PolizeigewaltGewalttäter in Uniform

Tritte, Schläge, Schüsse: Berliner Polizisten rasten beim Versuch einer Festnahme aus. von Nadine Ahr und

Es ist eine widerliche Szene, die ein Passant in Berlin-Wedding am vergangenen Samstag gefilmt hat : Ein Mann liegt am Boden, er blutet. Polizeibeamte prügeln und treten auf ihn ein. Sie sprühen ihm Pfefferspray in die Augen, schlagen mit Stöcken auf seinen Arm, hetzen einen Hund auf ihn. Was auf dem Video nicht zu sehen ist: Die Polizisten haben dem Mann zuvor schon mehrmals ins Bein und in den Bauch geschossen.

Ein polizeilicher Gewaltexzess, nicht der erste in Deutschland (ZEIT Nr. 40/12) . Und auch nicht der erste in Berlin. Ein Polizeieinsatz eskaliert; Beamte gehen mit äußerster Aggressivität gegen einen Menschen vor und verletzen ihn lebensgefährlich. In diesem dokumentierten Fall rettet nur eine Notoperation dem 50-jährigen André C. das Leben.

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Es ist 14.23 Uhr, als – nach Angaben der Staatsanwaltschaft Berlin – ein Notruf bei der Polizei eingeht. Passanten im Stadtteil Wedding fühlen sich von einem Mann bedroht, der mit einer Axt und zwei Messern in der Antwerpener Straße herumläuft. Schon um 14.28 Uhr sind die ersten Beamten da. Sie fordern André C. mehrmals auf, seine Waffen fallen zu lassen. Er soll sie bedroht haben. Danach fallen jedenfalls die ersten Schüsse, Warnschüsse. Als die nicht helfen, zielen die Beamten auf die Beine des Mannes. Trotzdem soll der nun schwer Verwundete nicht aufgegeben haben, sagt die Polizei: Erst "durch hinzugekommene Beamte, durch Pfefferspray und Schlagstockeinsatz sowie durch einen Polizeihund konnte er überwältigt werden". Das Video zeigt etwas anderes. Es zeigt einen Mann mit einem Messer in der Hand, der blutend am Boden liegt und von einem Hund attackiert wird. Und dem ein Ordnungshüter in den Nacken tritt.

"Den Beamten ist die Situation entglitten, das war eine Überreaktion, blinder Aktionismus", sagt Rafael Behr, Professor an der Hochschule der Polizei in Hamburg. Dass sich André C. selbst nach dem Einsatz von Pfefferspray nicht entwaffnen ließ, deutet darauf hin, dass er in einem Ausnahmezustand gewesen sein könnte. "Er stand womöglich unter Drogeneinfluss oder ist psychisch krank", vermutet der Polizei-Experte Alexander Bosch von Amnesty International. Bei Redaktionsschluss war den Behörden noch nicht bekannt, ob André C., der zunächst nicht ansprechbar war, wirklich psychisch krank ist. Auch die Gründe für sein beängstigendes Verhalten liegen noch im Dunkeln. Seiner Familie ist es jedenfalls ein Rätsel, warum er sich den Polizeibeamten nicht ergeben hat.

Es gehört zur alltäglichen Polizeiarbeit, Menschen in Extremsituationen zu begegnen; offenbar werden Streifenpolizisten darauf in ihrer Ausbildung nicht gut vorbereitet. Regelmäßiges Training sei nicht vorgeschrieben, sagt Alexander Bosch, die Beamten lernten nicht, wie sie vorgehen sollten, wenn die üblichen Einsatzmittel wie Pfefferspray den Angreifer nicht zum Aufgeben zwängen, sondern ihn womöglich noch wütender machten.

Die Polizeigewerkschaften können erwartungsgemäß kein Fehlverhalten ihrer Beamten erkennen. Bernhard Witthaut, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, verteidigt sogar die gewalttätigen Beamten im Wedding. Sie hätten richtig reagiert: "Auf ein Sondereinsatzkommando hätten die Beamten nicht warten können. Was wäre gewesen, wenn der Mann in der Zwischenzeit verblutet wäre?" Im Übrigen sei es gerade umgekehrt: Nicht die Berliner Polizei habe ein Gewaltproblem, sondern die Gewalt gegen Polizisten nehme rapide zu. Das ist eine unbelegte These, wird aber von Polizeigewerkschaften gern wiederholt. Politiker von CDU und SPD äußerten sich zögerlich zu dem Video. Von "lehrbuchhaftem Verhalten" war allen Ernstes die Rede.

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Das ZEIT- Dossier über mehrere Fälle von Polizeigewalt mit Toten und Schwerverletzten liegt erst zwei Wochen zurück. Warum passiert es immer wieder? "Die Polizei müsste aus ihren Fehlern lernen", sagt Behr. "Doch sie kann nicht, weil es keine Fehlerkultur gibt. Polizisten sprechen nicht über ihre Fehler." Nun liegt es an der Mordkommission und der Staatsanwaltschaft, zu ermitteln. Zwei Beamte werden des versuchten Totschlags beschuldigt. Gegen André C. läuft ein Verfahren wegen Bedrohung.

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