Ein Konzil ist, wenn der Papst seine Getreuen um sich schart. Als Johannes XXIII. damals zweieinhalbtausend zölibatär lebende katholische Männer nach Rom beorderte, damit sie unter seiner Autorität zukunftsweisende Kirchentexte beschlossen, da mussten sie sich an die von ihm erlassene Geschäftsordnung halten und die von ihm genehmigte Tagesordnung abarbeiten. 95 Prozent dieser Männer waren Bischöfe, deren Bischofsvotum aber nur Geltung erlangte, wenn der Konzilspapst ihren Texten zustimmte, sie genehmigte und die amtliche Veröffentlichung anordnete. Kann ein katholisches Konzil ein Reformkonzil sein? Nein.

Denn das Erste Vatikanum im Jahr 1869/70 hatte den Papst zum absoluten Leiter und unfehlbaren Lehrer der Kirche dogmatisiert, sich ihm unwiderruflich unterworfen. Ein weiteres Konzil schien nicht mehr nötig. Insofern war die Initiative für ein Zweites Vatikanum im Jahr 1962 eine Überraschung. Nicht überraschend, weil alternativlos, war der Initiator: Nur der oberste Pontifex mit seinem Gewaltprimat kann ein Konzil einberufen.

Um ein Reformkonzil konnte es also nicht gehen – wenn das Wort "Reform" für jene großen Hoffnungen steht, die die Konzilsgeneration mit dem Ereignis bis heute verbindet und in der Chiffre vom "Geist des Konzils" wachhält. Hierzu zählen die Hoffnungen auf einen Abbau der kirchlichen Hierarchie durch Mitbestimmung der Laien, auf innerkirchliche Verwirklichung der Menschenrechte, auf Gleichberechtigung der Frau. Für solche Reformen steht das Zweite Vatikanum nicht – weder in seinen Lehren noch in seiner Umsetzung.

Auch bei einem Konzil hat der Papst das Sagen. Reformen erlaubt nur er. Das Reformkonzil ist also ein Mythos.
Norbert Lüdecke

Jedes Konzil ist rechtlich in der Hand des Papstes. Alle konziliaren Dokumente sind von seinem Primat durchwirkt. Inhaltlich sind sie in einen sakrosankten Rahmen göttlicher Vorgaben gespannt. Hierzu gehört, dass Christi einzige Kirche als Heilsanstalt vom Papst und seinen Bischöfen geleitet wird und dass es in dieser Kirche mit Klerikern und Laien zwei Sorten von Menschen gibt. Ihre strikte Trennung in einen rein männlichen Befehlsstand und einen gemischtgeschlechtlichen Gefolgschaftsstand – theologisch gesprochen: in Hirten und Schafe – verletzt die Gleichheit der Gläubigen vor Gott nicht.

Nach amtlichem Verständnis bleibt ein Unterschied zwischen klerikal lehrender und laikal hörender Kirche. Er wurde auf dem Konzil selbst sinnfällig, als Papst Paul VI. im Jahr 1963 nachträglich einige männliche Laien als Sachverständige zuließ, ein Jahr später dann auch ein paar Frauen als Zuhörerinnen. Die vom Zweiten Vatikanum tatsächlich erreichte Aufwertung der Laien bedeutet: Sie kommen als Basis des pyramidalen Kirchenbaus in den Blick. Aber auch eine Pyramide mit ausgeleuchteter Basis bleibt eine Pyramide.

Nicht nur die Durchführung, auch die Hoheit der Konzilsdeutung liegt beim Papst. Johannes Paul II. hat sie mit seinem Gesetzbuch von 1983 ausgeübt und darin die hierarchische Struktur der Kirche in selbstbestimmter Treue zum Konzil perfektioniert. Zu dessen besserem Verständnis empfahl er, die Gesetze zu lesen und zu befolgen. Jeder Papst kann sagen: "Le Concile c’est moi." Was Außenstehende befremden mag, ist katholisches Selbstverständnis.

Wozu werden dann aber allenthalben Konzilsjubiläen begangen? Wenn auf dem letzten Katholikentag eine "Konzilsgala" im TV-Format sich "historisch-heiter" erinnert (nur das Fernsehballett fehlte), ist das Konzil in nostalgischer Larmoyanz ad acta gelegt. Wer heute die tiefere Erforschung der Konzilstexte anmahnt, um angeblich ungehobene Schätze zu bergen, diffamiert fünfzig Jahre Konzilsforschung und schickt Theologen in ein aussichtsloses Rennen – weil die Theologie der Hase ist, der am Ende jeder durchhasteten Furche auf den Lehramts-Igel trifft. Ob, was Theologen heben, ein Schatz ist, bestimmt der Papst.

Wo sich prominente Laien für Reformforderungen auf das Konzil berufen, verhalten sie sich systemstimmig und systemwidrig zugleich. Gut katholisch ist, eine Autorität zu bemühen. Nur ist das Konzil keine Autorität, die gegen das Papstprimat zieht. Und: Auch an runden Tischen werden aus Hirten keine Schafe. Die Hirten wissen das. Selbst katholische Spitzenpolitiker bleiben innerkirchlich bloße Laien.

Als Konzil von Reformen, die diesen Namen verdienen, ist das Zweite Vatikanum ein Mythos. Viele katholische Gläubige wollen sich diesen Mythos nicht nehmen lassen. Aber katholische Theologen sollten ihn nicht befördern. Die Wahrheit auszusprechen, auch wenn sie für reformwillige Katholiken schmerzlich sein mag, ist ein Gebot der Fairness.

Norbert Lüdecke