Martina Gedeck"Wenn ich träume, wächst etwas in mir, das sich am Tag entfaltet"

Die Schauspielerin Martina Gedeck versucht, die Zeit nach dem Aufwachen zu bewahren: "Es ist mir wichtig, diejenige, die ich im Traum bin, mitzunehmen in den Tag." von Jörg Böckem

Zwischen dem sogenannten realen Leben und dem inneren, geistigen Leben unterscheide ich nicht so sehr. Für mich webt eines ins andere. Das, was wir Traum nennen, bezeichnet meiner Meinung nach eine immaterielle Welt, aus der wir alle kommen. Aus ihr schöpfe ich, vor allem in meiner Arbeit als Schauspielerin. Wir Menschen vergessen mitunter, wie sehr wir eingebettet sind in das Gewebe, aus dem die Träume sind.

In Träumen weiß ich nie, was als Nächstes geschieht. Dadurch werden wir uns auch gewahr, dass es ein Leben gibt, auf das wir keinen Einfluss haben. Wir bewegen uns darin, sind aber nicht die Herren dieses Lebens. Ein wunderbarer Zustand.

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Jeder von uns hat eine eigene Art, zu empfinden und zu träumen. Meine Träume sind wohlmeinende Begleiter, die mir das Leben schickt. Immer wieder tauchen verstorbene Freunde und Familienmitglieder darin auf, ich genieße es, mit ihnen auf diese Weise in Kontakt treten zu können.

Martina Gedeck

51, ist eine der renommiertesten Schauspielerinnen Deutschlands. Weltweit bekannt wurde sie durch ihre Hauptrolle in »Das Leben der Anderen«. Vom 11. Oktober an ist sie in der Literaturverfilmung »Die Wand« im Kino zu sehen.

Ich schlafe viel und schütze die Zeit vor dem Einschlafen und nach dem Aufwachen. Es ist mir wichtig, diejenige, die ich im Traum bin, mitzunehmen in den Tag, ich möchte beides verbunden wissen. Wenn ich träume, wächst etwas in mir, das sich am Tag entfaltet. Eine Zeit lang habe ich ein Traumtagebuch geführt. Nicht, um die Erinnerung an die Träume dauerhaft festzuhalten. Alles, was ich träume und erlebe, ist sowieso in mir bewahrt. Aber ich habe die Erfahrung gemacht, dass ich auf diese Weise intensiver, facettenreicher, detaillierter träume.

Albträume habe ich nur sehr selten, aber es kommt hin und wieder vor, dass ich mich im Traum auf unbekanntem Terrain bewege und vor Aufgaben gestellt werde, die ich kaum zu bewältigen vermag. Dann stehe ich zum Beispiel auf einer Opernbühne und muss eine Arie singen. In diesen Träumen spiegelt sich ein grundsätzliches Element des Theaters: ausgestellt sein, sich selbst preisgeben, mit allen Schwächen und Unzulänglichkeiten.

Ich habe einen Traum
Alle bisherigen Träume zum Nachlesen

Alle bisherigen Träume zum Nachlesen  |  © Miss Jones/Photocase

Meine Wunschträume und Sehnsüchte haben mich dahin geführt, wo ich sein soll. Unsere Träume verwandeln uns, wollen uns hinführen zur Erfüllung unseres Potenzials. Doch sie sind nicht immer deckungsgleich mit unseren Vorstellungen. Manchmal bringt uns unsere Vorstellung auf eine falsche Fährte, ersetzt den eigentlichen Wunsch durch ein Trugbild. Im Gegensatz zu den Träumen ist unser Vorstellungshorizont sehr begrenzt. Ich habe zum Beispiel als Kind davon geträumt, so zu sein wie die anderen, in eine Gruppe aufgenommen zu werden. Als junge Frau habe ich dann vom Theater geträumt und mir vorgestellt, in einem Ensemble in einer Art Künstlerfamilie zu leben und zu arbeiten. Mein Leben, auch als Schauspielerin, hat sich dann völlig anders entwickelt, in keinem Moment bin ich dieser Vorstellung auch nur nahegekommen. Dennoch hat sich der eigentliche, dahinter liegende Traum erfüllt: in einer Gemeinschaft etwas von Belang zu tun, das die Menschen interessiert und das in der Gesellschaft auf Resonanz trifft, der Traum davon, meine Wahrnehmung zu erweitern und als das Wesen wahrgenommen zu werden, das ich bin.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unterwww.zeit.de/audio

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Leserkommentare
  1. zu sein und ich möchte sie nun in dem Film "Die Wand" auch einmal als Schauspielerin kennen lernen. Zunächst hatte mich die Art von Science-Fiktion-Erzählung, die diesem Film zugrunde liegt(es hat sich mitten in einer noch heilen, wunderschönen Berglandschaft eine unsichtbare,
    undurchdringliche Wand gebildet,weiß ich-das Buch hab ich nicht gelesen), eher nicht so interessiert. Aber seit ich den Trailer mit M.G. gesehen habe, die mich schon hier sehr beeindruckt hat neben der berauschend schönen Berglandlandschaft,interessiert mich dieses Filmwerk sehr und ich sehe in der Idee mit der Wand einen eventuell sehr wirkungsvollen Trick, allgemeine Problematiken in der menschlichen Psyche zu beleuchten. Das fand Martina Gedeck wohl auch, als sie das Angebot annahm, diese interessante Hauptrolle einer Verwunschenen, Leidenden, allein in inmitten noch urwüchsiger Natur anzunehmen. Sicher eine der interessantesten und mir sympatischsten derzeitigen Schauspielerinnen.

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    Ich habe den Film gestern Abend gesehen und er hat mir gut gefallen. Ich fand auch die schauspielerische Leistung von Frau Gedeck überzeugend. Science Fiktion ist das nicht. Die Wand kann man, glaube ich, nicht wörtlich als physikalisches Phänomen verstehen. Eher als Sicht auf inneres, seelisches oder psychisches Erleben. Ich würde mir wünschen, dass sich das Kino in Deutschland häufiger traut, Themen umzusetzen, die sich mit so existenziellen Fragen beschäftigen.
    Was die Begeisterung für Träume angeht, kann ich nur sagen, dass ich diese mit Frau Gedeck teile. Träume können ein Schlüssel für persönliche Veränderung sein. Allerdings kann man sich auch darin verlieren. Esoterisch wird das aber bestimmt nur, wenn man versucht irgendwelche Theorien, starre und festgelegte Muster auf dieses Naturphänomen anzuwenden. Träume sprechen für sich und sie reagieren auf die Art und Weise, wie man sie aufnimmt und mit ihnen umgeht. Insofern stimmt es auch, dass sie zunächst bunter werden, wenn man ihnen mehr Aufmerksamkeit schenkt. Ein Effekt, der sich aber wieder umkehrt, wenn man sich lange und sehr systematisch mit ihnen auseinander setzt. Zumindest bei mir war das so. Dann scheint es eher so zu sein, dass sich das Unbewusste dagegen wehrt, zu sehr "benutzt" und "ausspioniert" zu werden. Es bleibt für mich trotzdem eine hoch interessante Angelegenheit.

    • krister
    • 14. Oktober 2012 10:21 Uhr

    ich finde,Sie hätten ihren neusten außerordentlich!! bemerkenswerten Film "Die Wand" mehr erwähnen können/dürfen/sollen,als nur ganz klein links.

    • Moika
    • 14. Oktober 2012 10:29 Uhr

    Zitat: "Unsere Träume verwandeln uns, wollen uns hinführen zur Erfüllung unseres Potenzials."

    Na ja, diese Sicht auf unsere Träume hat ja schon mehr von Schwärmerei und esoterischem Potenzial. Oder vielleicht doch nicht?

    Denn andererseits können (selbst gelenkte) Wachträume etwas Wunderbares sein. Und ich hatte vor langer Zeit einen "furchtbar" intensiven Traum - von dem ich fast überzeugt war: das hast du gelebt/erlebt! - der mir nach dem Aufwachen sofort in aller Klarheit bewußt machte, daß Gewalt niemals ein Mittel sein kann, Probleme und Konflikte vernünftig zu lösen. Das beeindruckt mich noch heute.

  2. Ich habe den Film gestern Abend gesehen und er hat mir gut gefallen. Ich fand auch die schauspielerische Leistung von Frau Gedeck überzeugend. Science Fiktion ist das nicht. Die Wand kann man, glaube ich, nicht wörtlich als physikalisches Phänomen verstehen. Eher als Sicht auf inneres, seelisches oder psychisches Erleben. Ich würde mir wünschen, dass sich das Kino in Deutschland häufiger traut, Themen umzusetzen, die sich mit so existenziellen Fragen beschäftigen.
    Was die Begeisterung für Träume angeht, kann ich nur sagen, dass ich diese mit Frau Gedeck teile. Träume können ein Schlüssel für persönliche Veränderung sein. Allerdings kann man sich auch darin verlieren. Esoterisch wird das aber bestimmt nur, wenn man versucht irgendwelche Theorien, starre und festgelegte Muster auf dieses Naturphänomen anzuwenden. Träume sprechen für sich und sie reagieren auf die Art und Weise, wie man sie aufnimmt und mit ihnen umgeht. Insofern stimmt es auch, dass sie zunächst bunter werden, wenn man ihnen mehr Aufmerksamkeit schenkt. Ein Effekt, der sich aber wieder umkehrt, wenn man sich lange und sehr systematisch mit ihnen auseinander setzt. Zumindest bei mir war das so. Dann scheint es eher so zu sein, dass sich das Unbewusste dagegen wehrt, zu sehr "benutzt" und "ausspioniert" zu werden. Es bleibt für mich trotzdem eine hoch interessante Angelegenheit.

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    Ich möchte also nach Jahren mal wieder ins Kino gehen! Was Sie über Träume schreiben, sehe ich auch so! Man soll sie nicht zwangsinterpretieren, aber ihnen die Wichtigkeit beimessen, die einem das eigene Gefühl eingibt! Da sie aus dem tiefsten Innern kommen, haben Sie mit dem "Über-Ich" zu tun, daß mehr weiß, als man sich ausdenken kann und das, wie ich glaube, auch eine wichtige Schutzfunktion hat. Ich dachte schon oft, daß der "Schutzengel" man in Wirklichkeit immer selber sei. Aber er weiß ?

  3. Ich möchte also nach Jahren mal wieder ins Kino gehen! Was Sie über Träume schreiben, sehe ich auch so! Man soll sie nicht zwangsinterpretieren, aber ihnen die Wichtigkeit beimessen, die einem das eigene Gefühl eingibt! Da sie aus dem tiefsten Innern kommen, haben Sie mit dem "Über-Ich" zu tun, daß mehr weiß, als man sich ausdenken kann und das, wie ich glaube, auch eine wichtige Schutzfunktion hat. Ich dachte schon oft, daß der "Schutzengel" man in Wirklichkeit immer selber sei. Aber er weiß ?

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  • Serie Ich habe einen Traum
  • Schlagworte Theater | Arbeit | Schauspieler | Traum
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