Grimm's HotelEs war einmal in Berlin-Mitte

Der Fischer, seine Frau, Dornröschen und fingerdick Nutella: Das Grimm’s in Berlin wirkt auf Kinder und Geschäftsreisende gleichermaßen märchenhaft. von 

Märchenhaft schick: das Grimm's in der Jakobstraße in Berlin

Märchenhaft schick: das Grimm's in der Jakobstraße in Berlin  |  © Grimms/PR

Spätestens wenn man auf den Balkon tritt, vergisst man, dass man in Berlin ist. Dass das wild gezackte Jüdische Museum gleich um die Ecke liegt. Auch zu den Konsumkirchen der Friedrichstraße ist es nicht weit. Sicher, man hört von ferne den nie abreißenden Verkehrsstrom der großen Innenstadtmagistralen, doch all das sieht man nicht. Stattdessen schaut man auf wild wucherndes Grün, verkrautetes Niemandsland, einen kleinen Märchenwald, durch den ein paar Trampelpfade mäandern. Das Kind sagt: »Guck mal, ein Dschungel!« Und glaubt schon, irgendwo in Afrika gelandet zu sein. Dann schält sich unten auf der Straße eine schöne Blonde im Catsuit aus einer dunklen Limousine. Gegenüber gleißt eine schneeweiße Luxuswohnanlage im Abendlicht. Irgendwas fällt in dieser improvisierten Stadtlandschaft zwischen dem hippen Kreuzberg und der gediegenen Mitte aus der Rolle. Wie auch das Grimm’s, ein kleines, feines Hotel, das vor knapp zwei Jahren an der Alten Jakobstraße eröffnet hat.

Von außen einer dieser schicken Kästen, die man irgendwann einmal eindeutig mit den zehner Jahren in Verbindung bringen wird. Rhythmisch gegliederte Fassade mit abgerundeten Ecken, viel Anthrazit, gebürsteter Edelstahl. Doch schon der grobe Holztisch vor dem Eingang mildert den kühlen ersten Eindruck aufs Angenehmste. Die lichthelle Lobby durchziehen apfelgrüne Leuchtelemente, an der einen Wand prangt ein rätselhaftes Gemälde. Hirsche sind drauf, silberfarbene Scherenschnitte, Insekten und ganz viel Nichts. Als das Kind dann auf einem Fenstersims, gut verdeckt von den weißen Schalensitzen der Eheleute Eames, einen quietschbunten Froschkönig entdeckt, fällt auch bei der Mutter langsam der Groschen.

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Ist das coole Grimm’s etwa ein heimliches Märchenhotel? Das fragen viele, sagt Munib Preljevic, einer der Geschäftsführer. Die Antwort sei »ein klares Jein«. Im Grunde sei das Grimm’s das Ergebnis eines Namenswitzes. Preljevics Partner heißt Grimm, da lag es nahe, ein bisschen mit den Assoziationen zu spielen. Zumal die beiden Hotelmacher lange darüber nachgedacht haben, wie sie ihr Haus, das schön sein sollte, aber nicht teuer, aus der Einheitssuppe der hauptstädtischen Mittelklassehotels herausheben könnten. Design, klar, das muss in Mitte sein. Die Eames-Chairs in der Lobby, Artemide-Lampen über den Betten, Philippe Starck im Badezimmer. Sonst fühlen sich die Geschäftsreisenden, die dem Haus im ersten Jahr schon eine Auslastung von 75 Prozent beschert haben, womöglich nicht ernst genommen. Aber wer hat schon gerne das Gefühl, er übernachte in einer Möbelausstellung oder, noch schlimmer, im Büro?

Während die Mutter noch versonnen das dunkle Fischgrätparkett im Zimmer mustert (passt hervorragend zu den glatten weißen Oberflächen der Möbel, könnte sie sich auch zu Hause gut vorstellen), fällt der Blick der Tochter gleich aufs Wesentliche: die unfassbar kitschige Tapete – viele Veilchen, noch mehr Rosen und träumende Mädchen, so puttenhaft süß wie auf den Ansichtskarten von der vorvorigen Jahrhundertwende. »Die sind gar nicht tot, die schlafen nur«, sagt das Kind treffsicher. Ja, wir sind im Dornröschenzimmer gelandet.

Hotels unter 100 Euro

Es gibt in diesen Hotels keine Portiers mit goldbesetzten Gehröcken. Es gibt keine behandschuhten Butler und keine Keycards zum Öffnen der Zimmertüren. Es gibt hier niemanden, der einem weismacht, ohne Lomi-Lomi-Nui-Massage sei man nur ein halber Mensch. Es gibt weder High Tea noch Zimmerbutler und schon gar keinen Wagenmeister. Deshalb kann man in diesen Hotels zu bestimmten Zeiten auch schon für 99 Euro im Doppelzimmer schlafen, schlimmstenfalls ohne Frühstück, dafür aber zu zweit. Zwanzig besondere Hotels in Europa haben unsere Autoren besucht: das Forsthaus in den Masuren, das lauschige Strandhotel auf Elba oder die kunstvolle Lodge in Kärnten. Häuser, in denen trotz des niedrigen Preises eine Menge geboten wird – oder vielleicht gerade deshalb. Zum Beispiel findet man hier oft etwas, das die meisten Hotels zwar versprechen, aber nicht bieten können: Ruhe. Es gibt grandiose Ausblicke aufs Meer oder auf Wiesen, Wälder und Täler. Es gibt Wanderwege gleich vor der Tür. Es gibt Gastgeber, die ihre Besucher noch selbst empfangen und sie abends bekochen. Es geht, um es kurz zu machen, um so etwas wie Seele. In den hier vorgestellten Häusern gehört sie zur Grundausstattung.

Alle Hotels der Serie finden Sie hier.

Grimm's Hotel

Alte Jakobstraße 100, 10179 Berlin

Tel. 030/2844410-0, www.grimms-hotel.de. DZ ab 62 Euro

Bei Schneewittchen wäre der Stoff des Sofas ein wenig dunkler, die Tapete (schöne traurige Frauengesichter) ein wenig edler. Bei Tischlein, deck dich! schläft man unter lenkradgroßen Repliken von Kaviardosen: Beluga, der teure iranische, aber so Pop-Art-mäßig grellblau und gelb überbelichtet, dass sich die Gäste nicht gleich in ihren neureichen Konsumsehnsüchten ertappt fühlen müssen, sondern auch an Andy Warhols ironische Reproduktionen denken können. Oder sie freuen sich einfach über die intensiven Farben, die sie hier nicht erwartet hätten, die kleinen Stillosigkeiten, die sie erst nach und nach entdecken. Ist der blumenförmige Kleiderhaken Ernst oder Ironie? Das Herzchen am Schlüsselbund Kitsch oder Witz? Egal.

Der sensationelle Preis der Grimm’s-Zimmer ist das Ergebnis messerscharfer Kalkulation und der Kunst des Weglassens: keine Kosmetik im Bad, nur zwei Handtücher pro Person. Nähzeug und Bademäntel gibt es bei Bedarf an der Rezeption, die rund um die Uhr auch Bar ist. Im Übrigen müssen die Gäste recht viel selbst machen. Im Treppenhaus steht eine Schuhputzmaschine, beim üppigen Frühstück, das von sechs bis zehn in der Lobby aufgebaut wird, muss man sich sogar den Kaffee selbst holen.

Das Kind türmt ein halbes Glas Nutella auf ein Schokobrötchen. »Wir haben bei Dornröschen geschlafen!«, ruft es dann quer durch den Raum zu einem Nadelgestreiften, der sich mit Müsli und einem Stapel Zeitungen auf einen harten Tag vorbereitet. Für eine Sekunde entspannt sich das geschäftsmäßige Gesicht. »Ich beim Fischer und seiner Frau«, sagt er dann. Lächelnd und so leise, dass es sonst keiner hört. Draußen, am groben Holztisch, kratzt die schöne Catsuit-Blonde ganz und gar undamenhaft den letzten Schokorest aus einem feisten Frühstückskakao.

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