29. September 1963: Papst Paul VI. (Giovanni Battista Montini) eröffnet eine Sitzung des Zweiten Vatikanischen Konzils. © Keystone/Getty Images

Pro: Johanna Rahner

Die Revolution ist eine Idee unserer Zeit. Sie ist der alles umstürzende Beginn eines noch nie Dagewesenen. Seit der Französischen Revolution verstehen wir »Revolution« als historische Zäsur. Davor verwies das Wort noch auf etwas anderes, auf die stete Wiederkehr des Gleichen. Aber was war nun das Zweites Vatikanische Konzil: Umsturz des Katholischen? Oder Rückkehr zum Ausgangspunkt des Glaubens? Oder beides? Das Konzil selbst versteht den Bruch, den es vollzieht, als Wiederentdeckung des Katholischen: einerseits ressourcement – Rückbesinnung auf die Vielfalt der eigenen Quellen; andererseits aggiornamento – Öffnung des Blicks nach außen. Dabei will das Konzil auch den konservativen christlichen Prophezeiungen vom Verfall der Welt widerstehen.

Bereits in der Eröffnungsansprache, die der Konzilspapst Johannes XXIII. am 11. Oktober 1962 hielt, gab er die Grundrichtung vor. Deutlich grenzt er sich von jenen Unglückspropheten ab, die »unablässig« davon reden, »dass unsere Zeit im Vergleich zur Vergangenheit dauernd zum Schlechteren abgeglitten sei«. Der Papst hält dagegen: »In der gegenwärtigen Entwicklung der menschlichen Ereignisse muss man viel eher einen verborgenen Plan der göttlichen Vorsehung anerkennen. Alles, auch die entgegengesetzten menschlichen Interessen, lenkt er weise zum Heil der Kirche.«

Man darf die revolutionäre Dynamik nicht unterschätzen, die sich hinter diesen schlichten Worten verbirgt. Gerade weil die Wahrheit des Evangeliums unaufhebbar mit den Erfordernissen der Zeit verwoben ist, muss die Kirche sich wandeln – um sich treu zu bleiben. Das Neue erwächst aus der Rückbesinnung auf das Eigentliche! In der Erklärung des Konzils zur Religionsfreiheit, Dignitatis humanae, wird uns diese Grundidee vor Augen geführt.

Reaktionäre sprechen von Verrat

Es ist kein Wunder, dass die Schrift bis heute von reaktionären Kreisen, etwa den Piusbrüdern, als Verrat an der Wahrheit des Katholischen denunziert wird. Denn die Konzilsväter haben gleich zu Beginn den entscheidenden Satz betont: Die Würde der menschlichen Person, die in der unteilbaren Freiheit aller zum Ausdruck kommt, ist das unerschütterliche Fundament der Religions- und Gewissensfreiheit.

Das Konzil war ein Umbruch. Es öffnete die Kirche für eine neue Zeit und die Freiheit. Kein Zwang in Glaubensdingen!
Johanna Rahner

Freiheit gründet in der Wahrheit Gottes selbst. Kein Zwang in Glaubensdingen! Ein theologisch uralter Gedanke gestaltet sich auf revolutionäre Weise neu: Der Wahrheitsbegriff steht hier nicht mehr gegen den Freiheitsbegriff, sondern erfüllt sich in diesem. Verkündigung des Evangeliums und Mission werden nur noch mit Rekurs auf die Wahrheitsfähigkeit und Freiheit des Menschen begründet. Das Konzil fordert Respekt vor der Gewissensentscheidung des Einzelnen. Göttliche Wahrheit überzeugt durch sich selbst – oder eben nicht.

So versteht die Kirche des Konzils die Grundprinzipien einer modernen, demokratischen, ja säkularen Gesellschaft nicht mehr als aufgezwungene Fremdperspektive oder gar als Anbiederung an den Zeitgeist, sondern als theologisches Kerngeschäft. Die Freiheit ist ihr Aufgabe und Sendung. Darin besteht der große Unterschied zur katholischen Festungsmentalität des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Antimodern oder antidemokratisch zu sein ist keine tolerierbare religiöse Attitüde mehr, sondern ein Irrtum! Erst die Schleifung dieser Bastionen ermöglicht das Wagnis einer offenen, dialogischen Existenz. Die Katholiken sind nun herausgefordert, »die Zeichen der Zeit im Lichte des Evangeliums« zu deuten – so die Formel, mit der die Pastoralkonstitution Gaudium et spes den notwendigen Wandel auf den Punkt bringt.

In den letzten Jahren mehren sich kritische Stimmen, dass diese Sicht des Konzils ein epochaler Irrtum gewesen sei. Die Kirche habe sich in einem »Anfall von Euphorie und Optimismus« der Moderne geöffnet, schrieb Joseph Ratzinger 1983, der als junger Theologe am Konzil teilgenommen hatte. Doch was wäre die Alternative? Das Ideal einer zeitlos-entweltlichten Kirche ewig gleicher Wahrheiten?

Der deutsche Theologe Karl Rahner, der als Sachverständiger das Konzil maßgeblich beeinflusste, hat die Antwort gegeben: »Es ist naiv zu meinen, in dieser Weltzeit würde die Kirche jemals aufhören, müde Pilgerin durch die Zeiten, Kirche der Sünder, der Schwachen und der Elenden zu sein. Alle Erneuerung, aller Fortschritt der Kirche wird immer wieder hineinverzehrt werden in die Erfahrung der Mühsal der Geschichte, in die Enttäuschung über uns selbst, die wir doch die Kirche sind und sie also auch so erfahren werden, wie wir uns erfahren müssen, so wir nur wahrhaftig gegen uns selbst sind.« Das heißt: Die alte Kirche muss sich stets erneuern. Aber alle Erneuerung hängt davon ab, ob wir Mut zur Wahrheit haben – ob wir unsere eigene Unvollkommenheit eingestehen, und die Unvollkommenheit der Kirche auch.

Johanna Rahmer