Studienkredite»Das war ein großer Schreck«

Die Vorlesungen beginnen wieder. Viele Studenten finanzieren sich über einen Kredit und starten mit Schulden ins Berufsleben. von Emilia Smechowski

Judith Hemer wollte noch einen Master draufsatteln. Wirtschaftswissenschaften in Italien und Dänemark. Doch Judith Hemer hatte kein Geld. Also beschloss sie, bei der Dresdner Bank einen Studienkredit über 20.000 Euro aufzunehmen, den sie ein Jahr später auf 30.000 Euro aufstockte. Damals, 2008, war die Dresdner die einzige Bank, die auch einen Studienwunsch im Ausland mit einem Kredit unterstützte. Judith Hemer, die in Wahrheit anders heißt, unterschrieb den Vertrag – und studierte.

Heute, vier Jahre später, sagt Hemer: »Von Krediten habe ich erst mal die Schnauze voll.« Sie ist 31 Jahre alt, arbeitet in Berlin bei einer Unternehmensberatung. Sie verdient gut und sitzt dennoch auf einem Berg Schulden. 30.000 Euro, die sie in den kommenden sechs Jahren abzahlen will. Wie viele Studienkreditnehmer startet Judith Hemer in ihr Berufsleben mit Schulden. Private Rentenvorsorge, ein Bausparvertrag, vielleicht eine Lebensversicherung? Das alles muss warten.

Anzeige

Sieben Jahre ist es her, dass Studienkredite plötzlich bei fast jeder Bank zu haben waren. Der Grund: Zwischen 2005 und 2006 führten insgesamt sieben Bundesländer Studiengebühren ein. Heute müssen Studenten nur noch in Niedersachsen und Bayern für ihr Studium bezahlen. Die fünf anderen Länder haben die Gebühren wieder abgeschafft.

Doch das macht Studieren noch lange nicht günstig. Miete, Essen, Bücher, Computer: All das müssen die insgesamt 2,2 Millionen Studenten in Deutschland bezahlen, ohne dass sie ein geregeltes Einkommen beziehen. Wenn am Montag an den Unis die Vorlesungen beginnen, hat nicht jeder Student ein Stipendium, Anspruch auf Bafög oder Eltern, die etwas beisteuern. Und bei den Bachelor- und Masterstudiengängen, die zügig und in Modulen durchgezogen werden sollen, bleibt häufig keine Zeit für einen Nebenjob.

Der Studienkredit ist da manchmal die letzte Chance, ein Studium finanzieren zu können. Geschätzte 11.0000 Studenten haben hierzulande einen solchen Kredit beantragt. »Er sollte aber wirklich die letzte aller Optionen sein«, sagt Ulrich Müller vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE). »Bevor man diesen Schritt geht, sollte man vorher geprüft haben, ob nicht doch andere Finanzierungswege wie Bafög, Stipendium, Nebenjob oder Finanzierung durch die Eltern möglich sind.«

3.000 Euro Überziehungszinsen

Die Anzahl der Studienkredite in Deutschland hat sich von 2006 bis 2009 verdoppelt, trotzdem finanzieren sich nur fünf Prozent der Studenten über diese Option. So hat es die letzte Sozialerhebung des Deutschen Studentenwerks ermittelt. Der Kredit, der am häufigsten abgeschlossen wird, ist der Studienkredit der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW), der vom Staat gefördert wird. Im Schnitt beantragen die Studenten bei der KfW 350 Euro, die dann monatlich ausgezahlt werden.

Die größte Geldquelle aber sind die eigenen Eltern: 87 Prozent der Studenten werden ganz oder teilweise von ihnen unterstützt. Zwei Drittel jobben nebenbei, von denen ein Drittel angibt, ohne den Nebenjob nicht leben zu können. Wiederum ein Drittel erhält Bafög. Die Erhebung zeigt: In den meisten Fällen beziehen die Studenten aus mehreren Quellen ihre Studien- und Lebenshaltungskosten. Den einen Finanzierungsweg gibt es selten.

Der Flexi-Studienkredit der Dresdner Bank, für den sich Judith Hemer damals entschieden hatte, gibt es heute nicht mehr. In der Zwischenzeit, im Jahr 2009, wurde die Dresdner von der Commerzbank übernommen. Und die wollte keinen eigenen Studienkredit anbieten. Das »Flexi« im Namen des Studienkredits wurde Hemer schließlich zum Verhängnis: Bei Kreditabschluss war offengehalten worden, zu welchen Konditionen der Kredit zurückgezahlt werden muss. Keiner der Studenten wusste, wie hoch der Zinssatz und wie hoch die monatlichen Raten später sein würden. Das sollte erst zu Beginn der Rückzahlung geklärt werden – als die Dresdner Bank gar nicht mehr existierte.

Die ersten 18 Monate nach dem Studium waren rückzahlungsfrei, so war es in dem Vertrag geregelt. Das sollte es Judith Hemer erleichtern, ins Berufsleben zu starten. Als sie anschließend unaufgefordert begann, 400 Euro im Monat zu überweisen, schickte die Commerzbank ein Schreiben. Darin hieß es, Hemer solle bitte 3.000 Euro überweisen, das waren die Überziehungszinsen ihres Kredits, in Höhe von fast 18,5 Prozent. Ihr Kreditbetrag von insgesamt 30.000 Euro wäre damit mit keinem Cent abgegolten gewesen.

Leserkommentare
    • sdanis
    • 07. Januar 2013 14:11 Uhr

    Was ich auch noch hinzufügen möchte, erlebe ich auch fast wie die Leserin selbst. Allerdings, ist mit 90 Bewerbungen noch ganz harmlos. Ich mit 2008 Studium (2,3) mit viele Qualifikationen abgeschlossen und das mitten in der Finanzkrise. Dann mit über 300 Bewerbungen und Absagen habe ich eine Stelle bekommen, die sehr weit unter meinem Niveau bezahlt wurde (ca. 1300€ netto), mittlerweile verdiene ich 1500€ netto. Immer noch zuwenig, wenn ich die Schulden (Studienkredit & Bafög) auch noch abbezahlen muss. Kurz gesagt: Ich fange langsam an es zu bereuen überhaupt studiert zu haben! Noch bin ich nicht an meinem Traumjob angelangt. Mit meinem jetztigen Gehalt habe ich jahrelang kein richtiger Urlaub leisten können. Was mir übrig bleibt, ist nur mein Lebensunterhalt (also fürs Essen, etc.). Da ich für die kurze Zeit Hartz4 war (allerdingt mit zwei Minijob) nebenbei, haben sie falsch berechnet und musste auch noch durch Inkompetenzheit der Mitarbeiter von JobCenter die Zahlungen zurückzahlen. Also kurz gesagt: Danke liebe Politik, danke liebe Finanzwelt - ihr habt meine Zukunft total verbaut.

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service