Seite an Seite schritten die beiden Männer durch die Fabrikhalle: Barack Obama , Amerikas Staatschef, und Jeffrey Immelt , Vorstandschef von General Electric (GE), dem größten Industriekonzern des Landes. Der Anlass, der sie an diesem Tag an den früheren GE-Hauptsitz in Schenectady, im Norden des US-Bundesstaates New York, geführt hatte, war die Ernennung Immelts zum Vorsitzenden eines neu geschaffenen Gremiums: des White House Council on Jobs and Competitiveness . Als Obamas »Job-Zar« – so die volkstümliche Amtsbezeichnung – sollte Immelt dem Präsidenten zur Seite stehen bei der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit. »Ich bin stolz darauf, dass Jeff diese neue Gruppe leiten wird. Ich glaube, dass GE andere Unternehmen in unserem Land etwas lehren kann«, lobte Obama seinen neuen Berater. Das war im Januar 2011.

Es ist zu bezweifeln, dass er das heute noch einmal sagen würde. Und auch Immelt scheint im Nachhinein alles andere als glücklich zu sein über sein Ehrenamt. Bei einer Begegnung Ende September ist ihm die Frage nach seiner Rolle als Obama-Berater sichtlich unangenehm. »Dazu möchte ich zurzeit nichts sagen«, wehrt er ab. Dabei schien die Ernennung zunächst ein Gewinn für beide. Der Präsident konnte durch die Rekrutierung Immelts zeigen, dass er nicht unternehmerfeindlich gesinnt ist. Obama braucht für die nötige Wende am Arbeitsmarkt dringend das Vertrauen von Corporate America. Der Konzernchef wiederum hatte als Berater das Ohr des Präsidenten.

Doch nun ist der Job-Zar abgetaucht. Die Mitglieder seines – von Obama einst als zukunftsentscheidend bezeichneten – Gremiums haben sich seit Monaten nicht mehr mit dem Präsidenten getroffen. Und das nicht, weil es nichts mehr zu tun gäbe: Die Arbeitslosenrate ist zwar im September erstmals seit Obamas Amtsbeginn wieder unter acht Prozent gesunken, doch sie ist nach wie vor historisch hoch.

Die New York Post will gar erfahren haben , dass sich Immelt hinter verschlossenen Türen über Obamas angeblich immer linkere Politik bitter beschwere und bei der Wahl im November für den Rivalen Romney stimmen werde. Das sorgte für viel Aufmerksamkeit. Ein Sprecher des Konzerns beschwichtigt hingegen: Bei diesem Bericht handele es sich lediglich um eine Meinungsäußerung des Autors. Immelt habe mehrfach erklärt, die Zusammenarbeit mit Präsident Obama sei gut und partnerschaftlich gewesen.

Das offizielle Statement ändert freilich nichts daran, dass es in diesem Fall um weit mehr geht als nur um die Empfindlichkeiten zweier mächtiger Männer. Denn Immelts Mission litt nicht zuletzt darunter, dass die Interessen global agierender Konzerne wie GE in Widerspruch geraten zu den Interessen der Regierungen in ihren Heimatländern. Die möchten gern so viele Jobs wie möglich im eigenen Land schaffen oder wenigstens erhalten. Doch nationale Loyalität zählt nicht mehr, wenn es um Expansion und Rendite geht. Schließlich sind die Konzernlenker ihren Aktionären verpflichtet.

Der Zweimetermann strahlt eine gepflegte Sportlichkeit aus

Wie abgekoppelt Corporate America vom wirtschaftlichen Schicksal der USA bereits ist, zeigt kaum ein Unternehmen so deutlich wie GE. Croton Harmon, 60 Kilometer von New York entfernt, ist die Art von amerikanischem Straßenkaff, in dem nichts, außer einer Tankstelle, zum Anhalten einlädt. Doch in einem Seitental des Hudson Valley liegt Crotonville. Kein eigentlicher Ort, sondern seit den fünfziger Jahren die Kaderschmiede für GEs Topleute. Crotonville hat in Managerkreisen einen ähnlichen Ruf wie der Aschram bei Bhagwanjüngern.

Hier lernen die Führungskräfte des Konzerns jene fast schon mythischen Methoden, mit denen sie GE schlagkräftiger machen sollen. Nur wer hierher eingeladen wird, darf die Karriereleiter hinaufklettern.