen Mitteln gegen das Hetzblatt vorzugehen. Zu zahnlos waren die existierenden Pressegesetze, zu schwach der politische Wille, Denunzierte zu schützen.

Wenn in diesen Tagen in Einklang mit einer Parteileitung Universitäten diffamiert werden und auf der Titelseite die Konterfeis von Professorinnen und Professoren an die Wand geklebt werden, weil sie angeblich Irrlehren verbreiten, dann hat das Gott sei Dank nichts mit »Rassenschande« zu tun, sondern vor allem mit dem Geschäft. Dem Buhlen um Aufmerksamkeit. Dabei werden auf dem Altar der Marktförmigkeit jene demokratierelevanten Werte geopfert, die eine unabdingbare Voraussetzung für unser Glück darstellten. Fast wünschte man sich die Möglichkeit zurück, die Kavallerie aufbieten zu können.

Diesen Text verfasste David Gugerli als Kolumnist der Neuen Zürcher Zeitung; er wurde von der Redaktion abgelehnt.

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Kommentare

7 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Werter Herr Professor, (Teil 1)

Ihr Artikel liesst sich nördlich der Rheins recht harmlos (historische Wahrheiten), für Schweizer Ohren ist das starker Tobak.
Interessant wäre die genaue Begründung gewesen, warum die NZZ den Artikel nicht abgedruckt hat. Eine Kritik an NS-Zeitungen wie dem "Stürmer" wäre tatsächlich nicht relevant. Die Diskussion um die "auf der selbst erzeugten Welle ihrer eigenen Ressentiments reitenden Journalisten" ist nichts neues.
Im Kontext mit der ETH Zürich, welche öffentlich von Teilen der SVP und nahestehenden Medien (C. Blocher/ Weltwoche) heftig diskreditiert wurde, weil sie angeblich "Seilschaften von Deutschen" an der Hochschule dulde, würde Ihre Darstellung als Parabel historischer Fakten natürlich viel mehr Bedeutung gewinnen.
Auch wenn der historische Vergleich m.E. hier absolut nicht zulässig ist, möchte ich wenigstens zwei Zeilen zum "Dresscode" der Journalisten verlieren.

Wir müssen einfach damit leben, dass ambitionierte Journalisten bereit sind, jede gesellschaftliche Gruppe zu diskreditieren, um Auflage zu machen und sich nicht zu schade sind für politische Interessen eingespannt zu werden.

Eine kritische Öffentlichkeit, welche nicht alles Gedruckte als notwendigerweise wahr betrachten und auch aktiv solchen Populismus hinterfragt, ist unsere beste Versicherung.

Teil 2 - wirklich starker Tobak

Sie beziehen sich auf diesen Artikel? Diesen Link hätten Sie problemlos mitliefern können:

http://www.weltwoche.ch/a...

Ich bin (mir) als Expat in der Schweiz einiges gewohnt - das hier hinterlässt mich wirklich sprachlos. Die Wissenschaftler, welche in die dogmatischen Ansichten dieser Partei passen, werden persöhnlich angegangen.

Warum hat die NZZ es abgelehnt, dagegen vorzugehen? Wo bleibt die Kavallerie?