Europa ist die letzte erlaubte Ideologie. Genauer: Es wird von einigen seiner vehementesten Propagandisten dazu gemacht. Das hat der Kontinent nicht verdient, er muss in Schutz genommen werden vor seinen schärfsten Befürwortern.

Denn zuallererst ist Europa ja etwas, das man am liebsten nur mit den Fingerspitzen berühren würde, ein filigranes Gebilde, so gediegen alt und zugleich so zerbrechlich, so vielgestaltig schön und dabei mitten in der Krise. Mit der Europäischen Union hat der Kontinent ein sich beständig umgestaltendes Gehäuse seiner Geschichte und seiner Zukunft gefunden. Wegen der Krise wird nun etwas mehr umgestaltet als üblich. Notdürftig, hastig und unter dem Hochdruck der Märkte wurden in den letzten Jahren Maßnahmen ergriffen, um die Währung zu stabilisieren und die Staatshaushalte zu retten. Jetzt sollen die Provisorien durch einen soliden, in sich schlüssigen Rahmen ersetzt werden. Wie genau der aussehen soll, darüber wird – Europa halt! – viel gestritten. So weit, so gut.

Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr – und kriegt sie doch

Europa ist jedoch noch etwas anderes. Es dient als Feindbild vieler, denen die Globalisierung Angst macht, die keine Lust haben, für andere Länder und Regionen zu zahlen, auch für Leute mit einer inneren Dauerwut, die sich die EU zum Hassen ausgesucht haben. Diese Anti-EU-Populisten konnten bisher glücklicherweise die europäische Politik kaum dominieren, am wenigsten in Deutschland.

Schließlich gibt es noch ein drittes Europa, das der Europhoriker, jener, die immer möglichst viel Europa möglichst schnell haben wollen. Sie machen die EU zu einer Weltanschauung, missbrauchen sie als eine Ideologie. Wobei das Wort Ideologie hier nicht so benutzt wird, wie es sich mittlerweile eingebürgert hat, um eine Meinung, die einem nicht passt, zu verunglimpfen. Ideologie ist hier ganz streng politisch und historisch gemeint, als eine Denkweise aus dem vergangenen Jahrhundert mit bestimmten Merkmalen wie Apokalyptik, fehlender Falsifizierbarkeit, Entweder-oder-Denken, Anti-Reformismus und so weiter.

Anders als europafeindliche Populisten wie Umberto Bossi aus Italien, Geert Wilders aus den Niederlanden oder die Basis-Finnen sind die Euro-Ideologen keineswegs marginalisiert, sie prägen die Debatten zentral mit, ihre Argumente kommen in etwas abgemilderter Form auch bei vielen Regierungspolitikern vor, beim Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker etwa oder bei Wolfgang Schäuble. Oft verderben ideologische Denkmuster die Diskussion, im schlimmsten Fall liefern sie den Populisten von rechts Munition.

Eine neue Apokalyptik oder: Der Untergang ist nah!

Die Wortführer dieser Europhoriker sind angesehene Intellektuelle wie Ulrich Beck, Robert Menasse oder Daniel Cohn-Bendit. Bei ihrem Versuch, durch ein vollständig integriertes Europa mit bedeutungslosen Nationalstaaten den Dämonen der Vergangenheit zu entfliehen, landen sie genau dort, in der Vergangenheit, in der Ideologie und im Wilhelminismus.

Europa ist »ein Kontinent geschlagen mit Blindheit, ohne Ehrgeiz, ohne Ausstrahlung und ohne Hoffnung«. Er befindet sich nicht bloß ökonomisch oder fiskalisch in der Krise, sondern: »wirtschaftlich, demografisch, ökologisch, politisch und institutionell«. Das schreiben nicht etwa eingefleischte Feinde der EU oder Spötter aus Übersee, sondern Daniel Cohn-Bendit und Guy Verhofstadt, ein Deutsch-Franzose und ein Belgier, beide profilierte Europapolitiker. Cohn-Bendit stand früher einmal als jugendlicher Revolutionär auf den Pariser Barrikaden der späten sechziger Jahre, Verhofstadt wäre um ein Haar Kommissionspräsident geworden, wenn Angela Merkel das nicht verhindert hätte.

Nun malen sie in ihrem Europa-Manifest den Kontinent in den schwärzesten Farben und raunen, dass es noch weit schlimmer komme, wenn nicht die sofortige vollständige europäische Einigung begonnen wird: Dann »verlieren wir unwiderruflich jede Hoffnung, in der globalisierten Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts eine maßgebliche Rolle zu spielen«. Es droht »der Einfluss unserer zweitausendjährigen Kultur einfach weggefegt zu werden«. »Wir dürfen nicht länger hinnehmen, dass europäische Nationalstaaten jeden Bürger, jeden Untertan innerhalb der eigenen Grenzen einschließen wollen.« Wohlgemerkt, sie reden hier von Europa, nicht von der DDR.

Doch nicht nur Europa selbst droht der Untergang, auch die Welt ist in allerhöchster Gefahr, es stehen uns nämlich »Handelskonflikte im großen Stil und neue internationale Kriege« bevor.

Warum machen so besonnene und im Falle von Cohn-Bendit sogar sonnige Menschen so was? Zurzeit versuchen die Europhoriker etwas Paradoxes: Sie wollen am depressivsten und schwierigsten Punkt der EU den größten Sprung nach vorn bewerkstelligen. Ihr Argument lautet: Gerade weil es so schwierig ist, müssen wir umso schneller voranschreiten. Das ist natürlich extrem kontraintuitiv, weil jeder gewöhnliche Bürger erst einmal sagt, wenn etwas nicht so gut funktioniert, lieber etwas Vorsicht walten lassen. Genau darum steigern Cohn-Bendit und Verhofstadt die apokalyptische Dosis.

 Es muss ganz schlimm kommen, damit es besser wird

Entweder – oder, jetzt oder nie, Schwarz oder Weiß

Karl Popper, der große Philosoph der Nüchternheit, hat es als ein Kennzeichen von Ideologien bezeichnet, dass sie nicht falsifizierbar, also nicht widerlegbar sind. So verhält es sich auch bei den Europhorikern. Auf jede Störung in der EU, auf jeden vernünftigen Zweifel, ob man denn auf dem richtigen Weg sei, antworten sie: Gegen Schwächen der EU hilft nur noch viel mehr EU! Es ist offenkundig, dass die Menschen einem solchen Denken nur folgen, wenn sie sonst keinen Ausweg mehr wissen. Und genau diese Ausweglosigkeit, soll ihnen eingeredet werden.

»Deutschland steht vor der Entscheidung über Sein oder Nicht-Sein Europas.« Das schrieb der Soziologe Ulrich Beck kürzlich im Spiegel. Sein oder Nichtsein, entweder – oder, jetzt oder nie, wer, wenn nicht wir? – so haben alle ideologischen Führer des letzten Jahrhunderts geredet. Bei den beiden erhitzten Europapolitikern Cohn-Bendit und Verhofstadt führt das zu einem fast schon kuriosen revolutionären Gestus, feurig rufen sie ihre imaginären Europagenossen auf: »Nur feige, faule und kurzsichtige Staats- und Regierungschefs können das nicht begreifen. Rüttele sie wach. Lass sie keinen Tag unbehelligt.« Haben Sie heute schon Ihren Politiker wachgerüttelt?

Interessant ist das Wort »feige«, soll es doch suggerieren, dass Angela Merkel oder Frankreichs Staatspräsident François Hollande nur deshalb nicht den großen Sprung nach vorn wollen, weil sie Angst haben, abgewählt zu werden. Wenn das stimmt, dann aber nur, weil es in Europa für all das einfach keine Mehrheiten gibt, weil die Menschen noch nicht genug Angst haben und sich auch nicht machen lassen wollen.

So sieht das auch Robert Menasse, der auf ZEIT ONLINE die Beseitigung des Europäischen Rats und damit die Entmachtung der nationalen Regierungen fordert: »Die Abschaffung des Rats wird mit den gegenwärtigen politischen Eliten nicht zu machen sein. Es muss womöglich erst alles zusammenbrechen, die politischen Sonntagsredner werden vor den rauchenden Trümmern ihrer Politik stehen müssen – um dann erst die Größe aufzubringen, ganz betroffen wieder einmal zu sagen. ›Wir wollen eine Welt aufbauen, in der das nie wieder passieren kann.‹« Mit der Formulierung »nie wieder« gemahnt Menasse hier selbstverständlich an den Zweiten Weltkrieg, er beschwört eine heilende Katastrophe herauf.

Das Grundmuster jedenfalls ist original 20.-Jahrhundert-Ideologie: Es muss ganz schlimm kommen, damit es besser werden kann. Auch er, man kann es kaum glauben, redet hier über das Europa, in dem wir alle leben.

Wer hat uns verraten? Man leistet es sich wieder, Feinde zu haben

Wenn man sich erst mal so hineingesteigert hat in den Untergang, dann hat man auch sich selbst entsichert, dann darf man wieder reden wie früher: »Nur ein Frontalangriff kann uns noch retten.«, »Demaskiere den engstirnigen Konservatismus.« Das hatte sich der alte linke Exrevolutionär Dany Cohn-Bendit eigentlich abgewöhnt, dem politischen Gegner eine Maske vom Gesicht zu reißen, anstatt bloß seine Argumente zu widerlegen. In seinem zur Ideologie verzerrten Europa scheint das wieder erlaubt zu sein.

Auch Robert Menasse gibt Einblick in seinen Wuthaushalt, er hat die Geduld verloren, möchte wegfegen: »Mittelfristig kann man auch die nationalen Parlamente abschaffen. In so einem Europa müssten wir uns nicht mehr mit so irrationalen Phänomenen herumschlagen, wie zum Beispiel, dass der Herr Cameron, obwohl seine Nation nicht einmal bei der Europäischen Währungsunion mitmacht, eine gemeinsame europäische Finanzpolitik blockieren kann, um seinen Finanzspekulationsmarkt London City zu schützen.« Das also ist die Idee: Menasse glaubt, Interessen und Menschen zum Schweigen bringen zu können, wenn man ihnen nur die Chance nimmt, sich parlamentarisch zu äußern. Eine Fundamentalreform der europäischen Demokratie, weil einige Österreicher einigen Briten nicht mehr zuhören wollen? Und das soll dann der Geist Europas sein?

Auch der Antireformismus kehrt in dieser europäischen Ideologie wieder. Wie zu Weimarer Zeiten, als sich Sozialdemokraten von Kommunisten des Reformismus zeihen lassen mussten, so werden von Cohn-Bendit und Verhofstadt nun die revolutionären europäischen Massen aufgefordert, sich niemals vom System einschläfern zu lassen: »Eine radikale Umwälzung ist nötig. Eine veritable Revolution.«, »Verweigere allzu träge Reformen.«

Nirgends wirkt der Gedanke, dass der Nationalstaat überwunden werden muss, zunächst so plausibel wie in Deutschland. Zwei Mal hat übersteigerter Nationalismus im vergangenen Jahrhundert mit in den Untergang geführt.

 Europhorikern ist der europäische Nationalstaat fast peinlich

Europas Platz an der Sonne oder: Der Euro-Wilhelminismus

Auf den zweiten Blick ist die Sache etwas anders. Das Argument, nur ein vereinigtes Europa könne sich in einer veränderten Welt mit den Machtzentren USA, Indien, Brasilien, Russland und China behaupten, hat natürlich etwas für sich. (Wenngleich ein einiges Europa bei der Klimakonferenz von Kopenhagen vor drei Jahren bei den anderen Mächten schlicht abgeblitzt ist, während ein gespaltenes Europa es immerhin geschafft hat, die USA zu einer Libyen-Intervention zu bewegen.) Einig ist in der Regel sicher besser. Nur ist Selbstbehauptung eben ein eiskalt realpolitisches Argument, im Nachgeschmack etwas wilhelminisch, Europa will sich seinen Platz an der Sonne sichern, das kann es wollen, sollte darum jedoch nicht so viel Trara und Tätä machen.

Zudem sind die Staaten, mit denen Europa da künftig zu tun hat, überwiegend Nationalstaaten. Auch die USA, die den meisten Euro-Staatsprotagonisten als Vorbild für ein einiges Europa dienen, sind eine Nation. Es geht also in Wirklichkeit nicht um die Frage, Nation oder nicht, es geht vielmehr um Größe und Geltung.

Offenbar ist den Europhorikern der europäische Nationalstaat fast peinlich, während sie ihn woanders geradezu bewundern. Zu diesem Minderwertigkeitskomplex gesellt sich – leider wieder ähnlich wie bei Wilhelm II. – ein bisschen Größenwahn. Wenn Europa sich nicht vereinigt, drohen ja angeblich, wir sahen es schon, weltweit Kriege, ohne Europa ist auch die Klimakatastrophe nicht zu verhindern, sagen etwa die Grünen. Selbst der hochvernünftige Bundestagspräsident Norbert Lammert kokettierte bei seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit mit diesem Gedanken: Die europäische Einigung sei »der historisch einzigartige, beispiellose und zugleich beispielhafte Weg ihrer Mitgliedsstaaten, nationale Souveränitätsrechte zu übertragen.« Beispiellos und zugleich beispielhaft? Am europäischen Wesen? Geht’s denn nicht auch mal halblang? Wollen wir den alten europäischen Kolonialismus nun in der Stuhlkreis-Variante wiederholen? Kann man nicht einfach sagen, dass Europa seinen Weg sucht und die anderen ihren und dann mal sehen?

Man muss schon sehr achtgeben, nicht den alten Nationalismus auf Europa zu projizieren, anstatt ihn zu überwinden. Und es ist sowenig immer derjenige der beste Europäer, der am meisten Europa will, wie der beste Deutsche derjenige ist, der am meisten Deutschland möchte.

Wie seltsam, dass an sich vernünftige Leute heute wieder so ideologisch daherreden, und das ausgerechnet über Europa, unseren armen, durch allzu viel selbst gemachten Schaden einigermaßen klug gewordenen Kontinent. Lieber Dany Cohn-Bendit, lieber Guy Verhofstadt, lieber Robert Menasse, lieber Ulrich Beck, haben wir nicht alle gelernt, dass von einer bestimmten Temperatur an jeder politische Gedanke falsch wird? Man kann in Europa wirklich über alles sprechen, über jede noch so weitgehende Reform, kein Problem, wirklich. Aber nicht in diesem Ton. Hört auf damit!