Hotels unter 100 EuroOnline im Ohrensessel

Das Hoxton Hotel im Londoner East End empfängt die Generation Facebook mit wohlgesetzten Stilbrüchen, Entspanntheit und Gratis-WLAN. von 

London – wieder mal Regen. Der Verkehr rauscht durch die Great Eastern Street und sprüht das Wasser aus den Pfützen auf den Gehweg. Die Knöchel sind nass. Die Luft ist kalt. Es riecht nach Herbst. An einem großen Kasten mit glatter Fassade leuchten Neonröhren den Eingang grasgrün aus. Hier geht es ins Hoxton Hotel, die coolste Budget-Herberge in Londons coolstem Stadtteil. Nur vier Schritte von der Straße durch den großzügigen gläsernen Windfang, und man merkt erst richtig, wie klamm es draußen war. Aus zwei großen, altmodischen Kaminen strömt die wohltuende Wärme des Feuers. Davor sitzen und liegen junge Leute auf riesigen Sofas mit ihren Laptops auf dem Schoß. Die hohen Backsteinwände, behängt mit knalliger Kunst, verleihen der Lobby einen Loftcharakter. Aus der leise dudelnden Loungemusik und dem Gemurmel von hundert Stimmen verdichtet sich eine Atmosphäre von vollkommener Entspanntheit.

Das Wirrwarr der bunt zusammengewürfelten Einrichtung, die antiken Stehlampen neben ultramodernen Stühlen und skandinavisch strenge Sitzgruppen mit plüschigen Kissen, spiegelt auch den Stadtteil wider. In Hoxton prallen schon lange Gegensätze aufeinander. Vor 25 Jahren siedelten sich hier Künstlerkolonien in alten Lagerhäusern an, die bis dahin nur von Tauben bewohnt worden waren. Am Hoxton Square eröffnete die White Cube Gallery mit Künstlern wie Damien Hirst, Tracey Emin und Wolfgang Tillmans das Zeitalter der englischen Gegenwartskunst. Damals gab es hier noch keine schicken Restaurants, sondern Suppenküchen für die Obdachlosen. Nachts bevölkerten Prostituierte die Straßen.

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Heute sieht man keine Armut mehr; die Kreativität ist geblieben. Gleich um die Ecke vom Hotel, in der Rivington Street, gibt es verrückte Mode nach Maß zu kaufen. Alle paar Monate taucht ein neues Pop-up-Lokal auf. Altmodische viktorianische Pubs wie Bricklayers Arms oder George and Dragon werden von jungen Designern und Künstlern übernommen. Von abgewetzten Bars auf den Dächern einiger 70er-Jahre-Industrieruinen sieht man bis zu den gläsernen Hochhäusern der Finanzwelt in der City von London. Und doch wirkt sie so weit entfernt von der spontanen Hoxtoner Welt der Turnschuhe und T-Shirts.

Hotels unter 100 Euro

Es gibt in diesen Hotels keine Portiers mit goldbesetzten Gehröcken. Es gibt keine behandschuhten Butler und keine Keycards zum Öffnen der Zimmertüren. Es gibt hier niemanden, der einem weismacht, ohne Lomi-Lomi-Nui-Massage sei man nur ein halber Mensch. Es gibt weder High Tea noch Zimmerbutler und schon gar keinen Wagenmeister. Deshalb kann man in diesen Hotels zu bestimmten Zeiten auch schon für 99 Euro im Doppelzimmer schlafen, schlimmstenfalls ohne Frühstück, dafür aber zu zweit. Zwanzig besondere Hotels in Europa haben unsere Autoren besucht: das Forsthaus in den Masuren, das lauschige Strandhotel auf Elba oder die kunstvolle Lodge in Kärnten. Häuser, in denen trotz des niedrigen Preises eine Menge geboten wird – oder vielleicht gerade deshalb. Zum Beispiel findet man hier oft etwas, das die meisten Hotels zwar versprechen, aber nicht bieten können: Ruhe. Es gibt grandiose Ausblicke aufs Meer oder auf Wiesen, Wälder und Täler. Es gibt Wanderwege gleich vor der Tür. Es gibt Gastgeber, die ihre Besucher noch selbst empfangen und sie abends bekochen. Es geht, um es kurz zu machen, um so etwas wie Seele. In den hier vorgestellten Häusern gehört sie zur Grundausstattung.

Alle Hotels der Serie finden Sie hier.

Hoxton Hotel

81 Great Eastern Street, London EC2A 3HU

Tel. 0044-20/75501000, www.hoxtonhotels.com. DZ 61 Euro (wenn sechs Monate im Voraus gebucht wird).

Alle drei Monate werden fünf Zimmer für 1 Pfund pro Nacht angeboten

Das Hoxton Hotel gibt sich angenehm unkompliziert. Wer im Zimmer was trinken will, kauft sich ein Bier am Empfang. Man wird nicht lange herumgeschickt, jeder Angestellte hilft selbst, so gut er kann. Die Zimmer sind klein und doch großzügig: Man bekommt Lust, sie zu entdecken. In einem ist der Kleiderschrank ein alter Schrankkoffer. Der Tisch ist aus Treibholz zusammengehämmert und der Ohrensessel daneben mit schwerem Tweed bezogen. Und weil nichts zueinander passt, entsteht wie schon in der Lobby eine ganz eigene Harmonie. Bequem ist es außerdem: Das Bett ist garantiert größer als das eigene zu Hause. Der Internetzugang kostet nichts, ebenso wie Anrufe nach Europa und in die USA. Man kann sogar für ein Pfund übernachten, wenn man viel Glück hat und im richtigen Moment online bucht. Es ist ein Hotel für die Facebook-Generation, die individuell und schrullig sein will, dabei aber immer mit dem Rest der Welt vernetzt.

Nach dem Frühstück auf dem Zimmer – ein Proviantpaket aus Banane, O-Saft, Joghurt und Kaffee hängt morgens an der Türklinke – fühlt man sich bereit für die Expedition durch London. Die Stadt ist chaotisch, gegensätzlich, global und persönlich. Das Hoxton Hotel bereitet seine Gäste bestens darauf vor.

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