Es gibt Ideen, die so allgegenwärtig sind, dass sie wie Wahrheiten klingen. Es gibt Geschichten, die werden schon so lange erzählt, dass sie zeitlos erscheinen, als seien sie von Anbeginn in der Welt gewesen, wie ein Naturgesetz.

Die Idee vom Amerikanischen Traum ist ein solcher Mythos: das Versprechen, dass jeder – wenn er nur hart genug dafür arbeitet – aufsteigen könne. Dass Herkunft, Geschlecht, Hautfarbe, Religion keine Rolle spielten für den Erfolg. Dass die Chancen auf Teilhabe und Glück für alle gleich seien. Und dass dieses Traumes wegen ein Land seinen Namen verdiene: Amerika, Land der unbegrenzten Möglichkeiten.

»Ich suche nach dem Ursprung des Amerikanischen Traums – können Sie mir helfen?«, frage ich. Der Bibliothekar der New York Public Library nickt, als sei dies eine ganz normale Frage. Vermutlich ist sie das für ihn auch. Er ist von anderen Besuchern, die sich vor seinem Tisch im holzgetäfelten Lesesaal aufbauen, abwegigere Interessen gewohnt: die Rosenkranz-Bruderschaften im Spätmittelalter beispielsweise oder das Balzverhalten des Stichlings. Ein paar Blocks von hier hat an diesem schönen Augustmorgen ein Arbeitsloser einen ehemaligen Kollegen und Konkurrenten erschossen, bevor er selbst von der Polizei niedergestreckt wurde. Deshalb reihen sich in der Fifth Avenue jetzt die Übertragungswagen der Fernsehstationen. Hier drinnen ist von der Aufregung nichts zu spüren.

Die Recherche am Computer ergibt zum Stichwort »American Dream« 1034 nach Relevanz sortierte Titel allein in diesem Archiv. Der Amerikanische Traum zieht sich durch historische, soziologische, religiöse Studien, nur wer ihn erfunden hat, bleibt im Verborgenen.

In der Charta der Gründungsväter, der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten vom 4. Juli 1776, wird das unveräußerliche Recht auf »Leben, Freyheit und das Streben nach Glückseligkeit« festgeschrieben, aber ein »amerikanischer Traum« taucht im gesamten Text nicht auf. Weder Benjamin Franklin noch Thomas Jefferson haben in ihren Schriften etwas von Träumen erwähnt.

Der erste Mensch, der das amerikanische Selbstverständnis als einen Traum interpretierte und damit zukünftigen Generationen eine Idee der grenzenlosen Zuversicht schenkte, war John Truslow Adams. Nachdem Adams Anfang des 20. Jahrhunderts an der Wall Street genug Geld für ein freies Leben als Publizist verdient hatte, widmete er sich populärhistorischen Werken. Als er – immerhin schon Pulitzerpreisträger – seinem Bostoner Verleger das Manuskript The American Dream anbot, lehnte der ab. Der Titel wird nicht funktionieren, hieß es, niemand gibt drei Dollar aus für ein Buch mit einem derart absurden Namen. Also erschien die Erzählung vom amerikanischen Traum 1931 unter dem Titel The Epic of America, »Das Epos Amerikas«.

Die New York Public Library schafft mir tatsächlich die Erstausgabe von The Epic of America aus einem Lagerhaus im Norden der Stadt herbei, unter den goldverzierten Decken des Lesesaals liegt es bald darauf vor mir, das mit Illustrationen geschmückte Original von John Truslow Adams:

»Sie waren mit einer neuen treibenden Hoffnung gekommen, zu wachsen und aufzusteigen und für sich ein Leben herauszuhauen, indem sie sich nicht nur als Menschen durchsetzen, sondern auch als Menschen anerkannt sein wollen, ein Leben nicht nur in wirtschaftlichem Wohlergehen, sondern auch in gesellschaftlicher Anerkennung und Selbstachtung.«

War das einst der Amerikanische Traum? Diese »treibende Hoffnung, zu wachsen und aufzusteigen«? War das die wirkmächtige Idee, die Adams von der Landung der Pilger aus dem England des 17. Jahrhunderts über die Revolution im 18. Jahrhundert, den Krieg zwischen Nord- und Südstaaten, den weiten Weg der Siedler nach Westen bis hinein in seine eigene Gegenwart zu erkennen glaubte?

Wir, der Fotograf und ich, beschließen, den Motiven aus Adams’ Erzählung zu folgen und durch die USA zu reisen auf der Suche nach dem Amerikanischen Traum des Jahres 2012. Wir suchen nach einer Antwort auf die Frage, ob der Traum von gleichen Chancen auch in Zeiten der Finanzkrise Bestand hat. Ist das große Versprechen vom Aufstieg aller Tüchtigen in der amerikanischen Gegenwartsgesellschaft, in der das Einkommen der unteren und mittleren Schichten seit zwei Jahrzehnten stagniert, in der die Arbeitslosenquote bei 7,8 Prozent liegt und 46 Millionen Amerikaner von Lebensmittelkarten leben, noch wahr? Ist die amerikanische Wirklichkeit in den Städten des Nordens und im rauen Land des Südens noch durchtränkt von diesem Traum? Lohnt es sich, daran zu glauben? Oder zahlen die Träumer den Preis für eine Illusion, die bloß in Werbung und Marketing, in politischen Sonntagsreden und Selbstauskünften weiter und weiter verbreitet wird?

Über den Durchschnittsamerikaner schreibt John Truslow Adams: »(Der amerikanische Traum) war sein Stern im Westen, der ihn über die stürmische See und in die unendlichen Wälder leitete, auf der Suche nach einer Heimat, wo harte Arbeit ihres Lohnes sicher war und wo nicht die starre Hand von Brauch und Missbrauch ihn auf ›seinen Platz‹ zurückstoßen konnte.«

Der Amerikanische Traum kreist bei Adams und bei allen anderen literarischen und filmischen Adaptionen stets um das Motiv der Arbeit. Nicht das Bild »Vom Tellerwäscher zum Millionär« prägt die kollektive Fantasie der US-Gesellschaft – der Tellerwäscher ist eine deutsche Erfindung, die es im amerikanischen Sprachgebrauch nicht gibt –, sondern die Formel from rags to riches, aus Lumpen zu Reichtum. In diesem Ausdruck manifestiert sich der Glaube an den Erfolg der Fleißigen und Tüchtigen.