Manchmal reicht der Ruf von Michael Stenger bis nach Kabul, Bagdad und Mogadischu. Wenn seine zukünftigen Schüler in München ankommen, sie erschöpft, hungrig und müde sind, sie unzählige Kilometer auf engen Ladeflächen oder gar zu Fuß zurückgelegt haben, wissen sie oft nicht mehr viel. Sie haben keine Ahnung, wo genau sie sich gerade befinden, kennen weder die Stadt München noch das Bundesland Bayern. Aber Michael Stenger, den kennen sie. »Großer Mann, viele Haare«, sagen die Jugendlichen dann, so erzählen es die Mitarbeiter in den Münchner Auffanglagern. Es sind oft die paar wenigen Wörter, die sie in der fremden Sprache können. Sozialarbeiter oder Vormünder bringen die Jugendlichen dann zu ihm.

Michael Stenger, 53, ist Schulleiter der SchlaU-Schule, einer Schule für Minderjährige, die ohne Eltern aus ihren Heimatländern nach Deutschland geflohen sind. Mehr als 1000 solcher Flüchtlinge kommen jedes Jahr nach Deutschland, aus Ländern wie Afghanistan, dem Irak oder Somalia. Genaue Zahlen gibt es nicht. Gezählt werden nur die, die einen offiziellen Antrag auf Asyl stellen, und das sind bei Weitem nicht alle. Um die 1300 waren es im Jahr 2009, 2011 schon 2100, Tendenz steigend.

Ob diese Kinder in Deutschland zur Schule gehen dürfen oder sogar müssen, dafür gibt es kein bundesweit gültiges Gesetz. Das Grundrecht auf einen Schulbesuch für Flüchtlinge wird je nach Bundesland unterschiedlich ausgelegt. Wer sich nur für einen beschränkten, wenn auch unbestimmten Zeitraum in Deutschland aufhalte, müsse nicht zwingend zur Schule gehen, wird in den Bundesländern argumentiert, in denen keine Schulpflicht für Flüchtlinge gilt. Eine Grauzone – und ein Skandal, sagen Migrationsforscher.

Stenger sitzt in seinem Büro, einem Raum, voll mit Büchern bis zur Decke, auf seinem Schreibtisch zwei afrikanische Holzgiraffen, auf der Fensterbank eine Flasche griechischer Wein, an der Wand ein Holzschnitt aus Sierra Leone. Stengers Welt auf 14 Quadratmetern. Wenn er aus dem Fenster schaut, blickt er auf eine kleine Seitenstraße, wenige Meter vom Münchner Bahnhof entfernt. Eine typische Straße im Bahnhofsviertel, dort das Spielkasino, da der blinkende Beate-Uhse-Schriftzug, ein Afroladen. Wenn Stenger das Fenster öffnet, riecht es süßlich, nach Wasserpfeife.

Viele Haare hat er tatsächlich, und sehr groß ist er auch, eigentlich alles an ihm: große Hände, großer Kopf, lange Beine. Während Schulleiter und Lehrer in Berlin-Neukölln, München-Hasenbergl oder Frankfurt-Niederrad noch nach einer Formel suchen, wie sie ihre Schüler zum Abschluss führen können, scheint Michael Stenger sie gefunden zu haben. 95 Prozent der Schüler, die seine Schule besuchen, machen bei ihm einen Abschluss. Eine Quote, von der so manche Hauptschule in Deutschland nur träumen kann: In Berlin-Neukölln etwa liegt die Abschlussquote der Schüler mit Migrationshintergrund bei 68 Prozent.

Dabei könnten auch Stengers Schüler zu den sogenannten Bildungsverlierern gehören. Jugendliche, die die Schule ohne Abschluss verlassen und kaum eine Chance auf einen regulären Arbeitsplatz haben. Die Flüchtlingskinder haben hierfür die besten Voraussetzungen: Sie sprechen kaum oder gar kein Deutsch, manche sind durch die Flucht traumatisiert und leben ohne ihre Familie in einem fremden Land. Manche von ihnen können besser mit einer Kalaschnikow umgehen als mit dem Alphabet ihrer Muttersprache. Was macht man mit diesen Jugendlichen?

Diese Frage stellte sich auch Michael Stenger vor zehn Jahren. Damals war er noch Deutschlehrer für Migranten, er gab Kurse in verschiedenen Bildungseinrichtungen in München. In seinen Stunden saßen oft diese Jugendlichen und sprengten jeden Unterricht. Das Flüchtlingskind aus Somalia hatte einen türkischen Ingenieur zum Banknachbarn und sollte mit ihm Deutsch lernen. Damals sagten zwei seiner Kollegen: Wir brauchen eine Schule speziell für diese Jugendlichen, und auch: Wir brauchen einen Verrückten, der das macht.