Ausstellung "Hollywood Costume"Der Stoff, aus dem man Glamour webt

Wie wird Marlene Dietrich zum Engel, aus Cate Blanchett eine Queen? Das Victoria and Albert Museum in London zeigt die Kostüme der großen Hollywood-Filme. von 

Die Robe der Königin: "Elizabeth – Das goldene Königreich", 2007

Die Robe der Königin: "Elizabeth – Das goldene Königreich", 2007  |  © Universal/Working Title/The Kobal Collection/Greg Williams

Zur Warnung: Es geht um ein emotionales Thema. Hollywood!! Kostüme!! Der Weg zu diesem Gefühlsstrudel führt nach London, in die Bürokatakomben des Victoria and Albert Museums, in dem die letzten Vorbereitungen für eine Ausstellung von Kostümen aus der großen Ära Hollywoods laufen, er führt in ein Office mit Reihen grauer Schreibtische. Gesenkte Köpfe. Noch bevor irgend etwas Spektakuläres zu sehen ist, fliegt eine Tür auf, man hört einen Schrei: O my God! Etwas rauscht herbei – O no! –, Hände strecken sich aus, Finger graben sich in meinen Mantel – Green! –, wenden den Stoff – Look at this! –, drehen mich um, als wäre ich ein 4-Räder-Trolley. Professor Deborah Nadoolman Landis senkt den Kopf mit ihrer schwarzen Mähne, ein langer, fast mütterlicher Blick, sie sagt: »Sie haben doch diesen Auftritt nicht nur für mich geplant? Nicht für unser kleines Interview?« Ihr Blick hat jetzt die Ohrringe aufgespießt, sie sagt: »Wen treffen Sie heute Abend?«

Das ist nicht persönlich gemeint. Abgesehen davon, dass es Deborah Landis ist, die – roter Pullover! goldene Ohrringe! – für diesen Abend sehr hübsche Dinnerpläne hat, wie sie sofort und gerne verrät, es geht der kalifornischen Professorin, Initiatorin und Kuratorin der Ausstellung, bei ihrem grandiosen Auftritt zu meiner Begrüßung allein um die Inszenierung ihrer zentralen These, dass das Kostüm ein ganzes Leben verrät. Verraten muss! Alles, sagt Deborah Landis, entscheide sich, wie doch auch im Leben, in diesem ersten schnellen Moment: Ob sie gelinge, die glaubhafte Darstellung eines Menschen. Zu vermitteln, wie jemand ist, welches die Sehnsüchte, Ängste dieser Person sind, was sie zu verbergen versucht. Oder zu zeigen? All das transportiere das Kostüm. Im besten Falle, sagt Deborah Landis, nehme man das Kostüm natürlich gar nicht wahr.

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Um die Fotostrecke zu sehen, klicken Sie hier  |  © Columbia/Marvel/The Kobal Collection

Eine kühne These, die sich in der Ausstellung hoffentlich nicht bestätigt. Hollywood Costume! Sie soll ein Blockbuster werden, glamourös und shocking wie die Alexander-McQueen-Show vor einem Jahr im Metropolitan Museum in New York, die zeigte, was Mode für ehrwürdige Museen leisten kann, auflodernde Besucherzahlen nämlich – und jetzt, als Brandbeschleuniger, auch noch mit Film! Fünf Jahre lang hat Deborah Landis dieses Event vorbereitet, in Kooperation mit einem Team in London, zuletzt ein kleines Büro im Victoria and Albert Museum bezogen, in dem wir nun sitzen. Wenn am 20. Oktober die Scheinwerfer aufblenden, werden 130 Kostüme aus ihrem Leinwandleben heraustreten, Judy Garlands kariertes Schürzchen aus dem Wizard of Oz, das orange schillernde Netztrikot von Spider-Man, die Kostbarkeit aus weißem Leinen, die Kate Winslet, als Panzerung gegen Unglückswogen, auf der Titanic trug. Das schwarze Cape von Darth Vader, feuerfest natürlich für den Krieg der Sterne. Die bekannteste aller Nichtigkeiten, das lange, schulterfreie Schwarze, das zur Ikone wurde, für was eigentlich, Tiffany? Capote? Audrey Hepburn? Givenchy?

Das kleine Schwarze aus Frühstück bei Tiffany ist schon da, es hängt als Postkarte über Deborahs Schreibtisch. Jemand hätte warnen sollen, es bloß nicht zu erwähnen. Es bringt Deborah zum Schnauben. Ein Kostüm? Das? Zu offensichtlich. Verschwindet Holly Golightly nicht hinter der Inszenierung? Liegen nicht alle Augen auf Audrey statt auf der Figur, die sie spielt? Ist es nicht anstößig, wenn sich der Name eines Designers so in den Vordergrund schiebt, in einem Film? Wäre es nicht so degoutant wie das ewige Drehen und Wenden der Stars auf den allgegenwärtigen roten Teppichen, alles Prada und Versace? Okay.

Typisch für ein gutes Kostüm sei nicht nur, sagt Professor Landis, dass es sich keinesfalls in den Vordergrund schiebe, sondern dass man die Namen der Designer gar nicht kenne! Ein Umstand, der ihr wohl schmerzlich bekannt ist, sie hat für Michael Jackson gearbeitet und für Steven Spielberg am Kostüm von Indiana Jones gefeilt, Erdtöne nuanciert, als Anspielung auf das Arbeitsgebiet des Archäologen, einen Fedora-Hut aufgetrieben, Größe No. 12, ihn im Bereich der Krempe gemildert, um Harrison Fords Gesicht nicht unvorteilhaft zu beschatten – wer hat es gemerkt?

Ausstellung "Hollywood Costume"

Victoria and Albert Museum London. 20.10.2012–27.1.2013. Katalog: Deborah Nadoolman Landis (Hrsg.): »Hollywood Costume«. 450 Illustrationen, 320 S., 35,- ₤ (www.vandabooks.com)

Seit 1949 wird ein Oscar für das beste Kostüm verliehen, darüber zu diskutieren ist jetzt keine Zeit, jemand ruft: »Mary Queen of Scots just got in.« Aus Korea! Deborahs Hilfe wird benötigt, unten in der Installation. Türen öffnen sich, nachdem jemand den Geheimcode korrekt eingetippt hat. Füße sind zu heben, über fette Kabel-Pythons. Ein großer Saal, noch einer und noch einer, mit großen Podesten, auf denen viele Puppen stehen, einige sind unter weißen Papierlaken verborgen, andere werden von Leuten umstanden, die über den Schuhen Plastiktüten tragen und mit OP-Handschuhen an Ärmeln zupfen, die Drapierung mit Nadeln flink fixieren. Keith Lodwick, der in London der Kuratorin als Assistent zugeordnet ist, ein Kostümdesigner mit viel Theatererfahrung, zeigt den Weg. Keith sei ein gutes Beispiel ihrer These, hatte Deborah geflüstert – ein wirklicher Engländer. Schmale graue Hosen, alle Tage ein zarter V-Pullover, nur die Hemden wechselten den Ton, nie beule auch nur die geringste Kleinigkeit die Hosentasche aus, welche Kontrolle!

Wir biegen um ein Podest, Keiths Fuß stockt, ein Schrei. Seine Hand fährt zum Mund, aus dem Grau steigt eine Röte, sind das Tränen in den Augen? Tief ergriffen stammelt Keith ein Sorry, sorry. Wofür denn? Da ist sie, Scarlett O’Haras Robe aus moosigem Samt. Kleines Mieder, der riesige, in den Tiefen von kleinen Wellen safrangelb schimmernde Rock. Unfassbar kleine Taille. Drumherum: schwere Troddel an einem goldenen Seil, sieht aus wie ein Vorhang-Utensil und ist genau das. Wer braucht noch eine Vivien Leigh, um darüber in einen Schock zu geraten?!

Leserkommentare
  1. eine künstlerische und handwerkliche Topleistung - ohne die wohl Schaffenden dieser Outfits unmöglich.

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