Als ich noch eine kleine Maus war, war es mein sehnlichster Wunsch, einmal über Nacht in unserer Keksdose eingeschlossen zu sein. Die Keksdose war von Oma, eine runde, mit goldenen Ranken dekorierte Porzellankostbarkeit, deren Deckel ab und zu gelüftet wurde, damit sich Kinderfinger einen Sahnekringel angeln konnten. Seltenst! Nun, nach einem halben Leben und mehr, ist es mir endlich gelungen, an einem Ort zu nächtigen, der besser ist als jede Keksdose. Number 10 in Haworth, Yorkshire. Ein schmales, sagen wir, ein Puppen-Haus, an der steilen, mit Kopfsteinen gepflasterten Main Street der kleinen Stadt gelegen, auf der vor hundert Jahren die drei Brontë-Schwestern auf ihren Tuch-Schühchen hin und her getrippelt sind – vermutlich über einen ihrer Romane schnatternd, Jane Eyre oder Charlotte oder Wuthering Heights. In Number 10 betreiben Claire und ihr Mann Billy The Coffee House mit eingelagertem Bed and Breakfast.

Das Haus hat nichts Barockes, was eine gute Nachricht ist in diesem England, wo viel gerüschelt wird. In Number 10: blank abgezogene Dielen, modernes Rattan, klar gestrichene Wände. Billy ist Maler. Er bekennt auch gleich Farbe, man erfährt mühelos, wie sehr er Claire liebt, und wer würde ihn nicht verstehen. Da liegt man in seinem Himmelbett, scharf eingepasst in ein Zimmerchen, von dem aus man die granitfarbenen Fassaden sieht, die sich aus der Stadt in die raue Heidelandschaft hinauswinden, und dann merkt man, wie etwas durch das Haus streicht. Ein Duft. Zitrone? Vanille? Butter? Claire backt. Dem Duft nach: fast die ganze Nacht.

Die Zimmer sind bequem, natürlich makellos gestrichen. Vielleicht hätte man nicht jede Lampe, jedes Bild genau so ausgewählt, aber was ist das gegen den überbordenden Luxus, der einen unten im Café erwartet, in dem Wählen zum Stammeln wird. God’s Own Ginger Cake? Himbeer- und Mandel-Torte? Klebriger Dattel- und Pecan-Topfkuchen? Chocolate Salted Caramel Cake, French Chocolate Cake, No. 10s berühmte dreifach geschichtete Brownies?

Claire ist eine Künstlerin. Rezepte? Wozu? Sie hat Ideen! Mühelos würde Claire in München oder Paris oder London die Konkurrenz an die Wand backen. Aber natürlich braucht man sie in Haworth, wo sie ihre Gäste wie Freunde empfängt, ihnen morgens die Himbeeren vorsichtig unter den frischen Obstsalat hebt, während Billy bei der Teeauswahl assistiert. Ein starker Englischer, zum Aufwachen? Lieber sanfter Ceylon? Gleich die Kaffeemischung No. 10? Costa Rica? Oder Monsooned Malabar? Mokka vielleicht erst am Nachmittag. Und danach Jamaica Blue Mountain, ein absolutes Must! (Schmeckt »wie Champagner«, sagt Billy.)

Man muss schon ein wenig bleiben in Number 10, um die Gläser mit den verschiedenen Kaffeesorten durchzuprobieren, die in den deckenhohen Regalen stehen. Man kostet und plaudert, gerne mit Claire, die früher im Brontë-Museum angestellt war und diesen Überschuss an Freundlichkeit verströmt, unter dessen Licht sogar die TB-verseuchte Vergangenheit der Brontës helle Seiten gewinnt. Waren die Schwestern nicht auch ausgelassen und fröhlich? Plappernd und kichernd, abends vor dem Kamin in der Pfarrei, während sie ihre schönen Kleider stichelten. Oder backten, Brot und Kuchen, mit Leidenschaft, fast so wie Claire. Die kann natürlich nicht immerzu plaudern, sondern muss zurück in die Küche. Und dann dauert es nicht lange, und man spürt ihn wieder, diesen Duft!