StilkolumneBeginn der Steinzeit

Tillmann Prüfer über glitzernde Männeruhren von 

Uhr von Dolce & Gabbana

Uhr von Dolce & Gabbana  |  © Peter Langer

Seit einigen Wochen baumelt ein rotes Bändchen an meinem Handgelenk. Ich hatte es mir in einer Laune umgebunden, und nun hängt es da. Ich glaube, es ist das erste Schmuckstück meines Lebens. Männer tun sich unheimlich schwer mit Schmuck. Man darf mit allem Möglichen protzen, mit Autos, Häusern, Booten, Bildern. Doch sich mit Schmuck zu behängen gilt als nicht statthaft. Männer behängen sich allenfalls mit einer Uhr oder einem Bundesverdienstkreuz. Schmuck für den Mann ist zurückhaltend und matt, keinesfalls mit Steinen geschmückt.

Natürlich war das einmal anders. Als noch Könige und Fürsten über Europa herrschten, galt es, zu prunken, was das Zeug hielt. Schließlich musste man am eigenen Leib den Beweis tragen, dass man unbegrenzt Geld ausgeben konnte. Männer behängten sich in der Barockzeit gerne mit großen Diamanten, die in 32 Facetten geschliffen wurden, damit sie ordentlich glänzten.

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Erst der Protestantismus machte dem männlichen Geglitzer ein Ende. Als der Kaufmann den Adeligen als Leitbild ablöste, galt es, zu zeigen, dass man mit Geld haushalten konnte. »Äußerlichkeiten« wurde in der Folge mit höchstem Misstrauen begegnet. Wie sollte auch jemand, der sich mit Statussymbolen behängte, ein zuverlässiger Geschäftspartner sein? Der Mann hatte einen schwarzen Anzug zu tragen und ansonsten nicht weiter aufzufallen.

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Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick

Alle Kolumnen von Tillmann Prüfer im Überblick  |  © Peter Langer

Eine der wenigen Arten, sich zu schmücken, ist also bis heute die Uhr geblieben. Aber auch hier ist Schlichtheit gefragt. Mit Edelsteinen besetzte Modelle sind allenfalls in Ländern verkäuflich, wo es noch ein ungebrochenes Verhältnis zum Protzen gibt, Ländern des ehemaligen Ostblocks beispielsweise. Ansonsten gelten Steine schnell als weibisch. Man muss ziemlich viel Mann sein, um gegen eine glitzernde Uhr am Arm bestehen zu können. Karl Lagerfeld kann das. Ich bin besser mit meinem roten Bindfaden bedient.

Derzeit sind vorsichtige Versuche zu beobachten, ein bisschen mehr Glitzer an den Mann zu bringen. So hat Dolce & Gabbana eine Kollektion von Uhren entwickelt, die mit kleinen Edelsteinen geschmückt sind. Manche behaupten ja, Edelsteine besäßen heilende und magische Kräfte. Mein Bändchen hat die nicht, es schnürt mir fast das Blut ab. Entweder das Bändchen fällt bald ab oder meine Hand.

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Leserkommentare
  1. Im Barock prunkten die Fürsten, was das Zeug hielt, und der Protestantismus, der lange vor dem Barock aufkam hätte damit Schluss gemacht. Ziemlich inkohärent das Ganze ...

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    • Atan
    • 16. Oktober 2012 11:29 Uhr

    in diesen ansonsten weitgehend banalen Modethemen (bei denen es schlicht um Werbung, Produktplacement und Umsatzsteigerung geht), so oberflächlich angestellt werden.
    Selbst ich als Laie für Fragen der höfischen Etikette weiss z.B., dass v.a. mit dem Aufkommen des spanischen Hofzeremoniells ab 1548 in weiten Kreisen Europas die strenge schlichte Kleidung vorherrschte, das z.T. gerade im protestantischen Bürgertum übernommen wurde (siehe z.B. noch Restbestände der Amtskleidung von Pastoren.)
    Als Kontrast entwickelte sich der gegenreformatorische Barock, der z.B. in Ländern ohne spanisches Hofzeremoniell direkt auf den Renaissancestil folgte. Und dann wäre da noch das französische Hofzeremoniell, das später wiederum das spanische an vielen Höfen verdrängte.
    Wie diese gegenseitigen Einflüsse genau waren, wäre wirklich ein interessantes Thema, so aber ist nur prestigeheischendes "name-dropping", das der putz- und prunksüchtigen Eitelkeit noch ein bisschen bildungsbürgerliche Politur verleihen soll.

  2. aber ich denke, ich stehe nicht allein da, wenn ich sage, daß Klunker und Protzerei Frauen und Männern gleichermaßen wenig stehen. In beiden Fällen scheint es von mangelnder persönlicher Substanz, die es zu überdecken gilt, zu zeugen.

    • camou
    • 16. Oktober 2012 1:24 Uhr
    3. [...]

    Entfernt. Bitte bleiben Sie sachlich. Die Redaktion/ls

  3. ... den Männermarkt für unützes Zeugs zu erschließen.

    Glücklicherweise erweist sich der Mann meiner Generation als relativ resistent gegenüber Männerröcken, Männerhandtaschen, Metrosexualität, glitzernden Männeruhren oder hochhackigen Schuhen. Aber Dank Gender Mainstreaming Umerziehung wird es doch irgendwie hinzubekommen sein, dass auch Männer geschminkt, gegeelt, in Röcken, High Heels und fetten Klunkern herumlaufen; die Frauen werden sich freuen - oder auch nicht!

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    • 2eco
    • 16. Oktober 2012 11:24 Uhr

    "Glücklicherweise erweist sich der Mann meiner Generation als relativ resistent gegenüber Männerröcken, Männerhandtaschen...."

    Obwohl Männerhandtaschen wären ziemlich geil, wenn sie in der Gesellschaft anerkannt wären. Darin könnte man mal nen Tablet oder ne DSLR mitnehmen. Die neuen Samsung-Handys fördern diesen Trend ja auch, denn für diese braucht man entweder Baggy-Jeans oder eine Handtasche ;)

    • 2eco
    • 16. Oktober 2012 11:24 Uhr

    "Glücklicherweise erweist sich der Mann meiner Generation als relativ resistent gegenüber Männerröcken, Männerhandtaschen...."

    Obwohl Männerhandtaschen wären ziemlich geil, wenn sie in der Gesellschaft anerkannt wären. Darin könnte man mal nen Tablet oder ne DSLR mitnehmen. Die neuen Samsung-Handys fördern diesen Trend ja auch, denn für diese braucht man entweder Baggy-Jeans oder eine Handtasche ;)

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    • snoek
    • 17. Oktober 2012 10:38 Uhr

    Ich würde Ihnen ein Flight Bag empfehlen. Quasi eine Herrenhandtasche, gesellschaftlich durchaus akzeptiert.

    • Atan
    • 16. Oktober 2012 11:29 Uhr

    in diesen ansonsten weitgehend banalen Modethemen (bei denen es schlicht um Werbung, Produktplacement und Umsatzsteigerung geht), so oberflächlich angestellt werden.
    Selbst ich als Laie für Fragen der höfischen Etikette weiss z.B., dass v.a. mit dem Aufkommen des spanischen Hofzeremoniells ab 1548 in weiten Kreisen Europas die strenge schlichte Kleidung vorherrschte, das z.T. gerade im protestantischen Bürgertum übernommen wurde (siehe z.B. noch Restbestände der Amtskleidung von Pastoren.)
    Als Kontrast entwickelte sich der gegenreformatorische Barock, der z.B. in Ländern ohne spanisches Hofzeremoniell direkt auf den Renaissancestil folgte. Und dann wäre da noch das französische Hofzeremoniell, das später wiederum das spanische an vielen Höfen verdrängte.
    Wie diese gegenseitigen Einflüsse genau waren, wäre wirklich ein interessantes Thema, so aber ist nur prestigeheischendes "name-dropping", das der putz- und prunksüchtigen Eitelkeit noch ein bisschen bildungsbürgerliche Politur verleihen soll.

  4. muss man nicht viel Mann sein (was Lagerfeld ja kaum ist)man muss sich nur davon lösen, es überzubewerten, was Hinz & Kunz von einem denkt und der Anerkennung irgendwelcher Leute hinterherzuhecheln. Und man muss mit den Konsequenzen leben, wenn man tut was man will und nicht was erwartet wird.
    Das ist nicht "Mann sein", weil auch Frauen sowas können, das ist einfach "sein".

    • noyd
    • 16. Oktober 2012 15:29 Uhr

    Ich frage mich bei solchen Diskussionen immer, wie man "viel Mann" und "wenig Mann sein" eigentlich definiert. Ist das abhängig von der Länge des Geschlechtsorgans oder von anderen Merkmalen? Und muss ein Mann in Westeuropa befürchten, dass ihm spontan seine Männlichkeit abfällt, wenn er eine diamantbesetzte Uhr anlegt? Das könnte in der Tat unangenehm werden, aber ich halte es ehrlich gesagt für sehr unwahrscheinlich.

    Warum kann kann eine Frau einen Blaumann oder Anzug tragen, ohne dass ihre Weiblichkeit in Frage gestellt wird, aber bei Männern wird so ein Aufhebens um Kleinigkeiten der Kleiderfrage gemacht. Ich fände es schön für Männer, wenn sie etwas entspannter mit ihrer Rolle umgehen könnten.

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    Wenn ich ein Kleid sehe, und dann einen Mann darin, bin ich einfach enttäuscht, keine Frau zu sehen. Und Enttäuschungen sind nunmal negativ besetzt. Und da die Meisten so denken, sind Männer in Kleidern einfach nicht beliebt.
    Davon abgesehen finde ich Frauen in Anzügen oft auch nicht attraktiv, weil beruflich erfolgreiche Frauen oft ein paar Kilo zuviel mit sich herumschleppen (bei Männern nicht anders).

    UNd zur BlingBling-Uhr: Natürlich fällt da nicht die Männlichkeit ab, aber man zeigt ganz offensiv, dass man sich schmückt, um sich wohlhabend zu zeigen. Wer das nötig hat, besitzt entweder ein zu geringes Selbstwertgefühl oder wenig Geld, oder Beides.

    Ein geringes Selbstwertgefühl ist unmännlich. Es ist auch unweiblich, allerdings nicht so sehr.

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  • Schlagworte Auto | Bundesverdienstkreuz | Diamant | Edelstein | Geld | Ostblock
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