Die beiden sind Chinesen, Schriftsteller, Mitte 50 und begnadete Autoren. Beide sind in der vergangenen Woche ausgezeichnet worden. Mo Yan wird den Nobelpreis für Literatur erhalten, Liao Yiwu nahm den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels entgegen. Welcher von beiden ist der richtige, der gute Preisträger?

Mag sich China auch noch so sehr wandeln, die deutsche Chinadebatte folgt der immergleichen Dramaturgie: Die einen preisen das Regime, die anderen attackieren es. Und weil die beiden Preisträger unterschiedlicher nicht sein könnten, hat sich die Debatte an ihnen verhakt.

Beginnen wir mit Liao. Er ist ein Dissident, der für sein Engagement inhaftiert wurde. Seine Forderung lautet: »Dieses Imperium muss auseinanderbrechen.« Gewiss, dem muss man nicht zustimmen. Warum aber löst ein solcher Satz bei so manchen Deutschen einen fast reflexartigen Widerspruch aus? Das krisengeschüttelte Europa habe dem erfolgsverwöhnten China gar nichts zu sagen. Der Erfolg heilige die Mittel, da könne einer wie Liao nur stören. Für diese Fraktion sind Liao und Ai Weiwei intellektuelle Tanzbären, die das ausländische Publikum bedienen. Zutreffend ist das nicht.

Liaos Bücher, die in China verboten sind, werden von Chinesen in großer Zahl illegal aus dem Netz geladen. Der Hinweis, Ai und Liao repräsentierten nicht die Mehrheit des Volkes, geht an der Wirklichkeit vorbei. Soll ein Schriftsteller, bevor er die Stimme erhebt, erst das Volk über sein Werk abstimmen lassen? Tut das die Partei?

Es stimmt, die Partei hat Millionen von Menschen aus der Armut befreit, Millionen konnten in die Mittelklasse aufsteigen. Sind deshalb alle zufrieden? Nein. Es reicht, an einem Nachmittag durch eine beliebige Stadt zu laufen und sich mit fünf Passanten zu unterhalten, um zu erkennen, dass dem keineswegs so ist.

Man könnte ihre Bücher lesen. Die beiden Preisträger haben viel zu sagen

Menschenrechte, lautet ein gerne vorgetragenes Argument, seien rein kulturell bedingt. Überheblichkeit drückt sich in dieser Haltung aus. Chinesen seien an einem Rechtsstaat nicht interessiert. Die Willkür der Polizei, womöglich auch der Partei, mache dem Volk nichts aus, weil es dergleichen schon immer in der chinesischen Geschichte gegeben habe. Und damit nicht genug: In Wahrheit, so die westlichen Menschenfreunde, sei das chinesische Volk in seiner überwiegenden Mehrheit viel zu ungebildet für Wahlen.

Nein, Liao und Ai sind außergewöhnliche Charaktere, und genau solche braucht eine Gesellschaft, die nicht stagnieren will. Menschen, die sich nicht mit dem Status quo zufriedengeben. Von einer anderen Gesellschaft zu träumen ist eine Aufgabe von Künstlern und Schriftstellern. Das sollten auch deutsche Geschäftsleute einräumen, die mit der Vertragstreue der Autokraten in Peking so zufrieden sind. Niemand hat das Recht, jemanden wie Liao Yiwu zu desavouieren.

Gleiches gilt für den Literaturnobelpreisträger Mo Yan. Er ist ein ganz anderer Typ als Liao: widersprüchlich sein Charakter, weder schwarz noch weiß, einer, wie ihn der graue Kulturbetrieb Chinas oft hervorbringt. Mo beschreibt meisterhaft die Schattenseiten der Gesellschaft, er fordert die Freilassung des inhaftierten Friedensnobelpreisträgers Liu Xiaobo. Gleichzeitig war er sich nicht zu schade, eine Rede Mao Zedongs zu verbreiten, in der dieser die Unterwerfung der Kunst unter die Revolution fordert. Mo scheint damit eigenen Idealen zuwiderzuhandeln.

Woher aber nehmen Deutsche, die nie in einem kommunistischen System leben mussten, das Recht, sein Verhalten als »peinlich« und »ekelhaft« zu bezeichnen, wie jüngst in der taz geschehen? Hätte die Nobelpreisjury nach Liu und dem Exilschriftsteller Gao Xingjian einen weiteren Dissidenten ausgezeichnet, hätte sie sich endgültig in den Ruf gebracht, ein politisches Kampfinstrument zu sein. Und damit wäre keinem gedient. Schließlich geht es darum, Reformen im Inneren zu fördern. Und ein Regime, das sich bedroht fühlt, das zeigte das Beispiel Myanmar, neigt eben nicht dazu, sich echten Reformen zu öffnen.

Häufiger in der Vergangenheit haben es die chinesischen Machthaber verstanden, die Kritik am Apparat in eine Kritik am ganzen Volk umzudeuten. Bei Olympia zum Beispiel. Das heißt nicht, dass der Westen schweigen soll. Es geht um einen dritten Weg, eine kluge Mischung aus Kritik und Einbindung.

Mo mit dem Nobelpreis auszuzeichnen ist ein Beispiel. Er ist ein Preisträger, über den sich China freuen kann, gleichzeitig erinnert seine Auszeichnung an den noch immer inhaftierten Liu Xiaobo. Vor allem aber lenkt Mo den Blick auf ein China, das viel komplexer ist, als viele Deutsche meinen. Da gibt es Unterstützer und Nutznießer, Ambivalente und Gleichgültige sowie Reformer innerhalb und außerhalb des Systems. Nicht immer erkennt man sie gleich, sie haben gelernt, Tarnfarben anzulegen. Wer sich nur mit dem Begriffspaar Freiheitskämpfer oder Kollaborateur über dieses Land beugt, wird damit so viel Erfolg haben wie einer, der versuchte, mit einem Teleskop die Feinheiten einer chinesischen Jadeschnitzerei auszumachen.

China ist zu komplex, als dass wir uns in seinen Protagonisten einfach nur selbst spiegeln könnten. Wir müssen lernen, genauer hinzusehen. Man könnte etwa die Bücher der beiden Preisträger lesen. Beide haben viel zu erzählen.

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