NS-Vertreibung : Slowenien wird deutsch

Ein verschwiegenes Vertreibungsverbrechen: Während des Zweiten Weltkriegs sollte Slowenien "umgevolkt" werden.

Die Flucht und Vertreibung der Deutschen aus dem Osten wären ein »Tabu«, beklagen hartnäckig die Vertriebenenfunktionäre. Angesichts der ungezählten Bücher und Filme, die es zu diesem Thema seit 1945 in der Bundesrepublik gegeben hat, eine abstruse Behauptung. Tabu allerdings waren bis in unsere Tage die Vertreibungsverbrechen, die von den Deutschen selbst begangen wurden – wie zum Beispiel in Slowenien.

Schon immer hatte sich diese kleine Nation den Versuchen der politischen und kulturellen Einverleibung in deutsche Reiche zu erwehren, zunächst des Heiligen Römischen, dann des kaiserlich-königlichen, schließlich des sogenannten Großdeutschen, das Slowenien endgültig als Nation auslöschen wollte.

Von 1941 an wurden die Slowenen über den gesamten Machtbereich der Nazis verstreut, Widerständler, Juden und in den Augen der Nazis »rassisch minderwertige« Menschen gleich am Ort ermordet oder ins KZ deportiert. »Nicht Eindeutschungsfähige« wurden nach Serbien und Kroatien »abgesiedelt«. Slowenen, bei denen die NS-Rassenforscher einen Tropfen »deutschen Blutes« festgestellt haben wollten, kamen in Lager der Volksdeutschen Mittelstelle im Reichsgebiet. So wurden zwischen Oktober 1941 und Juli 1942 rund 36.000 Slowenen in das Altreich verschleppt. Sie sollten – gemäß der Völkerwanderungsideologie des Reichsführers SS Heinrich Himmler – nach dem »Endsieg« als »Grenzbauern« in den gewaltsam entvölkerten Gebieten der Sowjetunion angesiedelt werden.

Die Tragödie begann im Frühjahr 1941. Am 6. April hatte die Wehrmacht das »Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen« überfallen. Bereits zwei Tage nach der Invasion rückten deutsche Truppen in Maribor (Marburg an der Drau) ein. Während man die Region um die Hauptstadt Ljubljana sowie die Adriaküste Italien überließ (rund 4.500 Quadratkilometer) und den Nordostzipfel (knapp 1.000 Quadratkilometer) Ungarn, hatte sich das Reich selbst den 10.000 Quadratkilometer umfassenden größten Teil gesichert, vom Norden bis hinab zur kroatischen Grenze. 800.000 Menschen gerieten so unter die NS-Herrschaft.

Gerhard Jochem

Der Autor ist Archivar und Zeithistoriker in Nürnberg. Mehr zum Thema in dem Buch Entrechtung, Vertreibung, Mord. NS-Unrecht in Slowenien und seine Spuren in Bayern 1941–1945, das er zusammen mit Georg Seiderer 2005 im Metropol Verlag, Berlin, herausgegeben hat (348 S., 19,– €).

Gleich begann man mit dem Aufbau einer Zivilverwaltung. Das Gebiet wurde aufgeteilt in die Untersteiermark (Spodnja Štajerska) und Oberkrain (Gorenjska). Als Chef der Untersteiermark amtierte der Gauleiter der Steiermark, Sigfried Uiberreither, in Oberkrain Kärntens Gauleiter Friedrich Rainer. Das Slowenische im öffentlichen Leben wurde verboten, alle Familien- und Ortsnamen sollten eingedeutscht, alle slowenischen Bibliotheken vernichtet werden.

»Umsiedlungsstäbe« in Maribor und Bled (Veldes) unter der Leitung der dortigen Kommandeure der Sicherheitspolizei und des Sicherheitsdienstes (SD) hatten die Aufgabe, die kruden »Umvolkungs«-Fantasien zu exekutieren. Den Rahmen gab Himmler am 18. April 1941 vor: Demnach war zunächst die »gesamte slowenische Intelligenz« zu deportieren, ebenso alle Bewohner des sogenannten Save-Sotla-Streifens – des Gebiets entlang der kroatischen Grenze – sowie Menschen, die »offensichtlich ein Bild artfremden Bluteinschlages darbieten«. Bei der Aussiedlung waren diese Personengruppen zu prüfen und rassisch »wertvolle«, aber politisch unzuverlässige Elemente zur Eindeutschung ins Altreich abzutransportieren.

Den Prioritäten entsprechend organisierten die Umsiedlungsstäbe zunächst die Verschleppung politisch und rassisch Missliebiger nach Kroatien und Serbien (die ja ebenfalls unter deutscher Oberherrschaft standen). Den Sommer 1941 über brachten die Züge insgesamt 15.119 Menschen nur mit der Habe, die sie tragen konnten, aus der Untersteiermark nach Süden in eine ungewisse Zukunft. Gleiches geschah in Oberkrain; von hier aus wurden insgesamt 2.313 Personen nach Serbien verschleppt.

Die Gewaltmaßnahmen provozierten vor allem in Oberkrain Widerstand gegen die Besatzer, was zur Folge hatte, dass die Wehrmachtsoldaten und Polizisten auf Partisanenjagd gingen und sich nicht mehr um die Deportationen kümmern konnten. So bekamen die Menschen von Anfang August an eine Atempause. Doch schon im September gingen die Vertreibungen aus der Untersteiermark weiter.

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Kommentare

36 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren

So unschön die Erinnerung

in dieser Sache konkret ist,
man sollte dabei aber nicht aus den Augen verlieren, daß die meisten der europäischen (Groß-)Staaten nach einer kulturellen Homogenisierung ihres "Staats-Volkes" trachteten, sich so "unzuverlässiger Elemente" zu entledigen glaubten.
Ich denke hier speziell an das nachrevolutionäre Frankreich. Auch zu England und seien Kolonien ließe sich einiges sagen.
Und in Österreich-Ungarn vor 1918 hingegen, da war nicht alles schlecht.
Zu dem, was wir heute unter kultureller Autonomie und Minderheitenrechten verstehen, war es ein langer Weg.
Nur - daß das, wofür die Staaten früher Gewalt einsetzten (die Homgenisierung), heute quasi von allein passiert, - über die elektronischen Medien, die Arbeitsmarktmobilität, den allgemeinen Sog einer westlichen Kultur etc. etc.

Die Geschichte entwickelt sich nie entlang einer klaren Achse

Natürlich sind nicht nur die Erinnerungen an diese Zeit unschön. Die Ereignisse selbst waren es auch. Die Zeit vor 1918, also während der K.+K.-Doppelmonarchie, war in der Tat nicht nur schlecht. Man kann ja auch nicht alles aus heutiger Sicht be-, bzw. verurteilen. Man lebte in der damaligen Wirklichkeit, und diese war nicht schlechter als anderswo in Europa. Selbstverständlich waren das koloniale Frankreich und das imperiale Grossbritannien auch keine Sonntagsschulen-Holdings. Aber, und das ist historisch entscheidend, Nazi-Deutschland hat bezüglich eines wirksamen staatlichen Terrors neue, bislang unvorstellbar brutale Massstäbe gesetzt. In diesem Kontext muss aber auch sofort der stalinistische Terror "gewürdigt" werden, welcher demjenigen deutscher Provenienz eigentlich in nichts nachstand. Allerdings darf nicht unerwähnt bleiben, dass die von den Nazis aufgezogene Vernichtungsindustrie zwecks Umsetzung der berüchtigten "Endlösung" geschichtlich beispiellos ist. Stalin hatte insofern Glück, als er zu den Siegern gehörte und nicht auf der Verliererseite war. Die besondere Konstellation, bzw. Ursache seines
Status am Ende des Zweiten Weltkrieges, nämlich, dass sein Land Opfer eines Angriffskrieges war und dem russischen Volk übel mitgespielt wurde, bewahrte ihn und seine Granden vor einem "Nürnberg".

Der Kommentar wurde wieder hergestellt. Danke, die Redaktion/fk.

Vielen Dank,

, Herr Jochem, für diesen sehr interessanten und informativen Artikel!

Das Schicksal der Slowenen ist eher in Vergessenheit geraten, zu sehr hat man auf die Vorgänge in Rest- Jugoslawien (Kroatien und Serbien, Partisanenkrieg, etc..) geschaut.
Auch auf den Karten des "grossdeutschen Reiches" von 1941-1944 hat man eher auf die grossen "einverleibten" Gebiete in Polen/Tschechien etc. geschaut und nicht so sehr Richtung Slowenien.
Bekannt war mir in erster Linie eine traditionelle (?) Abneigung der Südösterreicher (Kärnten, Steiermark) gegen die Slowenen selbst.

Das Schicksal der irgendwo in Europa als Minderheit lebenden Völker/Volksgruppen, egal wie gross diese auch waren, ist schrecklich.

Nach Jahrhunderten friedlichen Zusammenlebens der verschiedenen Völker egal welcher Nationalität und unter welcher Herrschaft auch immer, insbesondere im Osten Europas, haben aufkommender Nationalismus, Kriege und ethnische Säuberungen tiefe Wunden hinterlassen.

Aber:
Herr Jochem, auch wenn die Schuldfrage in Slowenien auf den ersten Blick so eindeutig ist, sollten Sie bitte bedenken, das
a) nicht alle ursprünglich in Slowenien lebenden deutsch-/österreichisch-stämmigen bei den Säuberungen mitgemacht haben, sondern wir hier ebenfalls Opfer haben

b) die willkürliche Grenzziehung in Süd-Ost-Europa nach dem ersten Weltkrieg nicht nur ein Pulverfass, sondern dutzende Pulverfässer für künftige Konflikte geschaffen hat, ohne das eine deutsch/österreichische Einmischung nötig gewesen wäre.

Bitte genauer lesen!

Hallo Zack34,

Ich beziehe mich hier auf die Zeit nach dem 1.Weltkrieg! Sarajevo und der Auslöser des Weltkrieges ist hier nicht gemeint!
Obwohl Sie insofern Recht haben, die ursprünglichen Wurzeln der Konflikte reichen mindestens bis ins 19.Jahrhundert zurück (das Jahrhundert, in dem sich der Nationalismus in Europa verstärkt ausgebildet hat).

Ich habe nur mal gedanklich darauf hingewiesen, das, wenn sich Deutschland (und Österreich) nach dem 1.Weltkrieg in keinster Weise irgendwie nationalistisch/aggressiv verhalten hätten, es trotzdem aufgrund der Vielzahl von Nationalitäten/Religionen auf dem Balkan geknallt hätte.

Die Realität hat aber solche Gedankenspiele -leider- deutlich überholt.

Grenzziehung

"die willkürliche Grenzziehung in Süd-Ost-Europa nach dem ersten Weltkrieg nicht nur ein Pulverfass, sondern dutzende Pulverfässer für künftige Konflikte geschaffen hat"

Immer wieder gern genommen als Entschuldigung für Völkerschaften, die übereinander herfallen: Willkürliche Grenzziehung. Aber schaut man sich mal eine Völkerkarte Osteuropas aus der Zeit um 1900 an, dann sieht man die traurige Wahrheit: Da gab es ein unentwirrbares Durcheinandersiedeln verschiedenster Völkerschaften. Und wenn die dann mit der Idee der Nationalstaaten kontaminiert wurden, dann konnte das nur desaströse Folgen haben. Nicht willkürliche Grenzen hätte man hier nicht ziehen können.

Wie die Wehrmacht wütete!

Als Vergeltung für den Widerstand gegen die Okkupation in Serbien begann die Wehrmacht im Oktober 1941 mit Massenerschiessungen an der Zivilbevölkerung. Am 17./18. Oktober richtete die Wehrmacht 5'000 Bewohner der Stadt Kraljevo hin. Am 17. Oktober begann man in Kragujevac die Massen zusammen zu treiben. Bis zum 21./22. Oktober wurde 3'000 Bewohner hingerichtet: Männer, Frauen, Kinder! Der spätere Major der Bundeswehr Hans-Dieter Walter schreibt in seinem Tagebuch: "Die Erschiessungen gehen gut voran, 100 in 40 Minuten! Die grösste Schwierigkeit bereitet uns das Ausheben der Massengräber." Nur ein wehrmachtsangehöriger weigerte sich mitzumachen, er wurde gleich mit hingereichtet: Josef Schultz. Da Keitel den Befehl erliess, dass man pro Verletzten 50 und pro getöteten 100 hinrichten sollte, wurde dies auch eingehalten. Als die Wehrmacht nicht mehr genügend "Material" hatte, weil gründlich gearbeitet wurde, ging man in die Schulen und Gymnasien. In Kragujevac wurden 39 Schüler und ihr Professor aus der Schulstunde herausgeholt und hingerichtet, weil man eine "Hundertschaft" auffüllen musste. Diesem Ereignis wird mit einer jährlichen Manifestation seit 1944 gedacht, der "Grossen Schulstunde". In diesem Jahr wurde die grosse Schulstunde als Staatsakt begangen, auch Vertreter der Bundesrepublik und der Bundeswahr legten Kränze nieder. Die Medien haben nichts darüber berichtet.