Gewalt konstituiert Macht, schon in der Schule. Der Gewalt kann ein Junge nicht immer ausweichen. Man kann nicht über alles reden, jedenfalls nicht nur. Um selbst eine gute Position im sozialen Spiel zu erreichen, um Stärke zu demonstrieren, muss man bereit sein zu kämpfen. Man muss lernen, zu widerstehen, sich durchzusetzen. Dies geht gemeinsam mit anderen meist besser als allein.

Bei Gewalt von jungen Männern geht es oft um Selbstbehauptung und zugleich um den Erwerb von Tugenden, die gelernt und geübt werden müssen: Mut, Tapferkeit, Loyalität zu anderen, eine gewisse Rücksichtslosigkeit (auch gegen sich selbst).

In der Hochkultur und in der Pädagogik aber werden die traditionellen Konzepte von Männlichkeit zu Sekundärtugenden degradiert: Mut, Tapferkeit, Stehvermögen, Wehrhaftigkeit, Stärke – was soll das? Wozu soll es gut sein? Die moderne »weiche« Pädagogik versucht den Kindern einzureden, dass Gewalt böse ist, dass man sie immer vermeiden muss. Dass man im Zweifel nicht zurückhauen, sondern bei Erwachsenen Hilfe suchen soll, die dann anstelle des Kindes alles regeln. Keine eigene Macht aufbauen (als jemand, der Respekt genießt oder einer Gruppe angehört, die Respekt genießt), sondern im Schlepptau von Starken (im schlimmsten Fall der Mutter) agieren – man begreift, dass dieses Konzept bei den Jungs im Kindergarten, im Schullandheim oder bei der Bundeswehr auf sehr wenig Begeisterung stößt.

In der Lebensphase, in welcher der männliche Jugendliche ein Selbstkonzept entwickelt, wer er denn ist und wer er sein will, lockt stets die Rolle des Kämpfers, genauer: des Kriegers. Dem am nächsten steht das Konzept des Sportlers, und in beiden Fällen geht es um den Einsatz, das Erproben und Riskieren des eigenen Leibes. Natürlich gibt es andere Rollenangebote, die abwechselnd oder parallel eingeübt werden: das des Fürsorglichen, des Helfers, des Liebenden, des Fantasielandbewohners und andere. Der Krieger kommt gewöhnlich in der Gruppe vor, im Trupp, in der Mannschaft, in der Garde.

Die Anziehungskraft bestimmter militanter Gruppen liegt nicht in deren Ideologie, sondern in ihrer Gewaltbereitschaft. Man geht zu den Hools und nicht zur normalen Fangruppe, weil man Gefahr erleben möchte, den Zusammenhalt im Kampf, den eigenen Mut, den Sieg. All diese Gruppen, ob Hooligans, Neonazis, Anarchisten oder Stadtteil-Gangs, gewinnen ihre Mitglieder nicht auf Schulungsabenden und durch ideologische Überzeugungsarbeit, sondern indem sie zu Aktionen aufrufen und die Einladung aussprechen, sich gemeinsam der Gefahr auszusetzen. Man kommt zusammen, um zu kämpfen, und manch einer stellt sich dabei vor, ob er wohl stark genug sein könnte zu töten.

Ob es dann aus den Taten solcher Jungengruppen heraus zu Tötungsdelikten kommt, hängt vom Zufall ab oder davon, ob Waffen eingesetzt werden. Vom Zufall hängt oft auch ab, wer zuletzt Täter und wer Opfer wird. Wenn ein solcher Jugendlicher tötet, muss das nicht bedeuten, dass er dauerhaft gefährlich ist. Es bedeutet nicht einmal, dass er ein Gewaltproblem hat.

Die grundsätzliche Ächtung von Gewalt, in Schule, Familie, Öffentlichkeit, ist richtig und wichtig. Sie kann gar nicht nachdrücklich genug sein. Aber wir könnten uns effektiver schützen gegen Gewalt und Mord. Im Moment fließen erhebliche Summen in Präventionsprogramme, und Millionen werden in den Ausbau therapeutischer Programme gesteckt. Was die Effizienz dieser Maßnahmen betrifft, darf man Zweifel hegen. Der Glaube an die Therapierbarkeit von Kriminalität hat inzwischen illusionäre Ausmaße angenommen. Seitdem ich meinen Beruf ausübe, verfechte ich die Notwendigkeit von Kriminaltherapie und resozialisierendem Strafvollzug. Man sollte aber nur reparieren, was defekt, nicht was intakt ist. Und die meisten Täter sind gesund. Es sollte also da behandelt werden, wo tatsächlich Behandlungsbedarf und Behandlungsnotwendigkeit besteht.

Wir müssen begreifen, dass Gewaltausübung lustvoll sein kann

Natürlich ist klar: Das Problem liegt im Täter, nicht außerhalb. Die Erfolgsquote bei der Therapie tatsächlich psychisch kranker Rechtsbrecher (also etwa jedes siebten zu einer Freiheitsstrafe Verurteilten) ist sehr hoch. Die Therapieerfolge bei psychisch gesunden Straftätern dagegen sind dürftig: Bei 90 Prozent tritt keine spürbare Besserung ein. Warum auch, sie sind normal. Die erwähnte Besserung dürfte vor allem auf die menschliche Zuwendung durch den Therapeuten zurückzuführen sein. Zehn Prozent weniger Opfer lohnen den Einsatz – auf diesem Standpunkt kann man stehen. Doch wir sollten nicht vergessen: Das öffentliche Wissen darum, dass mit dem »genetischen Fingerabdruck« durch DNA-Spuren so gut wie jeder Täter überführt werden kann, hat mehr Vergewaltigungen und Sexualmorde verhindert als alle Sexualtherapien zusammen. Nicht die Seelenkur, sondern ein hohes Risiko der Bestrafung schreckt den gesunden Gewalttäter ab.

Zu einem rationalen Umgang mit der Gewaltgefahr gehört, dass wir sie nicht in sublime Hirnbezirke mit kaputten Spiegelneuronen verbannen, sondern als normal begreifen. Gewalt gehört zur conditio humana, dies zu verleugnen ist lebensgefährlich. Man kann Gewalt nicht durch Anti-Aggressions- oder Empathietraining beseitigen, man kann sie nur möglichst gut »einhegen«, wie die Historiker sagen. In Fesseln legen wie einst die Liliputaner den Gulliver.

Das Wichtigste bei der Einhegung, Kanalisierung und Entschärfung von Gewalt ist ein sichtbares, eindeutiges und wirksames Auftreten der Repräsentanten staatlicher Gewalt. Ich meine damit Polizei und Strafjustiz. Mögliche Täter einzuschüchtern, indem der Öffentlichkeit die rasche Ergreifung und Bestrafung von Verbrechern nicht nur zugesichert, sondern garantiert wird, ist eine essenzielle Voraussetzung. Ein männlicher Umgang mit vor allem jugendlichen Tätern ist notwendig. Der Staat muss ihnen als Respektsperson entgegentreten. Und sie selbst dürfen nicht als schwach und belehrungsbedürftig behandelt werden, sondern als verantwortlich, stark und erfahren. Sie müssen spüren, dass man sie nicht zu Mädchen umerziehen möchte, sondern zu selbstdisziplinierten Männern.

Gerade Jungen aber müssen auch das Kämpfen lernen, den körperlichen Kampf, den geistigen Kampf, allein und in Mannschaften und – selbstverständlich – am Computer. Den eigenen Körper zu beherrschen ist ein lohnendes Ziel. In der Auseinandersetzung mit anderen die eigenen Gefühle zu beherrschen und Regeln einzuhalten ebenfalls. Die Regeln müssen von allen geteilt und getragen werden, Verstöße führen zu Auszeiten und Strafen. Trainierte Selbstdisziplin, auch und gerade wenn es wehtut und man wütend wird, ist ein Ausdruck der eigenen Stärke.

Junge Gewalttäter sind selten perspektivlos, aber ihre Lebensperspektive ist noch in Arbeit. Da kann man helfen, vielleicht auch dadurch, dass sich gestandene Männer als Vorbilder und Paten um solche Jungs kümmern. Nur wer nicht begreift, was Hanteltraining in diesem Alter bedeutet, wer keinen Sinn für die Lust hat, die Gewaltausübung bereiten kann, wer kein Gespür hat für die dahinterstehenden Selbstkonzepte von Jugendlichen und jungen Männern, der wird diese Täter als abnorm abstempeln. Er wird Gewalt tabuisieren, anstatt sie in »Power« zu verwandeln.

Also: Der Mörder ist in uns allen. Doch er wird erfolgreich domestiziert durch eine energische Pädagogik, machtvolle Vorbilder, einen entschiedenen Staat und eine Kultur, die Gewalt ablehnt und gesundes Durchsetzungsvermögen fördert. Dann wird die Zahl der Gewaltakte weiter zurückgehen. Natürlich nur, solange der Rechtsstaat stabil ist. Wollen wir hoffen, dass er es bleibt.