Vor einigen Wochen erzählt Annette Schavan von der Zukunft. Es ist eine schöne Zukunft. Gerade hat die Ministerin überraschend verkündet, nicht mehr als stellvertretende CDU-Vorsitzende kandidieren zu wollen. Eine Niederlage? Schavan sagt, sie habe Ballast abgeworfen, um sich künftig ganz darauf konzentrieren zu können, was ihr wichtig sei: die Bildung, die Wissenschaft. Vier weitere Jahre als Ministerin malt Schavan sich aus oder ein reputierliches Dasein als Expertin im Parlament. Und wenn die Zeit der Politik einmal vorüber sei, dann wolle sie Bücher schreiben, Vorträge halten und sich verstärkt ihrem Amt als Honorarprofessorin der Theologie an der Freien Universität Berlin widmen. »Ich habe noch viel vor!«, ruft sie gut gelaunt in die Runde.

Seit Freitag vergangener Woche sieht Annette Schavan ihre Lebensperspektive in Gefahr. Die Bundesbildungsministerin erfährt, dass der Düsseldorfer Professor der Judaistik, Stefan Rohrbacher, ein vernichtendes Urteil über ihre Dissertation gefällt ha t. Nach den Vorwürfen eines anonymen Plagiatsjägers im Internet hatte die Universität den Promotionsausschuss im Mai mit der Prüfung der Arbeit beauftragt. In einer »Sachverhaltsermittlung« kommt der Vorsitzende des Gremiums zu dem Schluss, dass Schavan sich in beträchtlichem Umfang fremden geistigen Eigentums bemächtigt habe, ohne dies ausreichend zu kennzeichnen. Die Häufigkeit der unzulässigen Übernahmen aus Werken fremder Autoren beweist für Rohrbacher eine »leitende Täuschungsabsicht«. Diesen Vorwurf hatte nicht einmal die Universität Bayreuth dem Promotionsbetrüger Guttenberg gemacht.

Die Doktorarbeit ein Plagiat, Schavan eine Täuscherin – setzt sich diese Interpretation durch, dann liegt das Bild der CDU-Frau in Scherben: als Politikerin, Wissenschaftlerin und öffentliche Person mit einem Gewissen. Der Fall der Annette Schavan könnte tiefer ausfallen als der anderer Politiker, die über die akademischen Sünden der Vergangenheit gestolpert sind. Denn erkennt die Fakultät auf Plagiat, dann ist sie nicht nur ihren Titel los, sondern auch ihren Studienabschluss, weil sie damals ohne Diplom gleich die Promotion ansteuerte.

Schavan argumentiert entschlossen und überzeugend

Doch so weit ist es noch lange nicht. Gute Argumente sprechen gegen die Schlussfolgerung aus Rohrbachers Gutachten, ebenso gute aber auch dafür. Die Überlebenschancen Annette Schavans als öffentliche Person stehen fifty-fifty. Denn die Wissenschaft ist sich keineswegs einig über die wichtigen Fragen, die am Ende Schavans Schicksal entscheiden: Wann wird aus einer Nachlässigkeit ein Fehler und schließlich ein akademischer Regelverstoß? Wie viele kleine Plagiate braucht es, um eine ganze Arbeit zu einem großen Betrug werden zu lassen? Und gelten die Regeln korrekten wissenschaftlichen Arbeitens unabhängig von Zeit und Fachkultur?

Annette Schavan wird alles unternehmen, damit sich die Waage zu ihren Gunsten neigt. Politisch tendiert sie mitunter zu Unentschiedenheit. Wer jetzt mit ihr spricht, erlebt eine ungewöhnlich entschlossene und durchaus überzeugende Schavan. »Jeder, der mich kennt, weiß: Ich bin zu dem, was mir vorgeworfen wird, nicht fähig«, sagt sie und nimmt einen zu einer Reise in ihre Vergangenheit mit. 23 Jahre alt ist sie, als sie ihre Promotion über die Gewissensbildung beginnt. Das Thema »Gewissen und Person« verbindet nicht nur ihre Studienfächer Theologie, Erziehungswissenschaften und Philosophie miteinander. Es ist der Studentin geradezu eine Herzensangelegenheit. »Die Pädagogik befand sich in ihrer größten Krise«, erinnert sich Schavan. Darf man noch erziehen, fragten akademische Denker. Gegen diesen Zeitgeist will die junge Konservative in ihrer Promotion anschreiben. »Es ging mir damals nicht um den Titel, sondern um das Thema«, sagt Schavan.

Doch das behaupten alle – auch alle offiziell überführten Täuscher. Von ihnen unterscheidet sich Schavan aber in wesentlichen Punkten. Ihre Promotion entsteht damals nicht als Nebentätigkeit, in den knappen Stunden im ICE auf dem Weg zwischen Amtssitz und Wahlkreis. Sie sucht auch keinen Beschleuniger für ihre Karriere, die noch gar nicht begonnen hat. Zum Schummeln aus Zeitnot oder Langeweile – neben intellektueller Armut die Hauptmotive des Plagiierens – dürfte es für Schavan wenig Anlass gegeben haben.

*Vgl. »Spiegel Online«, 15.10.2012 . Hier wird der Terminus »Titelverteidigung« vermutlich erstmals in diesem Kontext verwendet