Willkomm-HöftTanker, komm bald wieder

Seit sechzig Jahren werden vor dem Hamburger Hafen die Schiffe willkommen geheißen. Ein Besuch auf der Brücke der Begrüßungskapitäne von Silke Burmester

In der Erinnerung ist immer Spätsommer. Die Sonne scheint, und es gibt Eis. Ein Schiff tutet, aus Lautsprechern ertönt Musik, irgendwas wird mit der Flagge gemacht, und ein Mann erzählt, wie schwer das Schiff ist und wie lang. Deswegen sind Oma und Opa mit einem hergefahren. Man sitzt im vollen Café, und der Kellner hastet vorbei und sagt, er komme gleich. Als er endlich sein Versprechen wahr macht, ist der Pflaumenkuchen schon ausverkauft, aber der Apfelkuchen heute sehr gut. Irgendwann kommt er mit einem großen Tablett zurück, und man bekommt das gemischte Eis mit Sahne und, weil heute Sonntag ist, noch eine Brause dazu. Die Preise sind hoch, aber Oma sagt, Opa solle nicht murren. Wo sonst könne man erleben, wie Schiffe begrüßt werden?

Es gibt Orte, die verändern sich nicht. Die dürfen sich nicht verändern. Damit man noch einmal diesen perfekten Tag erlebt, an dem es Eis und Brause gibt. Oder heute, wo man auf die Frage »Der Apfelkuchen und der Latte macchiato?« sagt: »Für mich, bitte!«

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Die Musik, die auf die Elbe hinaustönt, klingt schräg und scheppernd. Die Sonne scheint auch an diesem Tag, und das riesige Schiff mit dem rot-blauen Rumpf, das gerade mit seinen bunten Containern vorbeischiebt, wirkt in seiner Farbigkeit geradezu verspielt. Gegenüber am südlichen Elbufer leuchtet ockerbraun der Sandstrand. Auch heute passiert das am Fahnenmast, was der Fachmensch »Dippen« nennt: der Gruß der Seeleute, bei dem die Flagge der Nation, unter der das Schiff fährt, halb eingezogen und wieder gehisst wird. Auch heute erklingt dazu die sonore Stimme eines Herrn. »Wir verabschiedeten die Maren Maersk der dänischen Reederei Maersk Line«, sagt er und führt aus, was Männer interessiert: wo, wann und von wem das Containerschiff gebaut wurde, dass es zu den größten der Welt zählt und über welche Tragfähigkeit es verfügt.

Seit 1952 werden im Willkomm-Höft in Wedel, rund 18 Kilometer vom Hamburger Hafen entfernt, Schiffe begrüßt und verabschiedet. Eine weltweit einmalige Einrichtung. Seit 1952 ist alles gleich und doch seit Neuestem einiges anders. René Schillag hat das Lokal Schulauer Fährhaus von der Gründerfamilie Behnke übernommen. Es beherbergt die Schiffsbegrüßungsanlage. Was groß klingt, ist ein etwa zehn Quadratmeter kleines, mit dunklem Holz ausgekleidetes Kabuff inmitten eines weitläufigen Hauses. Jeden Tag tritt hier einer der sogenannten Begrüßungskapitäne seinen Dienst an: In akkurater Uniform sitzt er bis abends um acht Uhr vor den Computermonitoren und guckt, was sich auf der Elbe tut. Welches Schiff sich wo befindet und wie lange es wohl noch dauert, bis eines vorbeifährt. Der Hamburger Schiffsmeldedienst kündigt per Fax die ein- und auslaufenden Frachter an, und der diensthabende Kapitän sucht aus rund 17.000 Karteikarten die entsprechende heraus. Auf ihr ist alles verzeichnet, was er wissen muss, um das Schiff formvollendet vorstellen zu können.

René Schillag hat nach eigener Aussage rund zwei Millionen Euro in das Schulauer Fährhaus investiert und die Eigentümergemeinschaft des Hauses noch einmal so viel. Aus der zuletzt eher lieblosen Touristenabfütterung hat der 37-jährige Gastronom ein modernes, schickes Lokal gemacht. Seitdem vermittelt sich den Gästen mit Speisen à la »Velouté von Artischocken mit Trüffel-Parmesan Croissant« die Leichtigkeit des Seins. Rund 300 von ihnen kann er im Restaurantbereich bewirten, dazu 200 auf der Terrasse und noch einmal 500 im Außenbereich vor dem Gebäude. Ein großer Veranstaltungssaal soll die vermögenden Hanseaten, die nur wenige Kilometer von Wedel entfernt in den sogenannten Elbvororten sitzen, zum Feiern herlocken.

Der Hamburger, der in Blankenese bereits das Restaurant Fischclub betreibt, hatte vom Wasser aus gesehen, dass das Fährhaus stets gut besucht war. Und das bei den zum Schluss nicht gerade vor Engagement strotzenden Betreibern. Wie gut müsste es erst laufen, wenn man etwas Tolles daraus macht, wird seine Frage gewesen sein, und seine Rechnung geht so: »In fünf Jahren haben sich die Investitionen amortisiert. Bei gutem Wetter.« Bei schlechtem legt er zwei bis drei Jahre drauf.

Die pensionierten Beamten sehen wie Bilderbuch-Seebären aus

Er hat eine Showküche eingerichtet, weil Menschen Küchen heute faszinierend finden; doch die eigentliche Attraktion sind die Begrüßungskapitäne. Sechs Herren, die, wie eine Fototafel verrät, so schöne Namen wie »Bolte« oder »Kruse« tragen und in ihrem kleinen Kapitänsstand alle Schiffe ankündigen, die gemeinhin als »groß« gelten. Die Männer, die vor dem Ruhestand meist Beamte waren, sehen aus wie Bilderbuch-Seebären: weißes Haar, drei tragen einen dicken Bart, und bei einigen rundet der Bauch das Bild ab. Zur See gefahren ist keiner von ihnen, doch Schiffe lieben sie alle. Heute hat Friedrich Niemeyer, 66, Dienst, Bio- und Chemielehrer im früheren Leben und aktuell ein wenig gelangweilt. Freitag ist kein guter Tag. »Da gehen die Schiffe in der Nordsee vor Anker, weil die Liegegebühren im Hamburger Hafen am Wochenende sehr hoch sind.« Da ist nicht viel zu tun.

Also sitzt Friedrich Niemeyer herum in seinem strahlend weißen Hemd mit den blau-goldenen Schulterstücken. Hinter ihm, neben den Monitoren, stecken in einer Wandhalterung die rund 300 Tonkassetten, die heute keiner mehr braucht, weil die Nationalhymnen digital abgespielt werden. Eine Armatur, vermutlich aus den sechziger Jahren, die viel graue Fläche und ein paar farbige, eckige Knöpfe bietet, vollendet das skurril anmutende Bild aus Anachronismus und Moderne.

Schüchtern betritt ein Gast den Raum. Er fragt, ob er ein Poster vom Willkomm-Höft kaufen könne. »Nein«, sagt Niemeyer, das gab es früher, heute nicht mehr. »Postkarten?« – »Auch nicht.« Und damit auch kein Sonderstempel »Willkomm-Höft«. Der Mann ist enttäuscht. So wie einige der Begrüßungskapitäne. Die Fanartikel und mehr noch die Ausdrucke mit den Ein- und Auslaufzeiten der Kreuzfahrtschiffe spülten ihnen Gesellschaft in die Kabine. Niemeyer hingegen ist froh, dass er unter dem neuen Betreiber »keine Devotionalien mehr verkaufen muss«. Auch sonst ist er mit »dem Neuen« zufrieden, ein ordentliches Taschengeld gebe es, und das Essen, das sie jetzt kostenlos bekämen, sei wirklich die Wucht. Da stört es ihn nicht, dass die Einrichtung alt ist, eine Schranktür nicht mehr richtig schließt und die Decke aussieht wie in einem Raucher-Versuchslabor.

Nicht alle Kapitäne sind so hart im Nehmen. Manche kränkt es, dass ausgerechnet ihr Quartier bei der Renovierung übergangen wurde. »Schließlich sind wir die Attraktion und nicht die Speisekarte«, sagt einer von ihnen, der nicht kielgeholt werden möchte und dessen Name deshalb hier nicht steht. Schillag wehrt ab. Er habe immerhin die dringend benötigte Klimaanlage installieren lassen. Und wenn ein paar Millionen Euro investiert würden, aber nicht gleich jeder Winkel glänze, dann sollte das nicht so eng gesehen werden. Im Übrigen gebe es für die Auslaufzeiten bald eine App.

Viele Gäste schauen im Laufe des Tages vorbei. Manche wollen bloß mal gucken, andere möchten wissen, ob es Ebbe auch am Wochenende gibt. Oder was die Frachter nachts machen. Die meisten aber fragen, wann das nächste Schiff kommt. Wie die Dame, die mit ihren Enkeln da ist und den Moment im Kapitänsstand sichtlich genießt. Die Kinder lebten in Paris, erzählt sie, da gebe es so was doch nicht. Niemeyer schaut auf den Monitor. »Vor anderthalb Stunden wird das nichts«, sagt er. Den Kindern ist das zu lang. Die Oma verspricht noch ein Eis. »Wenn freitags gar nichts los ist, kommt auch schon mal ein U-Boot«, sagt Niemeyer. »Ein getauchtes. Gern eins von der Schweizer Marine.«

Mit stolzem Ton scheppert die russische Nationalhymne über die Elbe

Irgendwann an diesem Nachmittag kommt das lang ersehnte Schiff. Es ist die Mir, ein Segelschulschiff der russischen Handelsmarine. Ein Dreimaster in wunderschönem Weiß-Blau, wieder ein Anblick wie aus dem Bilderbuch. Friedrich Niemeyer drückt die Knöpfe für Flagge und Musik. Mit stolzem Ton scheppert die russische Nationalhymne über die Elbe, und Niemeyer erzählt, was Männer über das Schiff wissen wollen. Wann es wo gebaut wurde (1987 in Danzig), wie lang es ist (108 Meter), wie breit (14 Meter), wie hoch sein Großmast ist (49,5 Meter), wie groß die Segelfläche (2881 Quadratmeter) und dass die Mir nun nach Emden weiterfährt. Die Besucher der Terrasse haben ihre Gespräche unterbrochen, die Spaziergänger am Ufer sind stehen geblieben. Kinder und ihre Eltern winken dem großen Segler, der langsam elbabwärts der Nachmittagssonne entgegenfährt. Zwei Matrosen stehen in ihrer hübschen Uniform an der Reling und winken zurück. Und für einen Moment, den eine Wespe dafür nutzt, sich auf dem Apfelkuchen niederzulassen, ist noch einmal alles gut.

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Leserkommentare
  1. Schade, denn es ist eine wirklich nette Geste.

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    • Juge
    • 21. Oktober 2012 10:35 Uhr

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

    Diese Anlage ist zwar das Original, aber es gibt auch eine Schiffsbegrüßungsanlage in Rendsburg am Nord-Ostsee-Kanal. Diese wurde 1997 aus touristischen Gründen eingeweiht und hat die hier beschriebene Anlage als Vorbild gehabt.

    • Juge
    • 21. Oktober 2012 10:35 Uhr
    2. [...]

    Entfernt. Bitte verfassen Sie sachliche Kommentare. Danke, die Redaktion/ls

    • ztc77
    • 21. Oktober 2012 11:28 Uhr

    .. ihren militärischen Gruß nebst Nationalhymne an die weltweit einzige Schiffsbegrüßungsanlage Wedel und schickt jeden Freitag ein U-Boot vorbei!

    2 Leserempfehlungen
  2. Muss Sein:
    War mit meinen Eltern vor ca. 50 Jahren dort.
    Sonntag um 10:00 "Hafenkonzert" life und
    Schiffbegrüßungsanlage und alles.

    Nicht so meine Musik...
    Aber 'ne schöne Erinnerung.

    (bin in Hamburg geboren und aufgewachsen)

    Tschüß.

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    In Wedel geboren, leider im sechsten Lebensjahr mit den Eltern ausgewandert.

    Das "muss i denn, muss i denn" aber immer noch im Ohr.

    Es ist einfach nett! :)

  3. Und wenn sie mich gefragt hätten, ob es eine Schiffsbegrüßungsanlage heute noch gibt, ich hätte mit nein geantwortet.

    Ein schöner und interessanter Artikel.

  4. noch genau so in Erinnerung, wie im Artikel geschildert. Man muß da nicht unbedingt hingehen - aber wenn man kann, sollte man ;-).

  5. ... in einem der damals gängigen Jahrbücher für Jungs – muß wohl "Der gute Kamerad" gewesen sein – von der Anlage gelesen und vor sechs Wochen den – der Spitzname stand damals in dem Artikel und hat sich unauslöschlich eingeprägt – "Schulauer Brüllberg" endlich besucht. Es war alles so, wie ich mir das vor gut 50 Jahren vorgestellt hatte. Und das ist gut so.

  6. Wüsste gerne wie es aus der anderen Perspetive aussieht. Bekommen die Verabschiedeten auch etwas von der Musik mit? Ist eine schöne Geste, aber wenn die Crew über den Motorengeräuschen nichts mit bekommt, dann ist es für mich nur noch eine Touristenmagnet.

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    ... des allgemeinen teutonischen Miesmacherrundfunks ...

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  • Schlagworte Hamburg | Schiff | Schifffahrt | Elbe | Reise | Tourismus | Hafen
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