AntisemitismusIslam-Fantasien

Der Antisemitismus-Forscher Wolfgang Benz sieht in der Angst vor den Muslimen eine Gefahr für die Demokratie. von Alexandra Senfft

Pünktlich zum Jahrestag von 9/11 erscheint ein den Islam diffamierendes Video aus den USA und löst eine neue Welle von Gewalt und Mord aus. In Deutschland demonstrieren Rechtsradikale gegen Muslime, und die üblichen Wortführer von links bis rechts gießen Öl ins Feuer. Wolfgang Benz’ neues Buch kommt in dieser aufgeheizten Stimmung wie gerufen.

Sachlich fundiert und argumentativ überzeugend analysiert der ehemalige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung den aktuellen Diskurs über den Islam und die Muslime. Überfremdungsängste, Fehlinformationen, Vorurteile und Feindbilder beherrschen seiner Ansicht nach das Bild. Laut einer Allensbach-Erhebung 2006 glaubten 83 Prozent aller Befragten, der Islam sei eine fanatische und gewalttätige Religion. Anstatt sich mit dessen Vielfalt und grundsätzlichem Bekenntnis zur Friedfertigkeit zu beschäftigen, betrachten die meisten Menschen diese Religion vereinfacht als unveränderliche Einheit und assoziieren sie mit Terror.

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Benz sagt, die stereotype Wahrnehmung der anderen Kultur gründe sich auf überlieferte Assoziationen und habe mit der Realität nichts zu tun. Er erklärt, wie Stereotype zu erkennen sind und wie sie gerade in Zeiten von Identitätskrisen eingesetzt werden, um ein Gefühl von Zusammengehörigkeit und Überlegenheit auf Kosten einer Minderheit zu erzeugen. Der Historiker warnt vor einer »Ethnisierung sozialer Probleme über das Vehikel der Religionszugehörigkeit«. In seinen Gesprächen mit Vertretern des muslimischen Kulturkreises in Deutschland zeigt sich, dass Muslime Diskriminierung aufgrund ihrer täglichen Erfahrung als normal erleben.

Wolfgang Benz untersucht die Aussagen prominenter »Islamkritiker« und Beiträge auf islamhetzerischen Internetforen. Es handelt sich um ein breites Spektrum und häufig sogar um ein bizarres Bündnis von Links- bis Rechtsradikalen, von jüdischen, muslimischen, christlichen und nichtreligiösen Protagonisten. Emotionen spielen hier eine größere Rolle als Tatsachen und wissenschaftlich haltbare Erkenntnisse. So dürfte es wohl manchen Leser überraschen, dass es die Kriminalstatistik nach Religion, auf die sich Thilo Sarrazin und andere zum angeblichen Nachweis über die Gewaltbereitschaft von Muslimen berufen, gar nicht gibt.

Der Historiker Benz hält Sarrazins Publikum in seiner Mehrheit für ein »besitzendes, gebildetes Bürgertum«, es handele sich keineswegs um die »an den Reibeflächen der Integration lebenden Bewohner sozial prekärer Wohngegenden«. Im 19. Jahrhundert, so Benz, hätten die Bürger ihre Verlust- und Überfremdungsängste auf dem Rücken der jüdischen Minderheit ausgelebt. Er weist wiederholt darauf hin, dass es zwischen der heutigen Muslimfeindschaft und dem Antisemitismus deutliche Parallelen gibt. Er hatte schon vor zwei Jahren darauf aufmerksam gemacht und ist dafür von verschiedenen Seiten massiv angefeindet worden.

Von einer Monopolisierung des Leidens und einer Opfer-Konkurrenz hält er wenig, vielmehr geht es ihm um die Menschen- und Bürgerrechte von Minderheiten und um die Demokratie, die er gefährdet sieht. Es ist mutig von Wolfgang Benz, dieses Thema hartnäckig weiter zu verfolgen.

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Leserkommentare
    • cporter
    • 09. November 2012 16:16 Uhr

    Wir sprechen über Antisemitismus und religions-orientierte Feindlichkeit in meinem Deutschkurs, und was ich mich interessiere, ist was für eine Aufdeckung von Benz gezeigt werden? Gibt es Programmen, Diskussionen oder Vorträge über dieses Thema in seinem Pläne, um die echte Realität zu äussern und präsentieren? Ich stimme zu, dass die Bürger besser informiert sollen, aber wie wird das geschafft?

    -C. Porter

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  • Schlagworte Sachbuch | Buch | Literatur | Antisemitismus | Muslim | Islam
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