Down by the river I shot my baby. Dead, oh, shot her dead.
Neil Young

Jemanden getötet zu haben, kann in Verzweiflung stürzen, davon singt Neil Young. Jemandem unwiderruflich das Leben zu nehmen, davor muss auch dem Mörder schaudern. Auch für ihn führt kein Weg zurück. Youngs Lied gibt dem Täter eine Stimme und zeigt, dass er kein Herz aus Stein hat.

Können normale Menschen zum Mörder werden? Die meisten von uns sind zu derart extremen Zielsetzungen oder leidenschaftlichen Verwicklungen, in denen es um Liebe und Tod geht, nicht ohne Weiteres fähig. Werden wir sitzen gelassen, werden wir ohne Bedenken (wenn auch nicht ohne Klage) eben Singles oder Alleinerziehende. Selber zu töten interessiert uns nicht. Oder doch?

Ich treffe – vorzugsweise am Rande von Strafprozessen, in denen es um Kapital- oder Sexualdelikte geht – nicht selten auf lebhafte Befürworter der Todesstrafe. Bisweilen frage ich nach, ob sie denn bereit wären, mit eigenen Händen das Todesurteil zu vollstrecken, das Beil zu nehmen und – zack! Ich dachte zuerst, eine solche Frage wirke abschreckend, aber nein! Manch ein Freund der Todesstrafe war gern dazu bereit. Das muss wohl heißen: Jemanden umzubringen wäre ihm eine Freude, er brauchte bloß einen guten Grund dafür, eine gesellschaftlich anerkannte Rechtfertigung. Er würde sich gern extra einen Hass aufbauen, den er bisher noch nicht hatte, um ihn sodann tödlich auszuleben.

Die Methode ist einfach: Man identifiziere sich mit einem persönlich unbekannten Opfer (bestenfalls einem Kind) oder dessen Hinterbliebenen und erteile sich die Lizenz zur Rache. So kommen mir diese Demonstranten vor, die vor den Wohnungen entlassener Straftäter herumstehen, um den Hals Plakate: »Keine Menschenrechte für Kinderschänder«. Sie sehnen sich nach einem Vorwand, um als Lynchmob tätig werden zu dürfen. In Emden haben wir kürzlich erlebt, was passiert, wenn man sie lässt. Dort schickten sie sich an, die Ermordung eines unschuldigen Verdächtigen ins Werk zu setzen. Oder die Neonazis, die auf ihren Autos »Todesstrafe für Kinderschänder« fordern: Sie möchten die Lieblingsbeschäftigung ihrer geistigen Vorfahren, das Töten, erst mal im kleinen Rahmen wieder etablieren – auch wenn das gewiss manchem Mitglied der eigenen Szene das Leben kosten würde.

Doch es sind nicht nur die Extremisten. Eine reizende alte Dame forderte im RBB-Kulturradio kürzlich am helllichten Tag in wohlgesetzten Worten die öffentliche Hinrichtung von Sexualstraftätern, der Moderator bedankte sich höflich für diese interessante Meinung.

Hirnforscher behaupten: Mörder sind anders als wir, man muss sie therapieren

Der amerikanische Sozialforscher David M. Buss hat herausgefunden, dass die Mehrheit der Erwachsenen rund um den Globus bereits ernsthafte Mordfantasien gegen eine andere Person hegte. Bei den Frauen richtete die Aggression sich vorrangig gegen eine Rivalin in Liebesdingen, bei den Männern häufiger gegen den beruflichen Konkurrenten. Die Mordlustigen hatten schon ernsthaft überlegt, wie so etwas zu bewerkstelligen sei, und es herzlich bedauert, als sie sich doch nicht trauten, die Tat durchzuführen. Nur sehr wenige tun es wirklich. Die Zahl der Tötungsdelikte ist in den vergangenen Jahren in Deutschland so niedrig wie nie zuvor. Der Abstand zwischen dem Todeswunsch und dem Töten ist – in einem geordneten Sozialwesen – zum Glück riesig. Man hätte – in unserem Land – einfach zu viel zu verlieren.

Aber nein, meinen manche Psychologen und Hirnforscher wie Robert James Blair oder Wolf Singer, der Grund ist ein anderer: Wir Normalbürger sind empathisch, Mörder sind empathielos. Unsere Spiegelneurone machen uns mitfühlend. Deren Spiegelneurone versagen. (Den Begriff »Spiegelneurone« müssen Sie nicht kennen. Sie können stattdessen auch »Gehirn« sagen oder »Nervenzellen«.) Kurz: Wir sind angeblich normal und die nicht. Mörder – das sind die ganz anderen. Und wenn man sie schon nicht mehr hinrichtet, muss man sie wenigstens in alle Ewigkeit therapieren. »Empathietraining« heißt das liebliche Wort. »Therapieunterbringung« ist das neueste Monstrum des Gefängniswesens.

Schauen wir uns doch einmal an, wie es sich mit den Mördern und deren Empathie verhält. Beginnen wir mit der Frage, was uns einfühlsame Empathen denn am Töten so interessiert, wo wir selbst zu töten doch gar nicht vorhaben. In unserer friedlichen Privatwelt kommt das Töten nicht vor. Aber daneben gibt es die andere Welt, in der geprügelt, geschossen und gemetzelt wird und in der Häuser in prächtigen Feuerstürmen zum Himmel fahren. Wir erfahren von dieser Welt aus dem Fernsehen und dem Internet, durch die Reportagen von der anderen Seite des Globus und aus der menschlichen Fiktion der Spielfilme. Über den fast schon gemütlichen privaten, zivilen Mord im Reihenhaus berichten die Vorabendmagazine Brisant und Explosiv. Und am Sonntagabend wird es für die ganze Familie kurzweilig beim Tatort. Die Flut von Krimiserien im Fernsehen zeugt davon, wie sehr das Töten uns in seinen Bann zieht.