Hotels unter 100 Euro : Romantik ohne Zuckerguss

Geheime Pfade zu den Klippen, Adelsgeschichten am Kamin – im Halftides Bed and Breakfast fühlen sich nicht nur Rosamunde-Pilcher-Fans wohl.

Ein Zimmer mit Meerblick macht Freude. Aber erst ein Zimmer, in dem man nichts hört als das Tosen der Wellen, lohnt einen langen Weg. In duftiger weißer Bettwäsche liegend, geschützt von den pastellfarbenen Wänden horcht man, wie der Atlantik vor dem Fenster tobt. Wenn man am nächsten Morgen aufwacht, plätschert er freundlich, und die Sonne lässt den Raum mit seinen rosa Kissen und hellblauen Vorhängen friedlich strahlen.

Das Halftides ist ein zierliches Haus. Hinter kleinen Erkern liegen nicht mehr als drei Gästezimmer. Die weiße Holzverkleidung scheint von Sturm und Regen unberührt geblieben zu sein, obwohl das Gebäude am Ende eines wilden Weges steht, der bis an die Klippen führt. Wir sind in Mullion am untersten Zipfel von Cornwall, im äußersten Südwesten von England. Dort, wo das Meer mit voller Wucht gegen das Festland wütet. »Hier hat die Natur ihre Launen«, sagt Susie Holdsworth Hunt. Sie ist die Herrin von Halftides.

Susie sieht ein bisschen aus wie die alterslos gewordene Musikerin Courtney Love, und man würde ihr niemals zutrauen, bereits fünffache Großmutter zu sein. Der Tag in Halftides beginnt mit ihrem Frühstück aus glücklichen Eiern, fröhlichen Früchten und tadellosem Toast. »Real food for real people« nennt die Hobbyköchin ihre Küchenphilosophie. »Die Kalorien verbrauchst du unterwegs.« Zum Halftides kommt man nämlich in erster Linie, um am Kamin zu lesen – oder um spazieren zu gehen. Wenige Schritte vom Haus entfernt schlängelt sich ein Pfad über eine Landzunge zur Bucht hinunter. Weit öffnet sich davor die Heidelandschaft, Gischtflocken wehen durch die Luft. Über den Sand kann man bis zur Wasserkante der Polurrian Cove laufen. Auf der anderen Seite der kleinen Bucht erklimmt man über steinerne Stufen den Klippenweg und befindet sich schon bald hoch über der Brandung. Wie ein Pelzkragen verlaufen an dieser obersten Felsenkante Brombeerhecken, in die Hohlwege geschlagen wurden. Wenn sie die Wanderer freigeben, zupft denen der Wind des Atlantiks an den Haaren. Immer wieder muss man stehen bleiben, um die Merkwürdigkeit dieser Landschaft zu bewundern. Sie ist mild und schroff zugleich, steil fallen die Felswände ab, aber die Wege verlaufen so sanft, dass man sie mühelos erklettert. Vom höchsten Punkt aus sieht man Halftides auf der anderen Seite klein und weiß an den Fels geklammert.

»Die Verfilmungen der Rosamunde-Pilcher-Romane haben uns viele Gäste aus Deutschland und der Schweiz beschert«, hat Susie beim Frühstück gesagt. In diesen Filmen erleiden wohlhabende Menschen Liebesverwirrungen in dramatischer Landschaft. Auf den Klippenpfaden von Mullion erkennt man die Nationalitäten von Weitem. Die Deutschen setzen auf Survival-Ausrüstung mit schwerem Schuhwerk, bis an die Zähne entschlossen, auch diesen Spaziergang zu überleben. Die Schweizer sind vom Kapotthütchen bis zu den Gummistiefeln so konsequent in Burberrykaros gewandet, wie es die Inselbewohner nicht mal in alten Edgar-Wallace-Filmen waren. Damit niemand bemerkt, dass sie keine Briten sind, verzichten sie auf das Grüßen. Die Einheimischen sind es, die in Schläppchen über die Böschungen balancieren und schon aus der Ferne »Good morning« rufen.

Vorbei an der Bucht von Mullion mit ihrem altertümlichen Hafenbecken, umwandern wir das Dörfchen in einem Halbkreis und betreten es dann quasi durch den Hintereingang. In der Nähe der Post stehen jahrhundertealte Steinhäuser, die von Rosen berankt sind. Weil der Golfstrom warme Luft bringt, gedeihen dazwischen auch Palmen.

»Passt auf, dass ihr den richtigen Rückweg erwischt«, riet Susie beim Aufbruch. Als Erstes biegen hinter Mullion die Laflouder Fields in Richtung Küste ab. Aber diese Straße geht durch eine reizlose Wohngegend. Erst die fast gleichnamige Laflouder Lane führt zwischen Steinhäusern und Zäunen entlang zum Halftides. Susie verriet einen Geheimtipp: »Nach ungefähr zehn Minuten biegt auf der linken Seite zwischen zwei Privatgrundstücken ein Pfad in die Heidelandschaft.« Ihm folgend, geraten wir an den Rand einer weiten Wiese und von dort auf einen Trampelpfad, der an beiden Seiten von dichtem Beerengestrüpp begrenzt ist. Gerade als wir glauben, uns verlaufen zu haben, kommt die Überraschung: In unbeschreiblicher Lieblichkeit blitzt am Horizont das Wasser der Bucht auf, und wir stehen wieder kurz vor den Klippen, direkt unterhalb von Halftides. Susie hat die Tür schon geöffnet. Die roten Wangen und zerstörten Frisuren der Gäste verraten ihr, dass man den Geheimpfad gefunden hat.

Für den Rest des Nachmittags darf man sich in ihr Wohnzimmer setzen, den Staffordshire-Terrier Ripples kraulen und glücklich sein, dass man hier gelandet ist. Susie setzt sich für ein Schwätzchen dazu. »Ich habe diese Gegend schon als Kind kennengelernt, beim Segelurlaub«, sagt sie. Mit ihrem zweiten Ehemann, Abkömmling einer der ältesten Adelsfamilien des Landes, beschloss sie vor zwanzig Jahren, hier zu leben. Der Mann kam irgendwann abhanden und ist heute Rauchentwöhnungstrainer in einer anderen Grafschaft. Aber Susie ist geblieben. Auf dem fetten Rasen von Halftides hoppeln ein paar wilde Hasen. Dahinter glitzert der Atlantik im Abendrot. Susie beherrscht auch die Kunst des Schweigens. Als später nur noch das Meer zu hören ist, wandert unser Blick über die Familienfotos. Der Sohn ist Szenegastronom in New York, die Tochter ging mit Kate Middleton zur Schule. Im Kamin prasselt das Feuer. Wir sind in Cornwall. Und es ist fast wie bei Rosamunde Pilcher.

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