EuropaDer große Sprung nach vorn

Europhoriker wie Daniel Cohn-Bendit, Robert Menasse oder Ulrich Beck machen aus Europa eine Ideologie. Das hat der Kontinent nicht verdient. von 

Europa ist die letzte erlaubte Ideologie. Genauer: Es wird von einigen seiner vehementesten Propagandisten dazu gemacht. Das hat der Kontinent nicht verdient, er muss in Schutz genommen werden vor seinen schärfsten Befürwortern.

Denn zuallererst ist Europa ja etwas, das man am liebsten nur mit den Fingerspitzen berühren würde, ein filigranes Gebilde, so gediegen alt und zugleich so zerbrechlich, so vielgestaltig schön und dabei mitten in der Krise. Mit der Europäischen Union hat der Kontinent ein sich beständig umgestaltendes Gehäuse seiner Geschichte und seiner Zukunft gefunden. Wegen der Krise wird nun etwas mehr umgestaltet als üblich. Notdürftig, hastig und unter dem Hochdruck der Märkte wurden in den letzten Jahren Maßnahmen ergriffen, um die Währung zu stabilisieren und die Staatshaushalte zu retten. Jetzt sollen die Provisorien durch einen soliden, in sich schlüssigen Rahmen ersetzt werden. Wie genau der aussehen soll, darüber wird – Europa halt! – viel gestritten. So weit, so gut.

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Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr – und kriegt sie doch

Europa ist jedoch noch etwas anderes. Es dient als Feindbild vieler, denen die Globalisierung Angst macht, die keine Lust haben, für andere Länder und Regionen zu zahlen, auch für Leute mit einer inneren Dauerwut, die sich die EU zum Hassen ausgesucht haben. Diese Anti-EU-Populisten konnten bisher glücklicherweise die europäische Politik kaum dominieren, am wenigsten in Deutschland.

Schließlich gibt es noch ein drittes Europa, das der Europhoriker, jener, die immer möglichst viel Europa möglichst schnell haben wollen. Sie machen die EU zu einer Weltanschauung, missbrauchen sie als eine Ideologie. Wobei das Wort Ideologie hier nicht so benutzt wird, wie es sich mittlerweile eingebürgert hat, um eine Meinung, die einem nicht passt, zu verunglimpfen. Ideologie ist hier ganz streng politisch und historisch gemeint, als eine Denkweise aus dem vergangenen Jahrhundert mit bestimmten Merkmalen wie Apokalyptik, fehlender Falsifizierbarkeit, Entweder-oder-Denken, Anti-Reformismus und so weiter.

Anders als europafeindliche Populisten wie Umberto Bossi aus Italien, Geert Wilders aus den Niederlanden oder die Basis-Finnen sind die Euro-Ideologen keineswegs marginalisiert, sie prägen die Debatten zentral mit, ihre Argumente kommen in etwas abgemilderter Form auch bei vielen Regierungspolitikern vor, beim Euro-Gruppenchef Jean-Claude Juncker etwa oder bei Wolfgang Schäuble. Oft verderben ideologische Denkmuster die Diskussion, im schlimmsten Fall liefern sie den Populisten von rechts Munition.

Eine neue Apokalyptik oder: Der Untergang ist nah!

Die Wortführer dieser Europhoriker sind angesehene Intellektuelle wie Ulrich Beck, Robert Menasse oder Daniel Cohn-Bendit. Bei ihrem Versuch, durch ein vollständig integriertes Europa mit bedeutungslosen Nationalstaaten den Dämonen der Vergangenheit zu entfliehen, landen sie genau dort, in der Vergangenheit, in der Ideologie und im Wilhelminismus.

Europa ist »ein Kontinent geschlagen mit Blindheit, ohne Ehrgeiz, ohne Ausstrahlung und ohne Hoffnung«. Er befindet sich nicht bloß ökonomisch oder fiskalisch in der Krise, sondern: »wirtschaftlich, demografisch, ökologisch, politisch und institutionell«. Das schreiben nicht etwa eingefleischte Feinde der EU oder Spötter aus Übersee, sondern Daniel Cohn-Bendit und Guy Verhofstadt, ein Deutsch-Franzose und ein Belgier, beide profilierte Europapolitiker. Cohn-Bendit stand früher einmal als jugendlicher Revolutionär auf den Pariser Barrikaden der späten sechziger Jahre, Verhofstadt wäre um ein Haar Kommissionspräsident geworden, wenn Angela Merkel das nicht verhindert hätte.

Nun malen sie in ihrem Europa-Manifest den Kontinent in den schwärzesten Farben und raunen, dass es noch weit schlimmer komme, wenn nicht die sofortige vollständige europäische Einigung begonnen wird: Dann »verlieren wir unwiderruflich jede Hoffnung, in der globalisierten Welt des einundzwanzigsten Jahrhunderts eine maßgebliche Rolle zu spielen«. Es droht »der Einfluss unserer zweitausendjährigen Kultur einfach weggefegt zu werden«. »Wir dürfen nicht länger hinnehmen, dass europäische Nationalstaaten jeden Bürger, jeden Untertan innerhalb der eigenen Grenzen einschließen wollen.« Wohlgemerkt, sie reden hier von Europa, nicht von der DDR.

Doch nicht nur Europa selbst droht der Untergang, auch die Welt ist in allerhöchster Gefahr, es stehen uns nämlich »Handelskonflikte im großen Stil und neue internationale Kriege« bevor.

Warum machen so besonnene und im Falle von Cohn-Bendit sogar sonnige Menschen so was? Zurzeit versuchen die Europhoriker etwas Paradoxes: Sie wollen am depressivsten und schwierigsten Punkt der EU den größten Sprung nach vorn bewerkstelligen. Ihr Argument lautet: Gerade weil es so schwierig ist, müssen wir umso schneller voranschreiten. Das ist natürlich extrem kontraintuitiv, weil jeder gewöhnliche Bürger erst einmal sagt, wenn etwas nicht so gut funktioniert, lieber etwas Vorsicht walten lassen. Genau darum steigern Cohn-Bendit und Verhofstadt die apokalyptische Dosis.

Leserkommentare
    • fbreuer
    • 27. Oktober 2012 22:02 Uhr

    Dem Aufruf die Europa-Diskussion doch etwas rationaler anzugehen, kann ich voll und ganz zustimmen. Aber die Behauptung Anti-EU-Populismus sei nicht weit verbreitet, ist schlicht falsch. Sowohl die Zeit als auch unsere Bundeskanzlerin vertreten ja gern die Haltung "Wer über seine Verhältnisse gelebt hat muss eben den Gürtel enger schnallen. Austerity ist deswegen alternativlos." Das hat leider mehr mit Stammtisch gemein, als mit einer rationalen volkswirtschaftlichen Analyse. Und auch in diesem Artikel schwingt ein gewisses Maß deutscher Selbstgefälligkeit mit, nach dem Motto "Uns geht es doch gut, wo liegt das Problem?" Da ist es schon ganz gut wenn jemand den selbstzufriedenen durchaus populistischen Diskurs in Deutschland etwas aus der Komfortzone holt.

    • ThorHa
    • 27. Oktober 2012 22:55 Uhr

    Besonders große Probleme - wie die Eurokrise - verlangen Nüchternheit und Augenmaß. Mut danach, wenn eine Lösung als richtig erkannt wurde.
    Strategisch ist das Vorgehen der Europhoriker nachvollziehbar. Ihnen brechen in Europa auch unter den Eliten die für selbstverständlich gehaltenen Mehrheiten weg. Da kommt eine große Krise ganz gelegen für TINA. Unterstützt übrigens natürlich auch in der ZEIT - kleiner Blick ins Herdentrieb-Blog gefällig?

    • thbode
    • 27. Oktober 2012 23:00 Uhr

    Die Verzweiflung über die unglaubliche Verworrenheit der Lage lässt tatsächlich bei vielen die Sicherungen durchknallen. Und ewildes vorwärts stürmen zur totalen Vereinigung als letzten Ausweg sehen. Dass das verrückt wäre liegt eigentlich auf der Hand:

    1. niemand weiß ob das wirklich Probleme löst oder zum finalen Crash führt. Aber scheinbar ertragen manche die Unsicherheit nicht mehr und nehmen das in Kauf.
    2. Dieser Vorgang wäre absolut nicht von den Völkern und einer inneren Bejahung getragen sondern nur von Teilen der Eliten. Eine Unverschämtheit gegenüber den Menschen in Europa also.
    3. Der Anlass könnte nicht verkehrter sein: letztlich rein finanzpolitische Probleme die damit gelöst werden sollen.
    4. Der Nationalstaat Europa wäre ein aufgeblasener Popanz, der gerade Deutschen, die gerne wieder national fühlen möchten sich aber nicht mehr trauen, gelegen käme.
    5. Dieses bürokratische Monster wäre noch deutlich kälter und unsozialer, ferner den realen Menschen, als die Staaten es jetzt schon sind. Das Kapital würde sich freuen über die große Spielwiese.

  1. Die wunderbare Fata morgana eines einigen Europa wird vermarktet wie eine religiöse Verheißung, ein irdisches Paradies, ein Nirwana, das dereinst erstehen wird, solange die Gläubigen nur immer an ihrem Glauben festhalten (und stets fleißig Geld beisteuern, versteht sich). Es ist genau so real wie das an die Decke gemalte Paradies in der Wieskirche.

    • Ingor
    • 27. Oktober 2012 23:41 Uhr

    Die weningsten werden etwas gegen die Idee eines geeinigten Europa haben. Das Problem ist nicht das "ob", sondern das "wie". Da wendet sich der Bürger mit Grausen ab. Elemente der nationalen Souveränität sollen nach Brüssel abgegeben werden, nicht nach Straßburg. Keiner möchte die Demokratie gegen ein bürokratisches Monster eintauschen.

    • Oyamat
    • 27. Oktober 2012 23:42 Uhr

    Diese, also historisch diese "Europäische Union" ist Verrat am Friedens- und Einheitswillen der Europäer, die beides haben, die sich also Frieden und Einheit wünschen. Diese Europäische Union war von Anfang an ein Wirtschaftsprojekt. Immer dann, wenn die dadurch erzielten Gewinne die Gier der Bosse nicht mehr sattmachen, wird nach Solidarität aller (also vor allem sehr vieler armer, machtloser Leute) mi allen (also auch den Reichsten) geschrien. Sobald dann wieder Geld zu scheffeln ist, hat's mit der Solidarität ein jähes Ende. Gewinne privatisieren, Verluste sozialisieren.

    Wenn Europa zerbricht, dann daran!

    MGv Oyamat

  2. 15. [...]

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  3. Ein guter Artikel. Die Eurozentristen sehen gar nicht mehr das Autoritäre in ihrer Argumentation, die nur lautet "Muß!". Und das EU-Parlament ist noch weit davon entfernt eine echte Volksvertretung zu sein, nicht bei dem undemokratischen Stimmengewicht.

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    Das sollte man doch erst einmal vor der eigenen Haustüre kehren, oder? Ein Bürger Bremens hat durch den Bundesrat einem mehr als 10-Mal so großen Einfluss, wie ein Bürger aus NRW. Ostdeutschland hat dort mehr Einfluss, als die drei bevölkerungsreichsten Bundesländer, die ungefähr die Hälfte der deutschen Bevölkerung ausmachen. Es hat schon seinen Grund, warum immernoch die hohen Zahlungsströme in den Osten aufrecht erhalten werden. Da wird sich auch nicht viel dran ändern. Ohne das Wohlwollen der Ostländer ist keine Politik in Deutschland zu machen.

    Die EU hat damals den Schwachsinn von Deutschland übernommen.

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