Vor ein paar Jahren hat die Regisseurin Andrea Breth bei den Salzburger Festspielen Dostojewskis Roman Verbrechen und Strafe als Schauspiel inszeniert – die Geschichte Raskolnikows, eines Mörders aus philosophischem Mutwillen. Seine Philosophie besagt, in aller Kürze, dass außergewöhnliche, von Idee, Plan und Fortschritt beseelte Menschen all jene anderen Menschen aus dem Weg räumen dürfen, die der richtigen Idee mit ihrer blöden Fleischlichkeit und Planlosigkeit im Wege stehen. Zwischen einem Felsen, der gesprengt wird, damit eine Straße verlegt werden kann, und einer Hundertschaft von Zeitgenossen, die aus der Welt geschafft wird, damit das Richtige sich durchsetzen und eine Idee atmen kann, besteht für Raskolnikow kein Unterschied. Andrea Breths Inszenierung wirkte, als wollte sie gar nicht herausfinden, warum dieser eine, Raskolnikow, nun mordet. Viel mehr schien sie das Mysterium zu verblüffen, dass all die anderen nicht morden. Sie war ganz auf Raskolnikows Seite. Sie inszenierte seine inneren Zustände.

Am Anfang der Inszenierung sah man Raskolnikow (den Schauspieler Jens Harzer ), wie er das spätere Mordwerkzeug, eine Axt, ins Holster schiebt und wieder herausholt. Immer wieder schob er die Waffe mechanisch hinein und heraus, er war an sie obszön gekettet. Breth zeigte in dieser Szene, was eine literarische Figur eigentlich ist: Sie ist die Puppe einer lesenden Fantasie – unserer Fantasie. Raskolnikow war eine Figur in unserem Gedankenspiel.

Wenn nun in den nächsten Tagen der norwegische Massenmörder Anders Breivik auf mehreren Bühnen gleichsam selbst auftauchen wird, als Autor und als Theaterfigur, so hat er dort eine weit größere Freiheit als Raskolnikow in Breths Inszenierung: Wir werden ihn nicht als Täter und Verbrecher zu sehen bekommen, sondern als Visionär, als den Theoretiker seiner eigenen Tat.

Zwei Theaterregisseure haben in den letzten Monaten Breivik und sein Gedankengebäude studiert, beide bringen die Resultate ihrer Arbeit nun kurz nacheinander auf die Bühne: Der dänische Regisseur und Intendant Christian Lollike zeigt vom 11. Oktober an im Caféteatret Kopenhagen sein Stück 2083. A European Declaration of Independence ; die Aufführung läuft einige Wochen in Kopenhagen und wird anschließend in Århus und schließlich am Ort der Tat, in Oslo , zu sehen sein. Und der Schweizer Autor und Regisseur Milo Rau zeigt am 19. Oktober in Weimar und am 27. Oktober in Berlin sein Stück Breiviks Erklärung . Lollikes Stück basiert auf dem 1500-seitigen Manifest 2083, das Breivik vor seiner Mordtat in jahrelanger Copy-and-paste-Arbeit aus zahllosen Quellen zusammengefügt und mit eigenen Worten verfugt hat. Raus Stück basiert auf Breiviks einstündiger Rede , die er nach seinem Massenmord, am 17. April 2012, im Amtsgericht von Oslo gehalten hat.

Rau und Lollike wollen der Allgemeinheit zu Gehör bringen, was der Massenmörder denkt. Aber so verschaffen sie ihm den Status und die Ehre eines allwissenden Erzählers. Dieser Breivik wird sich auf der Bühne nicht durch Taten erniedrigen und verraten; er bleibt ganz Denker; er bewahrt seine Souveränität.

Es gibt einen berühmten Spruch unter Theaterleuten: Auf einer Bühne darfst du alles im Ernst tun, nur zwei Dinge nicht – jemanden töten und mit jemandem schlafen. Aber das Vorspiel zum Massenmord zeigt man nun; vorgeführt werden die Argumente, die zum Mord geführt haben. Lollike und Rau tun es. Und ihre Forschungen ergeben: Breivik kommt aus unserer Mitte.

Drückt Breivik wirklich die Geisteshaltung unserer Zeit aus?

Rau hat in mehreren Interviews ausgeführt, warum er Breiviks Ansichten auf die Bühne bringt: Weil sie nämlich so sehr dem gedanklichen »Mainstream« westeuropäischer Bürger glichen. Was Breivik sage, sei »Allgemeingut der neuen Rechten«. Man betreibe, so sagt Milo Rau, keinen Geheimnisverrat, wenn man Breiviks Rede öffentlich spreche, denn mittels Twitter sei sie ohnehin direkt aus dem Gerichtssaal in die Welt gelangt; sie kursiere dort in unzähligen Kopien. Anders Breiviks Rede sei wie Edgar Allan Poes Entwendeter Brief, der in Poes gleichnamiger Erzählung von den besten Detektiven Frankreichs gesucht werde, obwohl er doch unverdeckt auf dem Schreibtisch des Verbrechers liege. Der offene Brief, den Rau nun der Theateröffentlichkeit vorlegt, enthält nach seiner Ansicht vor allem die düstere Wahrheit, dass die Mehrheit der Bürger Breiviks Gedankenwelt teilt: »Diese Rede ist Common Sense, sie ist wie Himmlers Posener Rede nicht die Ausnahme, sondern der Ausdruck der ›normalen‹ Geisteshaltung einer Epoche. Wir lauschen hier einer Rhetorik und einem Argumentarium, mit denen zum Beispiel in der Schweiz jedes Jahr Abstimmungen gewonnen werden.«

Die Grundfrage der Regisseurin Andrea Breth, als sie den Verbrecher Raskolnikow auf der Bühne begleitete, lautete: Warum töten all die anderen nicht? Diese Fragen stellen sich insgeheim auch Lollike und Rau, wenn sie Breiviks Spuren folgen. 70 Prozent der Deutschen, 80 Prozent der Schweizer, sagt Rau, hätten Ansichten, die denen von Breivik ähnelten . Warum morden sie nicht? Rau sagt: Sie tun es schon – wenn auch nur in Gedanken.

Die moderne, »aufgeklärte« Gesellschaft scheint um einen Abgrund herum gebaut zu sein; es herrscht in ihr die tiefe Angst, dass sie ihr wahres Gesicht womöglich selbst nicht kennt. Mit dieser Angst arbeiten Rau und Lollike. Dass sie es im Theater tun, ist durchaus einleuchtend.

Die Unsterblichkeitskuppel überwölbt ihn schon jetzt

Denn das moderne Theater ist ein exemplarischer Ort des Zweifels. Es lebt mit dem Verdacht, dass sich in der Beziehung zwischen dem Schauspieler und dem Zuschauer etwas Grundlegendes geändert hat; dass nämlich der Zuschauer im Saal sich heute mehr verstellt als der Schauspieler auf der Bühne. Der Zuschauer zügelt sich, bleibt unlesbar, tut so, als wäre er unsichtbar. Der Schauspieler verhält sich ungezwungen, ungezügelt, lässt sich gehen. Wenn nun Christian Lollike und Milo Rau die Breivik-Texte einem Publikum vorsprechen lassen, steht dahinter auch die Frage: Wie wird es reagieren? Lollikes und Raus Verdacht ist: Die Masse der Bürger müsste sich zu Breiviks Aussagen bekennen, wenn sie ehrlich wäre. Da oben auf der Bühne, so die Suggestion, erfahren wir die Wahrheit über uns.

Nachdem im Juli ein Amokläufer zwölf Menschen bei einer Batman- Premiere im Kino erschossen hatte , wollte der amerikanische Präsident Barack Obama – natürlich vergebens – die Medien darauf einschwören, den Namen des Täters nicht zu nennen, um Legendenbildung zu verhindern . Was tun nun wir? Wir lauschen den Einfällen des Mörders Breivik. Es ist gerade so, als folgten wir der Logik eines Diskurses. Kein Wort mehr über die Opfer und deren Gedankenwelten. Die Gesellschaft geht mit Breivik um wie mit einem, dem die Bühne gehört, weil er das machtvollste Argument vorgelegt hat, anders gesagt: weil er überlebt hat. Weil er, so schlimm das klingt, eine Geschichte verkörpert, die nicht zu Ende ist. Und seine Tat wird, da sie legendär schon ist, nun auch noch Kunst.

Tat und Theorie beleuchten einander. Der Mörder wusste genau, was er tat

»Um mit einem Geständnis zu beginnen: Ich mag es, wenn Romanciers tot sind.« So hat der Schriftsteller Georg Klein kürzlich einen Essay in der Neuen Zürcher Zeitung eingeleitet, in dem es um den Gegensatz von realer Zeit und erzählter Zeit geht. Kleins Eröffnungssatz würde ich gern variieren: Ich lese gern Literatur über Mörder (und manchmal sogar von Mördern). Aber erst dann, wenn die Mörder tot sind – wie ihre Opfer. Breivik aber ist unter uns. Für ihn gilt ein trockener Satz aus dem amerikanischen Kriminalfernsehen: »He got away with it.« Der Leseblick des Publikums wird sich um ihn legen wie um ein höheres Wesen – Breivik, zugleich Subjekt und Objekt der Kunst. Die Unsterblichkeitskuppel überwölbt ihn schon jetzt. Für die Angehörigen seiner Opfer, und nicht nur für die, ist das schwer zu ertragen.

Hätte er nicht gemordet, kein Mensch würde sich um seine Texte kümmern. Warum auch? Das Internet ist voll von derlei. Erst die Kombination von Tat und Theorie gibt beiden Gewicht. Das eine wird durch das andere pervers beglaubigt: Lest! Er wusste, was er tat.

Die Fachleute haben darüber gestritten, ob Anders Breivik geisteskrank sei oder nicht, und sie sind zu keinem endgültigen Urteil gekommen. Aber man dachte, als man ihn im Gerichtssaal sitzen sah, an den Schluss von Hitchcocks Psycho, wenn Norman Bates, der Mörder, der sich innerlich vollständig in seine Mutter verwandelt hat, in einer verglasten Zelle sitzt und dabei beobachtet wird, wie er eine Fliege über seine Hand laufen lässt. Mutter Bates ist die Herrscherin des letzten Bildes, ihre Opfer sind tief vergessen. Vom Ende her breitet sie sich über den ganzen Film aus, eigentlich hat sie immer Regie geführt. Und nun krabbelt eine Fliege über ihre Hand, und die Mörderin lässt es geschehen, um den Zuschauern, von deren Existenz sie natürlich weiß, zu demonstrieren, dass sie keiner Fliege etwas zuleide tun kann.

An diese Person, die eine Fliege über ihre Hand krabbeln lässt, um allen Beobachtern die eigene Harmlosigkeit zu demonstrieren, erinnert Breivik, der Autor, beim Verlesen seiner Rede. Was er so friedlich über seinen Körper wandern lässt, ist der Blick der Öffentlichkeit.

Das Schlimmste an den Bildern aus dem Osloer Gerichtssaal war immer dies: Breivik erschien auf ihnen wie der Einzige, der mit sich im Reinen ist – der Mann, der bis zum Schluss autark gehandelt hat, ein freier Skandinavier, Autor und Vollstrecker seiner Entschlüsse. Nun hat er auch das Letzte noch geschafft: Seine Texte werden aufgeführt. Man wird sie hören – in Kopenhagen, Århus, Oslo, Weimar, Berlin.

Die letzte Nachricht allerdings stammt aus Cannes . Von dort meldet die Deutsche Presseagentur am 8. Oktober: » Adolf Hitlers Leben ist der Stoff einer geplanten Event-Serie für das deutsche Fernsehen. Die Produzenten Nico Hofmann (teamWorx) und Jan Mojto (Eos/Beta) wollen in einem aufwendigen Achtteiler anhand von ›Schlüsselmomenten‹ und ›Wendepunkten‹ nachzeichnen, wie Hitler zu einem der größten Massenmörder des 20. Jahrhunderts werden konnte. Damit wollen sie Projekten in den USA und Großbritannien zuvorkommen. Das gaben die beiden Fernsehmacher am Montag in Cannes auf der Mipcom, der größten Fernsehmesse der Welt, bekannt.«