Während des Studiums lässt sie alle Standardbücher auf Kassette aufnehmen. Kommilitonen lesen ihr gegen Bezahlung aus den Büchern vor, die sie für ihre Hausarbeiten braucht. Für das erste Staatsexamen durfte sie statt fünf Stunden sieben Stunden an den neun Klausuren schreiben. Dabei bekam sie Unterstützung durch eine fachfremde Hilfskraft: Die Ehefrau ihres ehemaligen Lateinlehrers durfte ihr nach Anweisungen die passenden Stellen aus den Kommentaren vorlesen. Einen Juristen an ihrer Seite ließen die Prüfungsregeln nicht zu. In einem separaten Raum durfte Pamela Pabst an ihrem sprechenden Notebook schreiben, zum Lesen des Bildschirminhalts war daran zusätzlich eine Braillezeile angeschlossen.

In nur acht Semestern bewältigt Pabst schließlich das Studium und schafft sogar den sogenannten Freischuss – die Möglichkeit, das Examen zwei Mal machen zu dürfen, um sich beim zweiten Versuch eventuell noch zu verbessern. Nur 0,3 Punkte fehlen ihr zum Prädikatsexamen. Auf den zweiten Versuch verzichtet sie dennoch wegen des Aufwands. Eigentlich will Pamela Pabst Strafrichterin werden, aber die Strafprozessordnung legt fest, dass ein Strafrichter hören und sehen können muss. Also wird sie Strafverteidigerin und Rechtsanwältin und fühlt sich heute wohl in dieser Rolle: »Dass die Leute kommen, weil sie mich als Hilfe ausgewählt haben, ist ein schönes Gefühl.«

Viele Mandanten empfänden die Tatsache, dass ihre Anwältin sie nicht sehen könne, als Erleichterung, erzählt Pamela Pabst. Gerade wenn sie ein auffälliges Äußeres haben, brutal aussehen oder stark tätowiert sind, sei es angenehm für sie, nicht nach dem Äußeren beurteilt zu werden. »Ich hatte schon Mandanten, die fragten, ob ich ihr Gesicht anfassen möchte. Um Gottes willen«, sagt sie, »mich interessiert wirklich nicht, wie die Leute aussehen.« Pamela Pabst ist so ihren Mandanten gegenüber unvoreingenommener, obwohl auch sie zugibt, nicht ganz objektiv zu sein: »Mich beeinflussen andere Reize. Wenn jemand stinkt oder eine unangenehme Stimme hat, ist das wiederum für mich nicht schön.«

Etwa zwei Drittel ihrer Mandanten sind Straftäter. Raub, Drogenmissbrauch, Körperverletzung, Tötungsdelikte. »Die Fälle sind oft auch menschlich sehr interessant, oder dahinter steckt eine spannende Beweissituation. Ich tauche gern in andere Welten und Milieus ein«, sagt Pamela Pabst und schweigt einen Moment, »aber es ist dann auch schön, wieder herauszukommen.«

Später am Nachmittag fährt Pamela Pabst in ihre Kanzlei, eine Besprechung mit einem Mandanten steht an. Rein in den Bus, dann in die U-Bahn und wieder in den Bus. Den täglichen Weg ins Büro findet Pamela Pabst problemlos, ihre Kanzlei liegt in ihrem Elternhaus im Süden Berlins. Mithilfe des Blindenstocks bewegt sie sich wie eine Sehende, weiß genau, an welcher Haltestelle sie aussteigen und an welcher Stelle in der Straße sie in den Vorgarten des Elternhauses einbiegen muss. »Der Mandant hat den Termin verschoben«, ruft ihre Mutter, als sie die Tür aufschließt. Pamela Pabsts Eltern sind längst in den Joballtag ihrer Tochter integriert. Sie übernehmen Telefondienste oder schreiben Quittungen für Mandanten. Geholfen haben sie von Anfang an. »Manchmal wird es ihnen fast zu viel«, sagt Pamela Pabst. »Aber was sollen sie machen, jetzt stecken sie mit drin, jetzt gibt es kein Zurück mehr.«

Manchmal fühlt sich Pamela Pabst wie eine Sozialarbeiterin

Zwei Stockwerke über den Räumlichkeiten der Eltern, ganz oben unter dem Dach, liegt Pamela Pabsts kleines Büro: zwei Schreibtische, ein Computer mit Sprachfunktion und Brailletastatur und Unmengen an gestapelten Akten. Um die Büroarbeit kümmert sich vor allem Assistentin Annette Müller. Fünf Stunden am Tag ist sie vor Ort. »Meine Augen«, nennt Pamela Pabst sie.

Heute hat Annette Müller einen privaten Termin, Pamela Pabst muss sich alleine um die zwei klingelnden Telefonapparate kümmern – ihren eigenen und den ihrer Assistentin. Alle fünf Minuten rufen Mandanten und deren Ehefrauen, Mütter, Geschwister oder Freundinnen an. Alle wollen Informationen zu den Fällen, aber vor allem ein kleines bisschen Zuspruch. »Er hatte ja schon viele Probleme in der Vergangenheit, aber keine Sorge, ich bleibe trotzdem an seiner Seite«, sagt sie zu einer besorgten Frau, die sich wegen ihres Lebensgefährten meldet. Pamela Pabst reagiert gelassen auf das ununterbrochene Klingeln. »Das war mein Räuber«, sagt sie nach dem Telefonat. Von vielen ihrer Fälle ist sie auch menschlich sehr berührt. Ein bisschen, sagt sie, fühle sie sich manchmal wie eine Sozialarbeiterin. Zwei Minuten schweigt das Telefon, dann klingelt es wieder. Ein anderer Mandant, der sich schon lange nicht mehr gemeldet hat, ist am Apparat: »Eigentlich mache ich freitags ja keine Termine, aber für Sie mache ich eine Ausnahme«, sagt Papst.

Sie wird ihn wie alle ihrer Mandanten im Wintergarten empfangen, den die Rechtsanwältin anbauen ließ. Ein helles Zimmer mit Blick auf einen kleinen Garten. Auf einer Holzkommode steht eine bronzefarbene Steinskulptur mit verbundenen Augen: die antike Göttin Justitia. Sie spricht objektiv und unparteiisch Recht – ohne das Ansehen der Parteien zu berücksichtigen.