Leanne ShaptonMeine Jahre als Sportlerin

Leanne Shapton war Leistungsschwimmerin – ihr Traum war Olympia. Noch heute zieht das Wasser sie wie magisch an - davon handeln ihre Bilder und Texte in diesem Heft. von Leanne Shapton

Einmal im Jahr, wenn im Herbst die neuen Bücher erscheinen, überlassen wir unser Heft der Literatur: Daniel Kehlmann und Don DeLillo schrieben Geschichten, Rainald Goetz gestaltete eine Ausgabe, Moritz von Uslars Roman »Deutschboden« illustrierten wir mit Ölbildern. Jetzt stellen wir das neue Buch von Leanne Shapton vor, das diese Woche bei Suhrkamp erscheint. (Vor zwei Jahren berichteten wir über ihr Buch »Bedeutende Besitztümer«.) In »Bahnen ziehen« erzählt die 39-jährige Künstlerin und Autorin, dass sie als Mädchen Leistungsschwimmerin in ihrer Heimat Kanada war. In Texten und Bildern erinnert sie sich an diese Zeit, die sie bis heute prägt.

Angenommen, ich gehe mit ein paar Leuten schwimmen – im Meer, im Schwimmbad, in einem See – und einer kennt meine Vergangenheit als Schwimmerin und erzählt den anderen: »Leanne ist olympische Schwimmerin.« Ich protestiere: »Nein, nein, ich habe nur die Qualifikationsmeisterschaft erreicht, ich bin nicht zu den Olympischen Spielen gefahren.« Doch die Geschichte schwebt im Raum wie ein bunter Ballon – leuchtend und interessant für andere, wehmütig und bloßstellend für mich.

Auf Nachfrage reicht es meistens, wenn ich sage, ich bin 1988 und 1992 bei den kanadischen Olympia-Qualifikationsmeisterschaften angetreten. Dass ich einmal, für kurze Zeit, auf Platz acht der kanadischen Bestenliste stand. Ich erkläre, dass man, um zur Olympiade zu fahren, bei der Qualifikation Erster oder Zweiter werden müsse. Und dann bricht das Gespräch ab. Nachdem wir ein bisschen herumgeplanscht haben, waten wir ins flache Wasser oder stemmen uns auf das Boot oder den Steg, und das Gespräch wendet sich dem Essen oder dem Treiben anderer Leute zu.

Anzeige

Ich habe keine lebhaften Erinnerungen an die Qualifikationsmeisterschaften oder an das Gewinnen von Medaillen; ich erinnere mich kaum daran, wie ich zum ersten Mal aufhörte, 1989, oder wie ich es Mitch, meinem Trainer, sagte. Es war wohl nach einem Abendtraining. In der Schwimmhalle, als die anderen schon in der Umkleide waren. Wahrscheinlich stand ich da im Badeanzug mit meinem Matchbeutel und meinem Handtuch. Er sagte etwas wie: »Was gibt’s?« Und dann sagte ich es ihm. Sagte, dass meine Familie aufs Land zog, dass ich wegen des Schwimmtrainings nicht bei einer anderen Familie wohnen wolle – deshalb, sagte ich, hätte ich beschlossen aufzuhören.

Vielleicht sagte ich es ihm auch, während ich mir die Knie eiste. Freistil-, Rücken- und Schmetterlingsschwimmer haben meistens Probleme mit den Schultern, Brustschwimmer haben oft Knieprobleme, und es wird ihnen geraten, sich die Knie regelmäßig mit Eis zu kühlen und täglich 800 Milligramm Aspirin zu schlucken. Nach den meisten Trainings und Wettkämpfen saß ich mit einem Styroporbecher mit gefrorenem Wasser auf der Tribüne und ließ die Eisfläche über die Innenseiten meiner Knie kreisen, bis sie leuchtend pink wurden und alles Gefühl verloren. Den Becher schälte ich am Rand ab, damit das Styropor auf der tauben Haut nicht quietschte. Das Eis wurde ganz glatt, schmolz sich in Form.

An das Gespräch kann ich mich nicht erinnern. Ich weiß noch, wie ich am nächsten Morgen mit Dawn, der Co-Trainerin, sprach. Mitch war nicht da. Wir saßen auf zwei Plastikklappstühlen am Beckenrand und sahen dem Team beim Training zu. Dawn sagte mir, dass Mitch wütend sei. Sie fragte mich, was ich vorhätte. Ich glaube, ich sagte, ich wolle Klavier lernen und Kunst studieren, auch wenn ich wusste, dass sie es nicht verstehen würde. Vielleicht verstand ich es selbst nicht. Ich erinnere mich, wie ich den Schwimmern im Wasser zusah, die gerade mit dem anstrengenden Hauptteil des Trainings begannen, und dachte: Ich habe die Grenze überschritten. Ich muss das nicht mehr tun. Ich erinnere mich, dass ich da saß und erleichtert war.

Einmal hatte Mitch zu mir gesagt: »Aus dir wird eine tolle Schwimmerin.« Dawn sagte: »Mitch will nicht mit dir reden.« Wenn du Schwimmer bist, stehen die Trainer über dir, auf einem Podest. Du schaust zu ihnen auf, stehst verwundbar, nackt und nass vor ihnen. Trainer sehen dich schwach, sie laugen dich aus, sie haben dein Vertrauen, du tust, was sie sagen. Sie sind für dich Vormund, Vater, Mutter, Chef, Mentor, Wärter, Arzt, Therapeut und Lehrer. Es brach mir das Herz.

Mein Großvater war Bomberpilot im Zweiten Weltkrieg. Auch wenn er weit über achtzig wurde, sehe ich ihn immer als den jungen Mann auf dem Foto vor mir, auf dem er in Fliegeranzug und Schutzbrille grinsend neben einer B-25 Mitchell steht. Wenn ich an meine Mutter denke, sehe ich einen Schnappschuss von ihr, aufgenommen ungefähr 1983, wie sie auf dem Bett sitzt: Seidenbluse, Hose, lange Kette, lächelnd. Wenn ich an meinen Vater denke, steht er im Esszimmer, klatscht in die Hände und singt The Gambler von Kenny Rogers mit. Das Standardbild von mir selbst ist dieses Foto: Ich, zehn, stehe in einem blauen Badeanzug neben der Leiter im Cawthra-Park-Schwimmbad, die Knie zusammengedrückt, außer Atem.

Ich habe mich, insgeheim und abstrakt, über meine kurzen, intensiven Jahre als Sportlerin, als Schwimmerin, definiert. Damals habe ich fünf bis sechs Stunden täglich trainiert, sechs Tage die Woche, und dazwischen so viel wie möglich gegessen und geschlafen. An den Wochenenden habe ich entweder trainiert oder an Wettkämpfen teilgenommen. Ich war nicht die Beste; ich war relativ schnell. Ich trainierte, aß, reiste und duschte mit den Besten des Landes, aber ich war nicht die Beste; ich war ziemlich gut.

Mir gefiel, wie hart das Schwimmen auf diesem Niveau war – dass ich etwas Schwieriges und Ungewöhnliches leistete. Mir gefiel, dass meine Disziplin anerkannt war, respektiert wurde. Auch wenn ich nicht immer das Richtige sagte, mich als Außenseiter fühlte, gab es etwas, worin ich gut war. Ich wollte glauben, dass ich begabt war; meine Schnelligkeit war der Beweis dafür. Obwohl ich gerne Wettkämpfe schwamm, war es nicht die Aussicht, die Schnellste zu sein, die Nummer eins oder zur Olympiade zu fahren, die mich motivierte.

Noch heute träume ich vom Training, von Wettkämpfen, von Trainern und schemenhaften Konkurrenten. Schwimmbäder ziehen mich an, alle Schwimmbäder, egal, wie klein oder trüb sie sind. Wenn ich heute schwimme, steige ich ins Wasser, als berührte ich unbewusst eine alte Narbe. Die Bahnen, die ich in meiner Freizeit ziehe, sind die Geister vergangener Wettkämpfe.

Leserkommentare

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service