Was macht die europäische Jugend? Nichts. Sie wandert aus, hängt ab, ist verzweifelt, weil sie arbeitslos ist . Na ja, nicht alle natürlich, aber doch viel zu viele. Der britische Regisseur Ken Loach hat einen Film über diese Jugend gemacht. Angels’ Share heißt er, und alle vier Hauptcharaktere sind nicht nur arbeitslos, sie waren im Knast und stehen zu Beginn des Films wieder vor dem Richter. Vier Gesichter in Nahaufnahme, die Stimme des Anklägers aus dem Off. Es treten auf: der treudoofe Albert mit Glatze und Brille, der auf Gleisen rumgetorkelt ist; Mo mit roter Strähnchenfrisur, die einen Papagei geklaut hat; Rhino, der Prototyp-Schotte mit rotblonden Raspelhaaren, der auf Denkmäler uriniert hat; und der kleine, schmächtige Robbie mit den großen Segelohren, der jemanden brutal zusammengeschlagen hat.

Es ist eine kleine Truppe der Hoffnungslosen, die diesmal nicht ins Gefängnis, sondern in die sozialen Auffangbecken geschickt wird. Der Glasgower Richter ist gnädig, gibt allen vier Sozialstunden. Und dort, unter der Oberaufsicht des bärig fürsorglichen Sozialarbeiters Harry (John Henshaw), nähern sich Ken Loachs Schützlinge der Gesellschaft an.

Loach ist der Meister des sogenannten Kleine-Leute-Films, der Sozialrebell des britischen Kinos. Seit den Sechzigern erzählt er von unschuldig in Not geratenen Eltern, die ihre Arbeit, ihre Bleibe oder ihre Kinder verlieren, wie in Cathy Come Home oder Ladybird. Er erzählt in Raining Stones von einem Arbeitslosen, der auf findige Weise das Geld für das Kommunionskleidchen seiner Tochter auftreibt. Und in Sweet Sixteen von einem Jugendlichen , der mit Kokain dealt, weil er seiner Mutter nach ihrer Entlassung aus dem Gefängnis ein besseres Leben schenken will.


Angels’ Share
fügt sich nahtlos in diese Reihe ein. Mit seiner Sympathie und tiefen Empathie für die Schwachen wird ein solcher Film in unseren Krisenzeiten aber umso mehr zu einem Kontrapunkt. Loach gibt den jungen "Nichtsnutzen" ihre Würde zurück – auch indem sie sich selbst spielen dürfen. Hauptdarsteller Paul Branningan trank, rauchte, prügelte sich, saß drei Jahre im Gefängnis, bis ihn Loach als Schauspieler entdeckte. Jetzt spielt er mit der Energie eines Stehaufmännchens die Figur des Robbie, der sich in Clanfehden aufreibt, gerade Vater geworden ist und nach einer letzten Chance im Leben sucht. Harry, der Sozialarbeiter, gibt sie ihm. Er kümmert sich väterlich um seine Truppe, macht mit ihnen einen Ausflug zu einer Whiskymesse. Dort kriegen sie mit, dass es bald eine Auktion geben soll, bei der der teuerste Whisky der Welt verkauft wird, und die vier machen sich auf den Weg, um ein bisschen für sich abzuzapfen.

"Füttert nicht so oft die Spielautomaten, macht was draus", wird Robbie seinen Kumpanen später zurufen. Es ist der Rat eines Geläuterten, der im Sozialkitschverdacht stünde, wäre er nicht der ernste Kern des humorigen Ken-Loach-Kosmos. Der Regisseur zeigt, dass auch die vermeintlich ärmsten Schweine für sich selbst sorgen können, wenn sie von irgendjemandem ein wenig Vertrauen geschenkt bekommen. Könnte man hoffnungsfroher und schwungvoller von einer verzweifelten, arbeitslosen europäischen Jugend erzählen?