Down by the river I shot my baby. Dead, oh, shot her dead.
Neil Young

Jemanden getötet zu haben, kann in Verzweiflung stürzen, davon singt Neil Young. Jemandem unwiderruflich das Leben zu nehmen, davor muss auch dem Mörder schaudern. Auch für ihn führt kein Weg zurück. Youngs Lied gibt dem Täter eine Stimme und zeigt, dass er kein Herz aus Stein hat.

Können normale Menschen zum Mörder werden? Die meisten von uns sind zu derart extremen Zielsetzungen oder leidenschaftlichen Verwicklungen, in denen es um Liebe und Tod geht, nicht ohne Weiteres fähig. Werden wir sitzen gelassen, werden wir ohne Bedenken (wenn auch nicht ohne Klage) eben Singles oder Alleinerziehende. Selber zu töten interessiert uns nicht. Oder doch?

Ich treffe – vorzugsweise am Rande von Strafprozessen, in denen es um Kapital- oder Sexualdelikte geht – nicht selten auf lebhafte Befürworter der Todesstrafe. Bisweilen frage ich nach, ob sie denn bereit wären, mit eigenen Händen das Todesurteil zu vollstrecken, das Beil zu nehmen und – zack! Ich dachte zuerst, eine solche Frage wirke abschreckend, aber nein! Manch ein Freund der Todesstrafe war gern dazu bereit. Das muss wohl heißen: Jemanden umzubringen wäre ihm eine Freude, er brauchte bloß einen guten Grund dafür, eine gesellschaftlich anerkannte Rechtfertigung. Er würde sich gern extra einen Hass aufbauen, den er bisher noch nicht hatte, um ihn sodann tödlich auszuleben.

Die Methode ist einfach: Man identifiziere sich mit einem persönlich unbekannten Opfer (bestenfalls einem Kind) oder dessen Hinterbliebenen und erteile sich die Lizenz zur Rache. So kommen mir diese Demonstranten vor, die vor den Wohnungen entlassener Straftäter herumstehen, um den Hals Plakate: »Keine Menschenrechte für Kinderschänder«. Sie sehnen sich nach einem Vorwand, um als Lynchmob tätig werden zu dürfen. In Emden haben wir kürzlich erlebt, was passiert, wenn man sie lässt. Dort schickten sie sich an, die Ermordung eines unschuldigen Verdächtigen ins Werk zu setzen. Oder die Neonazis, die auf ihren Autos »Todesstrafe für Kinderschänder« fordern: Sie möchten die Lieblingsbeschäftigung ihrer geistigen Vorfahren, das Töten, erst mal im kleinen Rahmen wieder etablieren – auch wenn das gewiss manchem Mitglied der eigenen Szene das Leben kosten würde.

Doch es sind nicht nur die Extremisten. Eine reizende alte Dame forderte im RBB-Kulturradio kürzlich am helllichten Tag in wohlgesetzten Worten die öffentliche Hinrichtung von Sexualstraftätern, der Moderator bedankte sich höflich für diese interessante Meinung.

Hirnforscher behaupten: Mörder sind anders als wir, man muss sie therapieren

Der amerikanische Sozialforscher David M. Buss hat herausgefunden, dass die Mehrheit der Erwachsenen rund um den Globus bereits ernsthafte Mordfantasien gegen eine andere Person hegte. Bei den Frauen richtete die Aggression sich vorrangig gegen eine Rivalin in Liebesdingen, bei den Männern häufiger gegen den beruflichen Konkurrenten. Die Mordlustigen hatten schon ernsthaft überlegt, wie so etwas zu bewerkstelligen sei, und es herzlich bedauert, als sie sich doch nicht trauten, die Tat durchzuführen. Nur sehr wenige tun es wirklich. Die Zahl der Tötungsdelikte ist in den vergangenen Jahren in Deutschland so niedrig wie nie zuvor. Der Abstand zwischen dem Todeswunsch und dem Töten ist – in einem geordneten Sozialwesen – zum Glück riesig. Man hätte – in unserem Land – einfach zu viel zu verlieren.

Aber nein, meinen manche Psychologen und Hirnforscher wie Robert James Blair oder Wolf Singer, der Grund ist ein anderer: Wir Normalbürger sind empathisch, Mörder sind empathielos. Unsere Spiegelneurone machen uns mitfühlend. Deren Spiegelneurone versagen. (Den Begriff »Spiegelneurone« müssen Sie nicht kennen. Sie können stattdessen auch »Gehirn« sagen oder »Nervenzellen«.) Kurz: Wir sind angeblich normal und die nicht. Mörder – das sind die ganz anderen. Und wenn man sie schon nicht mehr hinrichtet, muss man sie wenigstens in alle Ewigkeit therapieren. »Empathietraining« heißt das liebliche Wort. »Therapieunterbringung« ist das neueste Monstrum des Gefängniswesens.

Schauen wir uns doch einmal an, wie es sich mit den Mördern und deren Empathie verhält. Beginnen wir mit der Frage, was uns einfühlsame Empathen denn am Töten so interessiert, wo wir selbst zu töten doch gar nicht vorhaben. In unserer friedlichen Privatwelt kommt das Töten nicht vor. Aber daneben gibt es die andere Welt, in der geprügelt, geschossen und gemetzelt wird und in der Häuser in prächtigen Feuerstürmen zum Himmel fahren. Wir erfahren von dieser Welt aus dem Fernsehen und dem Internet, durch die Reportagen von der anderen Seite des Globus und aus der menschlichen Fiktion der Spielfilme. Über den fast schon gemütlichen privaten, zivilen Mord im Reihenhaus berichten die Vorabendmagazine Brisant und Explosiv. Und am Sonntagabend wird es für die ganze Familie kurzweilig beim Tatort. Die Flut von Krimiserien im Fernsehen zeugt davon, wie sehr das Töten uns in seinen Bann zieht.

Mörder in der Nazizeit

Doch in meiner kleinen Welt, in meinem Wohnzimmer, an meinem Arbeitsplatz ist mit Mord nicht zu rechnen. Menschen zu töten scheint eine exotische Angelegenheit, »nicht normal« eben, statistisch höchst unwahrscheinlich – obwohl wir auf blutdurchtränktem Boden stehen und vor unserer Haustür noch vor 70 Jahren Menschen in einer Zahl umgebracht wurden, die jedes Vorstellungsvermögen sprengt.

Die Mörder der Nazizeit waren nicht alle krank – sie lebten in einer kranken Zeit

Wir Deutschen sind heute aus tiefstem Herzen davon überzeugt: Du sollst nicht töten! Schon Kätzchen zu ertränken ist etwas Schlimmes. Das absichtliche Töten eines Menschen gilt erst recht als unmenschlich. Wir haben sehr hohe Hemmungen davor, und entsprechend selten kommt es vor. Der scheinbar naheliegende Umkehrschluss: Wer dennoch so etwas tut, ist nicht normal, muss verrückt sein oder schwer traumatisiert oder ein ideologisch verblendeter Fanatiker (Anarchist, Rassist, Islamist). Kaum einer kennt solche Täter persönlich, und so fällt es nicht sehr schwer, sich das Bild eines Täters nach Belieben zurechtzuschnitzen – bis die Polizei anrückt und mitteilt, der eigene Sohn werde wegen Totschlags gesucht.

Im unterschwelligen Gedächtnis der Menschen dieses Landes ist immer noch verankert, dass es die Aufgabe der Männer zwischen 16 und 60 sei, sich eine Uniform anzuziehen und zu töten oder getötet zu werden. Bis zum Ersten Weltkrieg wurde dieses Schlachten und Sterben als ritterlich geadelt, zu Unrecht, wie wir wissen. Im Zweiten Weltkrieg war das Kriegshandwerk dann verschwistert mit ideologisch begründetem Massenmord.

Damals versuchte man absurderweise, mithilfe von physiognomischen Studien wissenschaftlich zu belegen, dass Mörder an der Form von Kopf und Ohrläppchen erkennbar seien. Gleichzeitig wurde das Morden zur Industrie.

Wenn man biologistische Erklärungen für den Mörder 2012, den angeblich aus der Art Geschlagenen, den Hirnabweichler, überprüft, muss man überlegen, ob sie nicht auch für die Mörder von 1942 passten. Von der Essayistin Hannah Arendt und dem Soziologen Harald Welzer ist beschrieben worden, dass jene Menschen, die im vergangenen Jahrhundert Tausende anderer Menschen mit eigener Hand umgebracht haben, nicht geisteskrank waren, nicht hirngeschädigt, sie waren nicht einmal alle Rassisten.

Dagegen regt sich Widerstand bei Soziologen wie Rolf Pohl und Joachim Perels, die auf dem Standpunkt stehen, Massenmörder könnten eo ipso nicht normal sein und Antisemitismus sei ein Wahn. Eine Verharmlosung der Schoah, hätten sie recht – wie sollte erklärbar sein, dass Ärzte, Psychiater, Pfleger, Krankenschwestern einst 70.000 psychisch Kranke und geistig Behinderte umbrachten und nach dem Krieg sozial gut integriert weiterlebten? Ganz normale Bürger eben – bloß lebten sie in sozialen Verhältnissen, die spätestens 1933 bis 1945 aus heutiger Sicht alles andere als »normal« waren, vielmehr ein System entfesselter totalitärer Macht. Fraglos gab es abnorme Persönlichkeiten unter den Führern und Tätern – aber hunderttausend weitere wird man vor und nach ihrer Mörderlaufbahn nicht als psychisch gestört bezeichnen können. Psychisch normal ist eben nicht nur der aggressionsfreie und stets normgetreue Kleinbürger – mancher Historiker dürfte erschrecken vor dem, was zur normalen Ausstattung eines Menschen gehört.

Viele Täter der NS-Zeit sagten hinterher, sie hätten nur ihre Pflicht getan. Sie taten sie oft mit augenfälligem Vergnügen, genossen die berauschende Erfahrung, unvorstellbare Macht auszuüben, Herr über Leben und Tod zu sein. Sie standen über dem Gesetz, über der Moral, in einem neuen Herrenrecht des Mächtigen. Und die meisten wussten tief in ihrer Seele sehr wohl: Ihre Mütter würden verzweifeln, wüssten sie, was ihr Sohn da tut. Wüssten sie, dass er Männer, Frauen, Kinder abschlachtet. Und viele Täter ahnten gewiss, dass die Strafe kommen würde: Genießt den Krieg, der Frieden wird fürchterlich sein!

Manche treibt Lust an der Zerstörung, oder besser: Rache an dieser Welt

Täter und Opfer waren Millionen ganz normale Menschen. Das Risiko, gewaltsam getötet zu werden, war in der Generation meiner Eltern und Großeltern immens hoch. Plötzlich ist es fast null. Nur die Medien führen uns vor Augen, dass wir bloß ein paar Stunden mit dem Jumbo fliegen müssen, um noch heute Abend an einem Ort der Vernichtung zu sein, wo ein Menschenleben einen Dreck wert ist. Ich vermute, dass uns deshalb alles brennend interessiert, was mit dem Töten zu tun hat: Es ist das tief in uns ruhende Wissen um die Existenz einer – momentan bloß schlummernden – Option auf Gewalt, die uns unwiderruflich zu Opfern oder Tätern werden lassen kann. Wir leben mit einer historisch belegten, gegenwärtig lediglich imaginären Bedrohung, die jäh auf uns einstürzen und sehr real werden kann. So geschah es vor wenigen Jahren auf dem Balkan und in Ruanda. So geschieht es heute in Syrien, Libyen und anderswo.

Dass wir selbst zu den Tätern gehören könnten, erscheint uns natürlich ganz ausgeschlossen. Mord ist uns ein Rätsel. Mir fiel – nicht lange her – ein junger Mann auf, der hartnäckig an jedem Tatort auftauchte und die Frage »Warum?« auf das vor ihm aufgestellte Pappschild gemalt hatte, dazu hielt er schweigend eine Gedenkkerze. Ich bin mir sicher, er fürchtet nichts mehr als eine Antwort auf seine Frage.

Warum also? Den Artgenossen töten ist ein – im biologischen, nicht im moralischen Sinne – zutiefst menschlicher Akt. Nachvollziehbar, wenn das Motiv rational ist: Beute machen zum Beispiel, materiell oder sexuell. Um Macht zu etablieren oder aufrechtzuerhalten. Auch emotionale Motive sind verständlich: Angst, Notwehr, Wut, Eifersucht, Niedertracht. Und nicht zu vergessen: Rache! (Rache, hat der Philosoph Friedrich Nietzsche gesagt, ist das reinste Motiv. Manche nennen es auch: Bestrafung.) Auch ein Grund zum Töten: die Lust an der Zerstörung. (Es gibt Menschen, sagt der böse Joker am Ende von Batman 2, die für kein Geld der Welt morden würden – sondern bloß, um zu zerstören.) Das könnte man vielleicht als »Rache an dieser Welt« bezeichnen. Und dann gibt es auch noch sehr eigenartige, aber gar nicht seltene Tötungsdelikte, vor allem von ganz jungen Männern, die der Täter begeht, um sich selbst zu erfahren. Um zu merken, wie stark er sein kann, was er aushält, wie viel Macht ihm durch diese unglaubliche Tat zuwachsen kann. Viele junge Männer haben das früher in Uniform herausgefunden. Und wurden dafür mit Orden behängt.

Die Motive sind menschlich

Schauen wir uns einmal jene aus rationalen, also eigennützigen Gründen tötenden Mörder an. Wie freundlich sie sind, wie einfühlsam! Ein Fall, der vor den Toren Berlins geschah: Mutter und Sohn beschließen, die Freundin des Sohnes mit Lebensversicherungen zu überhäufen, um durch ihren Tod an viel Geld zu kommen. Es geht um das erträumte ganz andere Leben, das man haben könnte, den eigenen großen Reiterhof, an den man anders nie kommen wird. Sich lösen aus dem bedrängten Dasein und dicke Geldbündel in den Hosentaschen haben – es geht um die Sorte Wünsche, die jeder kennt: Was würde ich mit einem Lottogewinn anstellen? Und dann steht da nur noch ein einziger Mensch im Wege – ich habe ihn mal geliebt, aber jetzt ist er mein Feind. Weil er mich trennt von der Verwirklichung meiner Träume. Dieser Sohn hatte durchaus empathische Gefühle für seine Freundin – bis aus der Idee mit den Lebensversicherungen der große Plan wurde. Für sein hohes Ziel musste er sich eine gewisse Gleichgültigkeit zulegen.

Beute und Macht sind triftige Gründe für ein Kapitalverbrechen, allemal in der professionellen Szene. Ein Täter lernt rasch, dass Töten funktioniert, den gewünschten Erfolg hat und entweder nicht bestraft wird oder dass die Strafe den Einsatz wert ist. In den neunziger Jahren trieben in Berlin und Norddeutschland hochkonspirative serbische Diebesbanden ihr Unwesen. Sie hatten geheime Wohnungen und Decknamen. Nichts war in ihren Augen verboten, außer der Verrat an die Polizei. Ein junger, gut aussehender Serbe – er wurde später mein Proband – erschoss in einer solchen Geheimwohnung vor den Augen zweier Frauen einen angeblichen Verräter. Kurz und knapp, eine sozusagen geschäftsmäßige Hinrichtung. Zwei Schüsse genügten. Ob die Gruppe ein bisschen paranoid war oder ob der Getötete wirklich mit der Polizei zusammenarbeitete, habe ich als psychiatrischer Gutachter zur Schuldfähigkeit nicht erfahren. Der junge Täter jedenfalls war psychisch völlig gesund, sozial kompetent, intelligent, wendig. Man könnte fast sagen, ein netter Kerl. Er kurierte im Haftkrankenhaus seine Lungentuberkulose aus, die er in Freiheit nicht hatte behandeln lassen können, und wurde im anschließenden Strafprozess vom Vorwurf des Mordes freigesprochen, denn die Tatzeugen waren inzwischen verschwunden oder konnten sich an nichts erinnern. Alle wussten, dass er es getan hatte, aber er verließ als freier Mann den Gerichtssaal und kehrte nach Belgrad zurück, wo man ihn gefeiert haben wird.

Okay, wir würden so was nicht machen, wir sind keine Gangster. Bei Gangstern mag es wichtig sein, dass die jeweils anderen wissen, man ist notfalls auch zum Letzten bereit. Das ist so ähnlich wie das atomare Gleichgewicht des Schreckens zwischen Kennedy und Chruschtschow. Wenn man sein Geld mit Drogen, Prostitution, Waffen oder geklauten Autos verdient, wenn man bereits mit 24 Jahren im Lamborghini cruisen will, dann sollte man dafür sorgen, dass einem niemand den hart erarbeiteten steuerfreien Reichtum wegnimmt. Zur Polizei kann man nämlich nicht gehen. Also muss man sich vom Gewaltmonopol des Staates ein bisschen was ausleihen, eine Pumpgun besorgen und sie gut sichtbar, passend zum langen Staubmantel, in der Szene herumtragen. Und schon weiß jeder: Das hier ist eine wehrhafte Firma.

Der Gangster muss keineswegs eine besondere Vorliebe für Gewalt haben. Er muss sie nur als notwendige Absicherung ansehen, die er an andere delegiert. Auch die dafür angeheuerten Muskelmänner müssen nicht besonders gewalthungrig sein, sondern tun oft nichts anderes als ihre Pflicht, sozusagen Securitypersonal auf der anderen Seite. Spaß an der Arbeit nicht ausgeschlossen. Das einzige Argument dafür, dass ein Gangster einen »Empathiemangel« hat, liegt darin, dass er anderen Menschen schlimmes Leid zufügt. Er kann das verdrängen und verwinden, er sieht sich als Chirurg, der ein Bein amputieren muss: Man sollte dabei nicht weinen. Im Irakkrieg sprach man von »chirurgischen Operationen«. Ferngesteuerte Raketen schlugen in Bagdad ein. Hatten diejenigen, die diese Sprengköpfe steuerten, einen Empathiemangel? Oder unterscheiden wir nicht alle bei unserem Mitleid zwischen Freunden und Feinden? Wer im akzeptierten Gedankensystem operiert, muss sich nicht rechtfertigen.

Gewaltanwendung wird von Rechtspolitikern derzeit zu einer unerklärlichen, neuartigen Bedrohung aufgeblasen, als lebten wir nicht im friedlichsten aller jemals existierenden Deutschländer. Dabei ist Gewalt – objektiv und moralfrei betrachtet – zunächst eine elementare Kraft im Menschen. Wie Sexualität, Hunger oder das Bedürfnis nach Gemeinschaft. Aggressivität und Gewaltfähigkeit sind notwendig zum Überleben in einer feindlichen Umgebung und zur Selbstbehauptung gegen die anderen, die auf ihren Vorteil nicht weniger aus sind als ich. In der Gewaltanwendung manifestiert sich Macht, das ist die Voraussetzung dafür, dass schließlich auch die nur symbolische Repräsentation genügt.

Unter den Gewalttätern finden wir bemerkenswert viele sozial, psychisch oder intellektuell Schwache. Sich durchsetzen zu können ist jedermanns natürliches Bestreben, auch das des Schwachen. Gewalt ist für manche (nicht zuletzt manche Kinder) sogar die einzige Chance, sich überhaupt bemerkbar zu machen, sie wären für ihre Mitmenschen ansonsten gar nicht existent. Krafttraining ist die beliebteste Sportart im Knast. Auch der schwache Mensch, ein Alkoholiker etwa oder ein Minderbegabter, kann die Grenzen seiner Leibes- und Geisteskräfte überschreiten und Sieger werden: durch Waffen, durch Technik, durch Zusammenrottung mit anderen. Notfalls kann er mit einem Feuerzeug ein ganzes Opernhaus anzünden.

Strafe statt Therapie

Aggression gehört also zur natürlichen Ausstattung des Menschen. Nur bedürfen alle heftigen menschlichen Bedürfnisse gerade ihrer Intensität wegen einer besonders starken Kulturierung, also einer klaren sozialen Regulierung und Ritualisierung. Andernfalls gefährden sie den sozialen Zusammenhalt. Daher kennen wir keine »natürliche« Sexualität, sondern stets eine gesellschaftlich regulierte, in ihren Möglichkeiten, Formen und Spielräumen genormte Sexualität. Entsprechend gibt es eine strikt reglementierte Aggressivität und Gewalterlaubnis – heute wie vor 2.000 Jahren.

Staatliche Strafandrohung verhindert mehr Gewalttaten als alle Therapien

Die Regeln der Gewalt und die Denkweisen über Gewalt ändern sich natürlich im Laufe der Zeit, in Abhängigkeit vom sozialen Wandel. Sklaven gibt es nicht mehr, untreue Frauen steinigt man nicht, jedenfalls bei uns. Duelle, an denen früher sogar führende SPD-Politiker wie Ferdinand Lassalle verstarben, sind verboten, die meisten Studenten schlagen sich nicht mehr mit Säbeln, Eltern und Lehrer werden angezeigt, wenn sie Kinder prügeln. Alle diese Fortschritte sind durch die öffentliche Diskussion gewaltfreier Alternativen, durch staatliche Strafandrohung, veränderte Formen der Sozialisierung und neue kulturelle Vorbilder erreicht worden. Nicht durch Therapie!

Die allgegenwärtige Verdammung und Pathologisierung von Gewalt und Tötung kontrastiert eindrucksvoll mit dem erzieherischen und kulturellen Stellenwert von Gewalt. Sehr viele Märchen, viele Klassiker der Unterhaltungs- sowie der Hochliteratur, die in immer neuen Versionen vom Actionfilm bis zum Computerspiel aktualisiert werden, sind – man kann es nicht anders sagen – gewaltverherrlichend.

Es beginnt mit den genauen Beschreibungen des Kämpfens und Tötens in der Ilias. Und behaglich liest man, wie der Titelheld der Odyssee, der sich 20 Jahre lang zu Hause nicht blicken ließ, die zudringlichen Freier seiner Frau Penelope nicht einfach vertreibt, sondern kunstvoll abschlachtet. Heute würde man Odysseus – diesen Protagonisten humanistischer Bildung – vermutlich als Psychopathen einstufen: narzisstisch, umtriebig, rücksichtslos, pathologisch angstfrei, gewalttätig. Viele Märchen erzählen, dass man einer vitalen Bedrohung nicht ausweichen darf, man muss sich gewaltsam wehren, den Drachen erschlagen, die Hexe verbrennen. In Heldensagen baden Heroen im Blut, und Harry Potter und Lord Voldemort, Darth Vader sowie Sephiroth kämpfen auf Leben und Tod. Schon als Kinder lernen wir also: Gewalt ist immer da, zumindest als Möglichkeit. Ich habe selber mehrere junge Mörder begutachtet, die sich mit den gebrochenen Helden aus den Final Fantasy-Filmen identifizierten. Gewalt war immer schon da, auf höchstens der Hälfte des Erdballs halbwegs domestiziert und staatlich eingehegt, aber etappenweise gnadenlos entfesselt.

Junge Männer ziehen umher und suchen den Kampf. Manchmal endet er tödlich

Auch unsere Urerzählung, die Bibel, beginnt, gleich nach der Vertreibung aus dem Paradies, mit einem Mord. Kain erschlägt seinen Bruder Abel. Das bedeutet: Abel ist tot, wir alle stammen von Kain, dem Mörder, ab. Die gesamte Menschheitsgeschichte handelt vom Töten. Der französische Kenner des Mittelalters Marcel Girard sagt, der Mord erwachse aus dem Begehren. Schon in den Zehn Geboten findet sich die Formel »Du sollst nicht begehren...« – des anderen Weib, Vieh, Land, Hof, Hab und Gut, nicht seinen Reichtum, seine Gesundheit, seine Schönheit, seinen Erfolg.

Begutachtet werden sollte ein Oberarzt aus Süddeutschland: Er hatte Schmutzwasser aus Putzeimern in jene Infusionen gegeben, mit denen sein Kollege, mit dem er um eine Professorenstelle konkurrierte, höchst erfolgreich schwer kranke Patienten behandelte. Er tötete also Menschen, um die wissenschaftliche Studie des Kollegen zu ruinieren und ihn in der Gunst des Chefs (und möglicher Headhunter) zu überflügeln. Der Mann war nicht krank, nicht vorbestraft, nur eben besonders ehrgeizig. Als alles herauskam und er in der Untersuchungshaft merkte, dass er all seine Lebenspläne selbst zunichtegemacht hatte, beging er Suizid. Mord und Selbstmord wohnen manchmal nahe beieinander.

Auch Liebesbegehren wird lebensgefährlich, wenn es romantisch überhöht wird. Das zeigen uns zahllose Shakespeare-Tragödien von Othello bis Romeo und Julia. So ist es auch im kriminellen Alltag: Der Mann ist plötzlich überzeugt, nichts sei wichtiger als seine Liebe zur misshandelten Ehefrau. Die ist ins Frauenhaus geflüchtet und prangert ihn als Unhold und Versager an. Er weint und schluchzt und schenkt ihr sentimentale CDs mit »unserem Lied«. Da ist auch das »Zustechen mit dem Messer bis zum Eintritt des Todes durch Verbluten« (Polizeijargon) nicht mehr allzu fern. So groß ist die Liebe, so groß ist das Leid, dass unser Ehemann dafür sogar zu töten bereit ist – an die Folgen, die Freiheitsstrafe, zu denken wäre ihm kleinlich erschienen. Hier ging es um wahrhaft Großes, für das man sein Leben riskiert. Ein Jahr später hält unser Mann das alles natürlich für eine Riesendummheit, da hat er sich schon ein bisschen ans Gefängnis gewöhnt.

Da ist er wieder, der heroische Mörder. Der Soldat sieht sich im Zweifel als ein Mann, der aus Gründen des Heldentums seine Pflicht erfüllt. Der Gangster sieht sich ähnlich, dient bloß in einer anderen Truppe. Der sentimentale, selbstmitleidige Mann, der seine untreue Partnerin ersticht, nachdem er vorher sämtliche Konflikte hartnäckig verleugnet hat, sieht sich ebenfalls als Held des großen Herzens: Er hat es sich wahrlich nicht leicht gemacht!

Mord als Heldentat – da gibt es von alters her noch eine besondere Gruppe: Die Täter sind ganz normale Jugendliche, Heranwachsende. Kinder fast, junge Krieger in Sneakers. Sie ziehen herum und suchen den Kampf. Manche tragen auch Springerstiefel und Glatze, manche ziehen sich Fußballtrikots über, nennen sich Hooligans und behaupten, sie kämpften nach fairen Regeln. Diese Kämpfe gibt es in großer Zahl, und sie enden mitunter tödlich.

Die typische Konstellation: Die Täter sind vier Jungs, ihnen gegenüber zwei von vorneherein unterlegene, stark alkoholisierte Opfer. Von den vier Tätern trägt einer echte Zerstörungswut in sich und psychische Probleme, gerade so einer ist oft der Anführer. Zwei sind eigentlich intakt, aber noch dabei, herauszufinden, wer sie eigentlich sein wollen, und der vierte Junge ist häufig mustergültig sozialisiert, aber auch interessiert, das »männliche Leben«, den Kampf zu erfahren. In der Schule haben die Lehrerinnen allen vieren erzählt: Gewalt ist überflüssig! Man kann – stattdessen – über alles reden. Das haben die Kindergärtnerinnen, und Mutti, auch schon gesagt. Doch die Jungs wissen längst: Frauengerede.

 Den Umgang mit Macht muss jeder lernen

Gewalt konstituiert Macht, schon in der Schule. Der Gewalt kann ein Junge nicht immer ausweichen. Man kann nicht über alles reden, jedenfalls nicht nur. Um selbst eine gute Position im sozialen Spiel zu erreichen, um Stärke zu demonstrieren, muss man bereit sein zu kämpfen. Man muss lernen, zu widerstehen, sich durchzusetzen. Dies geht gemeinsam mit anderen meist besser als allein.

Bei Gewalt von jungen Männern geht es oft um Selbstbehauptung und zugleich um den Erwerb von Tugenden, die gelernt und geübt werden müssen: Mut, Tapferkeit, Loyalität zu anderen, eine gewisse Rücksichtslosigkeit (auch gegen sich selbst).

In der Hochkultur und in der Pädagogik aber werden die traditionellen Konzepte von Männlichkeit zu Sekundärtugenden degradiert: Mut, Tapferkeit, Stehvermögen, Wehrhaftigkeit, Stärke – was soll das? Wozu soll es gut sein? Die moderne »weiche« Pädagogik versucht den Kindern einzureden, dass Gewalt böse ist, dass man sie immer vermeiden muss. Dass man im Zweifel nicht zurückhauen, sondern bei Erwachsenen Hilfe suchen soll, die dann anstelle des Kindes alles regeln. Keine eigene Macht aufbauen (als jemand, der Respekt genießt oder einer Gruppe angehört, die Respekt genießt), sondern im Schlepptau von Starken (im schlimmsten Fall der Mutter) agieren – man begreift, dass dieses Konzept bei den Jungs im Kindergarten, im Schullandheim oder bei der Bundeswehr auf sehr wenig Begeisterung stößt.

In der Lebensphase, in welcher der männliche Jugendliche ein Selbstkonzept entwickelt, wer er denn ist und wer er sein will, lockt stets die Rolle des Kämpfers, genauer: des Kriegers. Dem am nächsten steht das Konzept des Sportlers, und in beiden Fällen geht es um den Einsatz, das Erproben und Riskieren des eigenen Leibes. Natürlich gibt es andere Rollenangebote, die abwechselnd oder parallel eingeübt werden: das des Fürsorglichen, des Helfers, des Liebenden, des Fantasielandbewohners und andere. Der Krieger kommt gewöhnlich in der Gruppe vor, im Trupp, in der Mannschaft, in der Garde.

Die Anziehungskraft bestimmter militanter Gruppen liegt nicht in deren Ideologie, sondern in ihrer Gewaltbereitschaft. Man geht zu den Hools und nicht zur normalen Fangruppe, weil man Gefahr erleben möchte, den Zusammenhalt im Kampf, den eigenen Mut, den Sieg. All diese Gruppen, ob Hooligans, Neonazis, Anarchisten oder Stadtteil-Gangs, gewinnen ihre Mitglieder nicht auf Schulungsabenden und durch ideologische Überzeugungsarbeit, sondern indem sie zu Aktionen aufrufen und die Einladung aussprechen, sich gemeinsam der Gefahr auszusetzen. Man kommt zusammen, um zu kämpfen, und manch einer stellt sich dabei vor, ob er wohl stark genug sein könnte zu töten.

Ob es dann aus den Taten solcher Jungengruppen heraus zu Tötungsdelikten kommt, hängt vom Zufall ab oder davon, ob Waffen eingesetzt werden. Vom Zufall hängt oft auch ab, wer zuletzt Täter und wer Opfer wird. Wenn ein solcher Jugendlicher tötet, muss das nicht bedeuten, dass er dauerhaft gefährlich ist. Es bedeutet nicht einmal, dass er ein Gewaltproblem hat.

Die grundsätzliche Ächtung von Gewalt, in Schule, Familie, Öffentlichkeit, ist richtig und wichtig. Sie kann gar nicht nachdrücklich genug sein. Aber wir könnten uns effektiver schützen gegen Gewalt und Mord. Im Moment fließen erhebliche Summen in Präventionsprogramme, und Millionen werden in den Ausbau therapeutischer Programme gesteckt. Was die Effizienz dieser Maßnahmen betrifft, darf man Zweifel hegen. Der Glaube an die Therapierbarkeit von Kriminalität hat inzwischen illusionäre Ausmaße angenommen. Seitdem ich meinen Beruf ausübe, verfechte ich die Notwendigkeit von Kriminaltherapie und resozialisierendem Strafvollzug. Man sollte aber nur reparieren, was defekt, nicht was intakt ist. Und die meisten Täter sind gesund. Es sollte also da behandelt werden, wo tatsächlich Behandlungsbedarf und Behandlungsnotwendigkeit besteht.

Wir müssen begreifen, dass Gewaltausübung lustvoll sein kann

Natürlich ist klar: Das Problem liegt im Täter, nicht außerhalb. Die Erfolgsquote bei der Therapie tatsächlich psychisch kranker Rechtsbrecher (also etwa jedes siebten zu einer Freiheitsstrafe Verurteilten) ist sehr hoch. Die Therapieerfolge bei psychisch gesunden Straftätern dagegen sind dürftig: Bei 90 Prozent tritt keine spürbare Besserung ein. Warum auch, sie sind normal. Die erwähnte Besserung dürfte vor allem auf die menschliche Zuwendung durch den Therapeuten zurückzuführen sein. Zehn Prozent weniger Opfer lohnen den Einsatz – auf diesem Standpunkt kann man stehen. Doch wir sollten nicht vergessen: Das öffentliche Wissen darum, dass mit dem »genetischen Fingerabdruck« durch DNA-Spuren so gut wie jeder Täter überführt werden kann, hat mehr Vergewaltigungen und Sexualmorde verhindert als alle Sexualtherapien zusammen. Nicht die Seelenkur, sondern ein hohes Risiko der Bestrafung schreckt den gesunden Gewalttäter ab.

Zu einem rationalen Umgang mit der Gewaltgefahr gehört, dass wir sie nicht in sublime Hirnbezirke mit kaputten Spiegelneuronen verbannen, sondern als normal begreifen. Gewalt gehört zur conditio humana, dies zu verleugnen ist lebensgefährlich. Man kann Gewalt nicht durch Anti-Aggressions- oder Empathietraining beseitigen, man kann sie nur möglichst gut »einhegen«, wie die Historiker sagen. In Fesseln legen wie einst die Liliputaner den Gulliver.

Das Wichtigste bei der Einhegung, Kanalisierung und Entschärfung von Gewalt ist ein sichtbares, eindeutiges und wirksames Auftreten der Repräsentanten staatlicher Gewalt. Ich meine damit Polizei und Strafjustiz. Mögliche Täter einzuschüchtern, indem der Öffentlichkeit die rasche Ergreifung und Bestrafung von Verbrechern nicht nur zugesichert, sondern garantiert wird, ist eine essenzielle Voraussetzung. Ein männlicher Umgang mit vor allem jugendlichen Tätern ist notwendig. Der Staat muss ihnen als Respektsperson entgegentreten. Und sie selbst dürfen nicht als schwach und belehrungsbedürftig behandelt werden, sondern als verantwortlich, stark und erfahren. Sie müssen spüren, dass man sie nicht zu Mädchen umerziehen möchte, sondern zu selbstdisziplinierten Männern.

Gerade Jungen aber müssen auch das Kämpfen lernen, den körperlichen Kampf, den geistigen Kampf, allein und in Mannschaften und – selbstverständlich – am Computer. Den eigenen Körper zu beherrschen ist ein lohnendes Ziel. In der Auseinandersetzung mit anderen die eigenen Gefühle zu beherrschen und Regeln einzuhalten ebenfalls. Die Regeln müssen von allen geteilt und getragen werden, Verstöße führen zu Auszeiten und Strafen. Trainierte Selbstdisziplin, auch und gerade wenn es wehtut und man wütend wird, ist ein Ausdruck der eigenen Stärke.

Junge Gewalttäter sind selten perspektivlos, aber ihre Lebensperspektive ist noch in Arbeit. Da kann man helfen, vielleicht auch dadurch, dass sich gestandene Männer als Vorbilder und Paten um solche Jungs kümmern. Nur wer nicht begreift, was Hanteltraining in diesem Alter bedeutet, wer keinen Sinn für die Lust hat, die Gewaltausübung bereiten kann, wer kein Gespür hat für die dahinterstehenden Selbstkonzepte von Jugendlichen und jungen Männern, der wird diese Täter als abnorm abstempeln. Er wird Gewalt tabuisieren, anstatt sie in »Power« zu verwandeln.

Also: Der Mörder ist in uns allen. Doch er wird erfolgreich domestiziert durch eine energische Pädagogik, machtvolle Vorbilder, einen entschiedenen Staat und eine Kultur, die Gewalt ablehnt und gesundes Durchsetzungsvermögen fördert. Dann wird die Zahl der Gewaltakte weiter zurückgehen. Natürlich nur, solange der Rechtsstaat stabil ist. Wollen wir hoffen, dass er es bleibt.