Sie kamen mit Masken des Rächers Guy Fawkes, die Kapuzen über den Köpfen. Sie planten, einen Mann zu outen. Sich selbst offenbarten sie nicht. Der 9. November des vergangenen Jahres; Hörsaal 10 der Uni zu Leipzig . Seit einer Stunde hält der Jurist Berend Koll seine Vorlesung zum Polizeirecht. Plötzlich betritt eine Gruppe die Bühne, eine Gruppe vermummter Gestalten. »Wir möchten euch einen Kommilitonen vorstellen«, ruft einer der Maskierten. Dann liest er eine Rede vor, über einen Mann namens Manuel Tripp.

Manuel Tripp, geboren 1989, ist ein sportlicher Typ mit Kurzhaarfrisur. Auch er sitzt in diesem Hörsaal – gleich in der ersten Reihe. Wie eine Waffe hält jemand ein Schild neben Tripps erröteten Kopf. Es steht ein einziges Wort darauf, das Wort lautet: »Neonazi«. Nazis haben, das ist die Botschaft, an der Uni nichts zu suchen.

Fast keiner im Hörsaal hatte zuvor gewusst, wer Manuel Tripp ist: ein Stadtrat der NPD im Ort Geithain, etwa 40 Kilometer südlich von Leipzig. Tripp gilt als führender Kopf des sogenannten Freien Netzes in der Region, in dem militante Rechtsradikale sich organisieren. In seinem Umfeld sind Vorbestrafte, er selbst predigt vom »Nationalen Sozialismus«. Im Internet kann man ihn als Redner sehen: »Kämpfen wir für eine deutsche Volksgemeinschaft, die ihre Identität nicht zugunsten fremdvölkischer Invasoren aufgeben muss!« Das ist ein Satz, den er sagt. Im neuesten sächsischen Verfassungsschutzbericht wird Tripp namentlich erwähnt.

Ein Nazi im Hörsaal

Darf einer wie Manuel Tripp also wie jeder andere studieren? Ein Mann, der solche Gedanken hegt, im Jahr nach dem NSU-Schock? An einer Hochschule sein mit Studenten aus aller Welt? Ist das denn auszuhalten? Und andererseits: Darf man einem das Recht aufs Studium absprechen, nur weil er eben ein Radikaler ist? Darf man einen Menschen – auch wenn er tickt wie Tripp – in so einer Weise bloßstellen wie durch das Outing im Hörsaal 10?

Das ist der Streit auf den Fluren der Leipziger Universität, eines Hauses der hohen Bildung, in dem man Neonazis doch gar nicht vermuten würde. Die erste Antwort lautet: Man kann sich längst auch in bürgerlichen Zirkeln nicht mehr sicher wähnen vor den »Nationalen«. Die Partei drängt in die Mitte. Hans-Peter Friedrich (CSU) , der Bundesinnenminister, sagte vor wenigen Tagen, in einigen Landstrichen Ostdeutschlands trumpften Neonazis auf und unterwanderten zivilgesellschaftliches Leben bewusst für ihre Zwecke. Es hat darum viel Aufregung gegeben , aber der Satz hat einen wahren Kern: Sogar an einer Alma Mater ist man vor Neonazis nicht länger sicher.

Das ganze Land debattierte kürzlich über den Fall der Ruderin Nadja Drygalla , über ihre Beziehung zu einem Ex-NPD-Mann, der an der Rostocker Uni studiert: Das war ein Zeichen der Unsicherheit. Was soll man tun mit den freien Radikalen, mit ihrem Drang nach Teilhabe? Was tun, wenn Rechtsextreme in den Berufsschulen sitzen oder Gemeinderatssitze erobern?

Ein schleichender, giftiger Prozess

Dies sind keine Beispiele, die einer Fantasie entspringen. Es sind alltägliche Nöte. In Geithain, Manuel Tripps Heimatstadt, explodierte ein Sprengsatz vor dem Bollywood , dem Lokal eines Pakistaners. Eine Gruppe, der Tripp nahesteht, postete nach der Tat bei Twitter: »Märchen mit gutem Ende? Pakistanischer ›Bollywood‹-Betreiber packt seine Koffer.« Das ist noch kein Bekenntnis zum Anschlag. Aber ein Bekenntnis zur Freude darüber. Muss man das ertragen? Die Diskussion sollte man sich nicht verbieten. Dass die NPD zunehmend normal erscheint, immer kompatibler mit dem Mainstream – das ist ein schleichender, giftiger Prozess.

Doch darüber wird fast nie gesprochen, fernab großer Erregungswellen nimmt die Öffentlichkeit das Thema nicht ernst. Mehr Debatte wünscht sich deshalb Leipzigs Uni-Rektorin. Ein Besuch bei Beate Schücking: Die 56-Jährige ist Medizinerin, mit Rechtsextremisten kommt sie selten bewusst in Kontakt. Doch unlängst konnte sie von ihrem Amtszimmer aus Deutschlands NPD-Granden sehen: eine braune Demo, direkt vor dem Rektorat, die Partei war in den vergangenen Wochen auf einer »Deutschlandtour« unterwegs. Bundeschef Holger Apfel verlautbart über die Stationen dieser Reise: »Ganz bewusst haben wir stets die Zentren von Umerziehung und Überfremdung gewählt.«