Europas Platz an der Sonne oder: Der Euro-Wilhelminismus

Auf den zweiten Blick ist die Sache etwas anders. Das Argument, nur ein vereinigtes Europa könne sich in einer veränderten Welt mit den Machtzentren USA, Indien, Brasilien, Russland und China behaupten, hat natürlich etwas für sich. (Wenngleich ein einiges Europa bei der Klimakonferenz von Kopenhagen vor drei Jahren bei den anderen Mächten schlicht abgeblitzt ist, während ein gespaltenes Europa es immerhin geschafft hat, die USA zu einer Libyen-Intervention zu bewegen.) Einig ist in der Regel sicher besser. Nur ist Selbstbehauptung eben ein eiskalt realpolitisches Argument, im Nachgeschmack etwas wilhelminisch, Europa will sich seinen Platz an der Sonne sichern, das kann es wollen, sollte darum jedoch nicht so viel Trara und Tätä machen.

Zudem sind die Staaten, mit denen Europa da künftig zu tun hat, überwiegend Nationalstaaten. Auch die USA, die den meisten Euro-Staatsprotagonisten als Vorbild für ein einiges Europa dienen, sind eine Nation. Es geht also in Wirklichkeit nicht um die Frage, Nation oder nicht, es geht vielmehr um Größe und Geltung.

Offenbar ist den Europhorikern der europäische Nationalstaat fast peinlich, während sie ihn woanders geradezu bewundern. Zu diesem Minderwertigkeitskomplex gesellt sich – leider wieder ähnlich wie bei Wilhelm II. – ein bisschen Größenwahn. Wenn Europa sich nicht vereinigt, drohen ja angeblich, wir sahen es schon, weltweit Kriege, ohne Europa ist auch die Klimakatastrophe nicht zu verhindern, sagen etwa die Grünen. Selbst der hochvernünftige Bundestagspräsident Norbert Lammert kokettierte bei seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit mit diesem Gedanken: Die europäische Einigung sei »der historisch einzigartige, beispiellose und zugleich beispielhafte Weg ihrer Mitgliedsstaaten, nationale Souveränitätsrechte zu übertragen.« Beispiellos und zugleich beispielhaft? Am europäischen Wesen? Geht’s denn nicht auch mal halblang? Wollen wir den alten europäischen Kolonialismus nun in der Stuhlkreis-Variante wiederholen? Kann man nicht einfach sagen, dass Europa seinen Weg sucht und die anderen ihren und dann mal sehen?

Man muss schon sehr achtgeben, nicht den alten Nationalismus auf Europa zu projizieren, anstatt ihn zu überwinden. Und es ist sowenig immer derjenige der beste Europäer, der am meisten Europa will, wie der beste Deutsche derjenige ist, der am meisten Deutschland möchte.

Wie seltsam, dass an sich vernünftige Leute heute wieder so ideologisch daherreden, und das ausgerechnet über Europa, unseren armen, durch allzu viel selbst gemachten Schaden einigermaßen klug gewordenen Kontinent. Lieber Dany Cohn-Bendit, lieber Guy Verhofstadt, lieber Robert Menasse, lieber Ulrich Beck, haben wir nicht alle gelernt, dass von einer bestimmten Temperatur an jeder politische Gedanke falsch wird? Man kann in Europa wirklich über alles sprechen, über jede noch so weitgehende Reform, kein Problem, wirklich. Aber nicht in diesem Ton. Hört auf damit!