Die Lobby der Alten Lohnhalle

Industriekultur – das ist schon seit Jahren das Zauberwort, mit dem im Ruhrgebiet Kohlenstaub in Gold verwandelt werden soll. Zahllose aufgelassene Kokereien, Gebläsehallen, Kohlenwäschen zwischen Duisburg und Dortmund wurden zu Museen, Kneipen, Vergnügungsparks, auf dass Touristen aus der ganzen Welt kommen mögen, um die Dinosaurier des Montanzeitalters mit offenem Munde zu bestaunen. Aber stil- und themengerecht übernachten im Pütt? Schwierig. Das kann man nur an einem einzigen Ort: im Hotel Alte Lohnhalle in Essen-Kray.

»Dem Ruhri sein Vier Jahreszeiten«, hieß es darüber auf Plakaten, die Essen als Europas Kulturhauptstadt 2010 bewarben. Das ist vielleicht ein bisschen übertrieben, aber etwas ganz Besonderes ist dieses Haus in jedem Fall. Einst war die 1903 erbaute Lohnhalle das Herzstück der Zeche Bonifacius, auf der zu Bergbau-Hochzeiten 1,3 Millionen Tonnen Steinkohle pro Jahr gefördert wurden. Entsprechend großmächtig ist das Gebäude, in dem die mehr als 3000 Kumpel täglich ihre Schichtzettel und wöchentlich ihre Lohntüten abholten: Kathedralenartig strebt die neogotische Backsteinfassade mit Spitzbögen und Türmchen in die Höhe, und auch die riesige Halle gleich hinter dem Eingang – 170 Quadratmeter Grundfläche, 16 Meter hoch – hat Kirchenschiffdimensionen. Wer eintrat, sollte gleich begreifen, wie mächtig der Gott Kohle ist, dem hier gedient wurde.

Doch war es mit dessen Herrlichkeit bald vorbei, schon 1967 wurde Bonifacius stillgelegt. Danach dauerte es fast 40 Jahre, bis ein mutiger Dortmunder dem sinnlos gewordenen Weiheort nach diversen halbgaren Zwischennutzungen als Techno-Disco und Tonstudio neues Leben einhauchte. Heinrich Huke schrubbte eigenhändig die dicke Schicht Zechendreck vom erdroten Fliesenboden, rückte an die Stelle der Lohntütenausgabe eine Rezeption, einen Bartresen und ein kleines Restaurant, importierte mit zwei großen Sitzecken Gemütlichkeit in die Halle und fand Platz für zwei Tagungsräume und 17 Hotelzimmer.

Aus der Not, dass in so einem Gebäude nichts irgendeiner Norm gehorcht, hat Huke eine Tugend gemacht und jedes Zimmer zu einem Einzelstück geformt. Es gibt handliche Doppelzimmer mit Blick auf den denkmalgeschützten Förderturm, den ältesten erhaltenen seiner Art. Die »Steiger-Suite« dagegen besteht aus zwei geräumigen Zimmern, die man über den luftigen Umgang auf halber Höhe der großen Halle erreicht.

Hukes Frau, die Designerlampen und -sitzmöbel sammelt, hat ihre Schätze, vom Kronleuchter bis zum in Würde gealterten Lederfernsehsessel, gerecht im ganzen Haus verteilt. Das restliche Mobiliar ist mit überschaubarem Budget, aber stets geschmackssicher zusammengestellt – die Alte Lohnhalle ist keines dieser geleckten, chromblitzenden Designhotels, sondern Zeugnis eines gelebten Sammlertums, das sich nicht scheut, die ein oder andere Lücke bei Ikea zu schließen. Die Betten sind schlichtweg perfekt; in den schnörkellosen Bädern mischt sich das Erbe von Bauhaus und Waschkaue. Im ganzen Haus waltet der schöne Charme des ruhrpöttisch-liebevoll Gefrickelten, beschützt von einer kleinen Skulptur der heiligen Barbara, der Schutzpatronin der Bergleute, zu deren Füßen in der Lobby ein dicker Klumpen Fettkohle funkelt.

Mit der Besichtigung der Ruhr-Kultur kann man gleich vor dem Hotel weitermachen: Was von Bonifacius erhalten blieb, steht unter Denkmalschutz; mit der monatlichen Führung kommt man sogar auf den alten Förderturm. Unter den stattlichen Platanen zwischen Hoteleingang und ehemaliger Elektrowerkstatt macht sich ein netter Biergarten breit, in der Lampenstube, wo einst die Grubenlampen aufgeladen wurden, bringt heute ein Fitnesscenter die Köpfe der Trainierenden zum Glühen (für Hotelgäste kostenlos), in der Turbinenhalle schließlich findet sich ein bestens sortierter Weinhandel. Und irgendwann, wenn nach dem Kohle- auch das Autozeitalter vorbei sein wird, werden vielleicht sogar die Hallen des benachbarten Opel-Händlers und das typische Gewerbeparkmischmasch ringsum zum Kulturgut erklärt...

Weil die Alte Lohnhalle zwar nicht im Zentrum von Essen, wohl aber im Herzen der »Route der Industriekultur« liegt, ist es nicht weit zu den Höhepunkten des neuen Kohlenpotts. Zum Weltkulturerbe Zeche Zollverein zum Beispiel mit dem wirklich spektakulären neuen Ruhr Museum in der von Rem Koolhaas umgebauten Kohlenwäsche sind es keine sechs Kilometer. Am besten fährt man übrigens mit dem Rad – seit im Ruhrgebiet kaum mehr Schlote rauchen, erobert die Natur im großen Stil Terrain zurück. Und wer kein Bike sein Eigen nennt, dem wird in der Alten Lohnhalle ebenfalls geholfen – mit einem Leihrad.