LoireZu Gast bei König junior

Ob der Hausherr Bernard Valois tatsächlich royaler Abstammung ist? Im Château des Tertres, hoch über dem Ufer der Loire, bereitet er den Besuchern jedenfalls einen majestätischen Empfang. von 

Das Château des Tertres

Das Château des Tertres  |  © Relais du Silence Hotel

Nicht auszuschließen, dass Bernard Valois ein echter Valois ist. Schon möglich, dass er jener Dynastie entstammt, aus der bis ins 16. Jahrhundert dreizehn französische Könige hervorgingen. Hinreichend majestätisch sieht er jedenfalls aus: schlanker Wuchs, Vollbart, schulterlanges Haar. »Vielleicht bin ich ja wirklich ein entfernter Verwandter von Franz I., dem größten Frauenflüsterer der Renaissance«, sagt Monsieur Valois. Hier an der Loire ließ der flatterhafte König das Schloss Chambord erbauen, hier zeugte er angeblich ungezählte außereheliche Söhne und Töchter, denen er das Privileg einräumte, sich Valois zu nennen.

Auch wenn Bernard Valois nur Vermutungen über seinen Stammvater anstellen kann, scheint der Name zumindest teilweise Programm. Als Wohnsitz hat Bernard ein Schloss gewählt. Sein Château des Tertres prangt im Dorf Onzain auf einer Lichtung hoch über dem Loire-Ufer, eingebettet in einen Park mit Buchen und Mammutbäumen, Hortensien und Kletterrosen, die in Zedern steigen. Die Freitreppe und eine breite Fensterfront sind flusswärts ausgerichtet. Auf seinen 50.000 Quadratmetern Besitz könnte der Hausherr nun im Liegestuhl residieren und angesichts der träge dahinfließenden Loire den Tag verträumen. Doch Däumchendrehen zählt nicht zu seinen Stärken. Seit 20 Jahren betreibt Bernard zusammen mit seiner Ehefrau Christine im Château des Tertres ein Hotel. Sie mögen die Letzten derer von Valois sein – dienstbare Geister sind sie trotzdem.

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Die vierzehn Zimmer der oberen beiden Stockwerke haben sie an ihre Gäste abgetreten. Und während die noch schlafen wie die Grafen, wirken die Gastgeber schon an ihrem Arbeitsplatz im Parterre, einer Flucht von drei Gemächern, durch Flügeltüren miteinander verbunden. Christine nimmt hinter dem Rosenholztresen der Rezeption erste Telefonate entgegen. Nebenan, im Salon mit den bordeauxroten Barocksesseln, legt Bernard die Tageszeitungen aus und arrangiert ein taufrisches Bouquet aus Fingerhut, den er gerade im Wäldchen hinter dem Haus gepflückt hat. Und im Frühstückszimmer, wo die Wände mit cremefarbenen Seidenstoffen bespannt sind und die Tische mit italienischem Damast eingedeckt, bestückt eine Mitarbeiterin das Buffet mit Brot und Croissants aus der Dorfbäckerei, mit Biojoghurts, frisch gepresstem Saft, regionalen Käsesorten und dem Honig, den Bernard, der Hobbyimker, in seinen zwei Bienenstöcken geerntet hat.

Vielleicht war’s der Kuckuck, der unaufhörlich aus einer Pappel im Tal tönt, vielleicht war’s das gestreifte Licht, das durch die Fensterläden fiel, oder einfach nur der Ruf der Piste, der das deutsche Radlerehepaar aus der Beletage so früh geweckt hat. Die Valois und ihre Helferin können es jedenfalls nicht gewesen sein. Sie haben leise gesprochen, fast geflüstert, und das Geräusch ihrer Schritte wurde von den chinesischen Teppichen verschluckt. Stille ist das Markenzeichen des Château des Tertres. Deshalb also auch keine Fernseher in den Zimmern, sondern nur das Gemeinschaftsgerät im Roten Salon – diskret hinter einem Paravent verborgen, aus Respekt vor dem barocken Ambiente.

Ein Drei-Sterne-Hotel ohne Flachbildschirme? Die unabhängigen Prüfer sahen darüber hinweg. Immerhin besteht kostenloser WLAN-Zugang; die luxuriöse und individuelle Ausstattung der Zimmer übertrifft jede Erwartung. Zierliche Empireschreibtische, Kronleuchter, Jugendstilkommoden erzeugen ein historisches Flair; moderne Bäder ganz in Weiß, mit gläsernen Waschbecken und Designerleuchten, schmeicheln dem Zeitgeist. Und weil Bernard Valois Stilmix und Verfremdung liebt, wird der Gast überrascht: von durchsichtigen Louis-Ghost-Stühlen des Designers Philippe Starck, von Blümchentapeten im Bilderrahmen vor weißer Wand, vom King-Size-Bett mit einem Kopfteil aus Plastik, auf dem ein niederländisches Blumenstillleben in Übergröße leuchtet. Hier schwebt unter der Decke ein Mobile aus weiß bemalten Zierkürbissen, dort hängt über dem Nachttisch ein silbrig glänzendes Relief, das Bernard aus alten Fahrradreifen kreiert hat.

Hotels unter 100 Euro

Es gibt in diesen Hotels keine Portiers mit goldbesetzten Gehröcken. Es gibt keine behandschuhten Butler und keine Keycards zum Öffnen der Zimmertüren. Es gibt hier niemanden, der einem weismacht, ohne Lomi-Lomi-Nui-Massage sei man nur ein halber Mensch. Es gibt weder High Tea noch Zimmerbutler und schon gar keinen Wagenmeister. Deshalb kann man in diesen Hotels zu bestimmten Zeiten auch schon für 99 Euro im Doppelzimmer schlafen, schlimmstenfalls ohne Frühstück, dafür aber zu zweit. Zwanzig besondere Hotels in Europa haben unsere Autoren besucht: das Forsthaus in den Masuren, das lauschige Strandhotel auf Elba oder die kunstvolle Lodge in Kärnten. Häuser, in denen trotz des niedrigen Preises eine Menge geboten wird – oder vielleicht gerade deshalb. Zum Beispiel findet man hier oft etwas, das die meisten Hotels zwar versprechen, aber nicht bieten können: Ruhe. Es gibt grandiose Ausblicke aufs Meer oder auf Wiesen, Wälder und Täler. Es gibt Wanderwege gleich vor der Tür. Es gibt Gastgeber, die ihre Besucher noch selbst empfangen und sie abends bekochen. Es geht, um es kurz zu machen, um so etwas wie Seele. In den hier vorgestellten Häusern gehört sie zur Grundausstattung.

Alle Hotels der Serie finden Sie hier.

Château des Tertres

11, Rue de Meuves, 41150 Onzain.

Tel. 0033-254208388, www.chateau-tertres.com. Zimmer ab 89 Euro, Frühstück 10 Euro. Das Hotel gehört zum Verband Relais du Silence Hotel, www.relaisdusilence.com

Denn wenn er nach der Saison Zeit zum Verschnaufen findet, fährt er nicht nur nach Kolkata oder Bangalore, um nach eigenen Vorlagen Seidenstoffe besticken zu lassen: Zu Hause malt und modelliert, renoviert und restauriert er. An diesem Morgen führt er vor, was aus dem alten Kutscherhaus hinter den hundertjährigen Buchen geworden ist. Dort hat Bernard drei seiner eigenwilligsten Zimmer eingerichtet. Eines ist afrikanisch gestylt nach dem Vorbild einer Safarilodge, gleich nebenan wird dem Thema Wald gehuldigt mit Möbeln aus Holzscheiben und Lämpchen, die mit frischem Blattwerk garniert werden. Und Freunde der alten Rittersleut’ finden Unterschlupf in einer mittelalterlich dekorierten Kemenate.

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