Blinde StrafverteidigerinAus ihrer Sicht

Pamela Pabst ist Strafverteidigerin – keine wie andere: Sie konnte nie im Leben sehen von 

Saal 371, ein schmuckloser Raum im Amtsgericht Tiergarten, Abteilung Kriminalgericht Moabit. Die Strafverteidigerin Pamela Pabst, eine zierliche Person in einer weiten schwarzen Robe, mit einem hüftlangen geflochtenen Zopf und blassrot lackierten Fingernägeln. Auf ihrem Tisch liegt ein zusammengeklappter Blindenstock. Pabst wartet auf ihren Mandanten. Der junge Serbe muss sich vor Gericht wegen Urkundenfälschung und versuchten Betrugs verantworten. Als er von zwei Polizisten hereingeführt wird, dreht Pamela Pabst sich zu ihm um und erklärt behutsam das Vorgehen: »Niemand will Sie ärgern, es geht nur darum, dass Sie selber den Fall noch einmal genau schildern.« Der Mandant nickt vertrauensvoll. Er ist geständig, für Pamela Pabst ist es ein Routinefall. Bereits eine halbe Stunde später erhebt sie sich zu ihrem Plädoyer: »Hohes Gericht, werte Staatsanwaltschaft, werte Anwesende...« Selbstsicher, mit klarer, ruhiger Stimme trägt Pamela Pabst ihre Sicht der Dinge vor und schildert ihre Erfahrungen mit dem Angeklagten.

Nach der Urteilsverkündung – es bleibt bei einer Geldstrafe – zieht Pamela Pabst schnell ihre schwarze Robe aus und klappt den Blindenstock aus. Sie hat es eilig, denn eine Etage tiefer wartet ein Mandant auf eine Anhörung wegen vorzeitiger Haftentlassung. Zusammen mit ihrer Referendarin bahnt sie sich ihren Weg durch das verwinkelte Gebäude mit seinen zahlreichen Aufgängen. Im prunkvollen Foyer mit seinen vielen Ornamenten und Skulpturen stoppt sie kurz: »Hier ist es besonders schön«, sagt sie, und für einen Augenblick ist vergessen, dass Pamela Pabst den Aufgang des Gerichts nur aus Erzählungen kennt und nie mit eigenen Augen gesehen hat. Die 33-Jährige ist Deutschlands erste von Geburt an blinde Strafverteidigerin.

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Pamela Pabst kennt das Gebäude in- und auswendig. Schon als Schülerin verbringt sie viele Stunden an diesem Gericht, macht Hospitanzen, ist bei Gerichtsverhandlungen dabei und lernt vom Richter bis hin zu den Wachmännern so gut wie jede Person kennen, die im Haus arbeitet.

Für Mandanten ist es angenehm, nicht nach dem Äußeren beurteilt zu werden

Als Elfjährige fasst sie den Entschluss, Juristin zu werden. Damals begleitet sie ihre Eltern zum Anwalt. Es ging zwar nur um eine falsch gestellte Rechnung, aber der Besuch wird sie nachhaltig beeindrucken: »Die Sprache des Anwalts hat mich begeistert, das Antiquierte daran fand ich toll. So wollte ich auch einmal sprechen. Besonders erinnere ich mich an das Wort Mandant.« Seit jenem Moment arbeitet sie auf ihr Ziel hin.

An ihre ersten Verhandlungen als Zuschauerin erinnert sie sich noch genau: »Obwohl ich sicher war, dass die Richter von den Angeklagten nicht begeistert waren, schließlich haben sie Straftaten begangen, haben sie diese immer höflich behandelt.« Der respektvolle Umgang vor Gericht begeistert die 33-Jährige auch noch heute: »Am Gericht hält man sich an eine Art Korsett. Man steht auf, lässt einander ausreden. Das führt dazu, dass auch Leute, die sich nicht leiden können, angemessen miteinander umgehen.«

Dass Pamela Pabst auf solche Regeln so großen Wert legt, hat mit ihrer eigenen Geschichte zu tun. Hänselnde Mitschüler machten ihr am Gymnasium das Leben schwer. Noch in der Oberstufe nahmen sie ihr die Haarspange weg und schütteten Salz und Zucker in das Essen, luden sie nicht zu Geburtstagen ein. Auch im Unterricht wollten sie nicht neben ihr sitzen, weil sie gute Noten hatte, sich mit den Lehrern verstand – aber auch weil sie blind war. Pamela Pabst hat sich trotzdem durchgekämpft, aufgeben kam für sie nicht infrage: »Der Gedanke an das Jurastudium als klares Ziel hat mir Kraft gegeben, alles durchzustehen, das Wissen, dass ich nach dem Abitur mein eigenes Ding machen werde.«

Auch als Erwachsene wurde Pamela Pabst immer wieder skeptisch betrachtet. Ein Richter bezweifelte in ihrer Anwesenheit, dass sie jemals Mandanten bekäme, und ein Kollege traute ihr nicht zu, dass sie im Gerichtssaal agieren kann. »Das geht da rein und da raus«, sagt Pamela Pabst, »Ich habe sie eines Besseren belehrt. Inzwischen weiß ich, was ich kann.«

Während des Studiums lässt sie alle Standardbücher auf Kassette aufnehmen. Kommilitonen lesen ihr gegen Bezahlung aus den Büchern vor, die sie für ihre Hausarbeiten braucht. Für das erste Staatsexamen durfte sie statt fünf Stunden sieben Stunden an den neun Klausuren schreiben. Dabei bekam sie Unterstützung durch eine fachfremde Hilfskraft: Die Ehefrau ihres ehemaligen Lateinlehrers durfte ihr nach Anweisungen die passenden Stellen aus den Kommentaren vorlesen. Einen Juristen an ihrer Seite ließen die Prüfungsregeln nicht zu. In einem separaten Raum durfte Pamela Pabst an ihrem sprechenden Notebook schreiben, zum Lesen des Bildschirminhalts war daran zusätzlich eine Braillezeile angeschlossen.

In nur acht Semestern bewältigt Pabst schließlich das Studium und schafft sogar den sogenannten Freischuss – die Möglichkeit, das Examen zwei Mal machen zu dürfen, um sich beim zweiten Versuch eventuell noch zu verbessern. Nur 0,3 Punkte fehlen ihr zum Prädikatsexamen. Auf den zweiten Versuch verzichtet sie dennoch wegen des Aufwands. Eigentlich will Pamela Pabst Strafrichterin werden, aber die Strafprozessordnung legt fest, dass ein Strafrichter hören und sehen können muss. Also wird sie Strafverteidigerin und Rechtsanwältin und fühlt sich heute wohl in dieser Rolle: »Dass die Leute kommen, weil sie mich als Hilfe ausgewählt haben, ist ein schönes Gefühl.«

Viele Mandanten empfänden die Tatsache, dass ihre Anwältin sie nicht sehen könne, als Erleichterung, erzählt Pamela Pabst. Gerade wenn sie ein auffälliges Äußeres haben, brutal aussehen oder stark tätowiert sind, sei es angenehm für sie, nicht nach dem Äußeren beurteilt zu werden. »Ich hatte schon Mandanten, die fragten, ob ich ihr Gesicht anfassen möchte. Um Gottes willen«, sagt sie, »mich interessiert wirklich nicht, wie die Leute aussehen.« Pamela Pabst ist so ihren Mandanten gegenüber unvoreingenommener, obwohl auch sie zugibt, nicht ganz objektiv zu sein: »Mich beeinflussen andere Reize. Wenn jemand stinkt oder eine unangenehme Stimme hat, ist das wiederum für mich nicht schön.«

Etwa zwei Drittel ihrer Mandanten sind Straftäter. Raub, Drogenmissbrauch, Körperverletzung, Tötungsdelikte. »Die Fälle sind oft auch menschlich sehr interessant, oder dahinter steckt eine spannende Beweissituation. Ich tauche gern in andere Welten und Milieus ein«, sagt Pamela Pabst und schweigt einen Moment, »aber es ist dann auch schön, wieder herauszukommen.«

Später am Nachmittag fährt Pamela Pabst in ihre Kanzlei, eine Besprechung mit einem Mandanten steht an. Rein in den Bus, dann in die U-Bahn und wieder in den Bus. Den täglichen Weg ins Büro findet Pamela Pabst problemlos, ihre Kanzlei liegt in ihrem Elternhaus im Süden Berlins. Mithilfe des Blindenstocks bewegt sie sich wie eine Sehende, weiß genau, an welcher Haltestelle sie aussteigen und an welcher Stelle in der Straße sie in den Vorgarten des Elternhauses einbiegen muss. »Der Mandant hat den Termin verschoben«, ruft ihre Mutter, als sie die Tür aufschließt. Pamela Pabsts Eltern sind längst in den Joballtag ihrer Tochter integriert. Sie übernehmen Telefondienste oder schreiben Quittungen für Mandanten. Geholfen haben sie von Anfang an. »Manchmal wird es ihnen fast zu viel«, sagt Pamela Pabst. »Aber was sollen sie machen, jetzt stecken sie mit drin, jetzt gibt es kein Zurück mehr.«

Manchmal fühlt sich Pamela Pabst wie eine Sozialarbeiterin

Zwei Stockwerke über den Räumlichkeiten der Eltern, ganz oben unter dem Dach, liegt Pamela Pabsts kleines Büro: zwei Schreibtische, ein Computer mit Sprachfunktion und Brailletastatur und Unmengen an gestapelten Akten. Um die Büroarbeit kümmert sich vor allem Assistentin Annette Müller. Fünf Stunden am Tag ist sie vor Ort. »Meine Augen«, nennt Pamela Pabst sie.

Heute hat Annette Müller einen privaten Termin, Pamela Pabst muss sich alleine um die zwei klingelnden Telefonapparate kümmern – ihren eigenen und den ihrer Assistentin. Alle fünf Minuten rufen Mandanten und deren Ehefrauen, Mütter, Geschwister oder Freundinnen an. Alle wollen Informationen zu den Fällen, aber vor allem ein kleines bisschen Zuspruch. »Er hatte ja schon viele Probleme in der Vergangenheit, aber keine Sorge, ich bleibe trotzdem an seiner Seite«, sagt sie zu einer besorgten Frau, die sich wegen ihres Lebensgefährten meldet. Pamela Pabst reagiert gelassen auf das ununterbrochene Klingeln. »Das war mein Räuber«, sagt sie nach dem Telefonat. Von vielen ihrer Fälle ist sie auch menschlich sehr berührt. Ein bisschen, sagt sie, fühle sie sich manchmal wie eine Sozialarbeiterin. Zwei Minuten schweigt das Telefon, dann klingelt es wieder. Ein anderer Mandant, der sich schon lange nicht mehr gemeldet hat, ist am Apparat: »Eigentlich mache ich freitags ja keine Termine, aber für Sie mache ich eine Ausnahme«, sagt Papst.

Sie wird ihn wie alle ihrer Mandanten im Wintergarten empfangen, den die Rechtsanwältin anbauen ließ. Ein helles Zimmer mit Blick auf einen kleinen Garten. Auf einer Holzkommode steht eine bronzefarbene Steinskulptur mit verbundenen Augen: die antike Göttin Justitia. Sie spricht objektiv und unparteiisch Recht – ohne das Ansehen der Parteien zu berücksichtigen.

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Leserkommentare
  1. ... einmal darüber nachzudenken, ob es nicht an vielen anderen Stellen auch gut wäre, sich mehr nach den Argumenten als nach dem Aussehen zu richten - zum Beispiel in der Politik. Warum wird auf Wahlplakaten immer das Gesicht ausgestellt? Das ist nicht fair, und es tut eigentlich gar nichts zur Sache...
    Man könnte genauso gut "Rededuelle" mit Pseudonymen (nur eins pro Person) veranstalten, in der gedruckten Presse sowie im Internet veröffentlichen und dann quasi einen Avatar wählen. Spielt es wirklich so eine große Rolle, welche Lebensgeschichte jemand hat, der einen vertritt, und wie er aussieht? Sollten nicht allein die Argumente zählen? Vielleicht könnte es sogar dem einen oder anderen Verführer das Handwerk legen, wenn allein der Inhalt zählen würde.

  2. Verteidigen nicht fast alle menschen heutzutage, ob nun mit Augenlicht, oder ohne, blind ihre Meinung, im sinne von, das was ich mir zurecht gelegt habe zu einer sache die ich vertrete, lasse ich kein Sehenden der das anders sieht ran.

  3. Sehr Chreativ anmutend, fast wie ein sehr reizvolles Abendkleid der Sonderklasse, getragen vom BIP(Also dieser Bodyindex) 17,5.

    • Hagmar
    • 03. November 2012 18:58 Uhr

    "Von Geburt an blind, verfügt Frau Pabst noch über einen kleinen Sehrest, der es ihr ermöglicht, Farben und Umrisse zu erkennen."

    Interessanter Artikel. Frau Papst spricht über Geruch und Stimme als Merkmale. In diesen Bereichen hat sie sicher eine erhöhte Sensibilität. Die Hänseleien in der Schule und die sonstigen zitierten Sprüche sind schwer zu fassen. Ich bewundere die Stamina, mit der sie ihr Wunschstudium absolviert hat und ihren Beruf ausübt.

    @ 1: Ich bin nicht ganz ihrer Meinung: Der Spruch, ab einem bestimmten Alter sei man für sein Gesicht verantwortlich, birgt durchaus eine Wahrheit :=).

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es gibt sehr wenig, auf das man so wenig Einfluss hat wie das Aussehen, und das so eindeutig genetisch bedingt ist... inklusive des Alterungsprozesses. Der lässt sich zwar durch Zurechtschneidern etwas zurückdrängen, aber es ist wirklich Freiheit, einfach so aussehen zu dürfen, wie man von der Natur gemacht wurde.

  4. Es gibt sehr wenig, auf das man so wenig Einfluss hat wie das Aussehen, und das so eindeutig genetisch bedingt ist... inklusive des Alterungsprozesses. Der lässt sich zwar durch Zurechtschneidern etwas zurückdrängen, aber es ist wirklich Freiheit, einfach so aussehen zu dürfen, wie man von der Natur gemacht wurde.

  5. Ich bin sehr beeindruckt. So viel Zielstrebigkeit, so viel dickes Fell - Toll!

  6. erinnert sie sich genau." ..... Es wäre wohl zuviel verlangt, vor dem Schreiben nachzudenken, oder hat da jemand versucht witzig zu sein?!

    • Sirisee
    • 05. November 2012 22:17 Uhr

    ... Durch die Rücksichtnahme, die sie bei anderen erzeugt, erreicht sie wahrscheinlich automatisch eine hohe Fairness der Verfahren für ihre Mandanten.

    Wären alle blind, wäre es natürlich anders ...

    Gute Wahl gerade für Leute, die sonst unter die Räder kommen. Eine echte Bereicherung!

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