Vor hundert Jahren waren Einzelkinder etwas Exotisches. Und die Pioniere der Psychologie hielten sie – freilich ohne jede Empirie – für potenziell gestörte Sonderlinge. Der mangelnde Umgang mit Geschwistern konnte in ihrer Vorstellung nur zu einer verbogenen Psyche führen.

Einzelkind zu sein sei »eine Krankheit an sich«, sagte der amerikanische Psychologe Stanley Hall, und der Begründer der Individualpsychologie, Alfred Adler, stellte resignierend fest: »Unsere Aufgabe beschränkt sich darauf, die Schwierigkeiten des Einzelkindes bestmöglich zu bekämpfen.«

Heute ist bei uns jedes dritte Kind ein Einzelkind, und hundert Jahre und Hunderte von Studien später kann man bilanzieren: Die Vorstellung vom verzogenen und selbstsüchtigen Einzelkind hat einer Überprüfung in der Wirklichkeit nicht standgehalten.

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Die Ein-Kind-Politik in China mag problematisch sein, aber zu einer Generation von herrischen »kleinen Kaisern« hat sie nicht geführt, das hat die amerikanische Psychologin Toni Falbo 1993 mit einer Untersuchung von 1.000 Schulkindern bestätigt.

Die tatsächlichen Unterschiede zwischen Einzel- und Geschwisterkindern sind andere: Weil sie mehr Aufmerksamkeit genießen, beginnen Einzelkinder früher zu sprechen. In amerikanischen Untersuchungen wurde ihnen ein höherer IQ attestiert, und zumindest in den USA bekommen Einzelkinder später die besseren Jobs.

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