Nach einem langen Reisetag wünscht sich der Sommergast endlich Feierabend. Er hat den Mont-Saint-Michel erklommen, an der Perlmuttküste der Normandie Landungsstrände der Alliierten und Soldatenfriedhöfe besucht, beim Wattlauf in Arromanches dem Westwind getrotzt. Im Getümmel der mittelalterlichen Stadt Bayeux übermannt ihn nun Erschöpfung. Höchste Zeit, das Nachtquartier in der Nähe des historischen Stadtkerns anzusteuern. Vorsorglich hat der Sommergast dort ein Zimmer im Bed & Breakfast Clos de Bellefontaine reserviert. »Sie werden sich vorkommen wie zu Hause«, hat Carole Mallet, die Besitzerin, am Telefon versprochen. In den Ferien Heimatgefühle verspüren, Urlaub vom Urlaub nehmen – wer will denn so was? Einer wie unser Sommergast natürlich, der heute nicht länger mitschwimmen mag im Touristenstrom.

Von der Straßenseite wirkt das stattliche Gemäuer des Clos de Bellefontaine beinahe abweisend. Doch als sich das grüne Eisenportal lautlos öffnet, ist es, als würde ein Bühnenvorhang aufgezogen. Der Blick fällt auf ein Blütenzimmer, möbliert mit weißen Kletterrosen, Hortensien und Feigenbäumen, milde ausgeleuchtet durch die Abendsonne. Auf der Rasenlichtung, die von efeubewachsenen Mauern und der Rückfront des Wohnhauses umgrenzt ist, thront ein perlgrauer Kater wie eine Versteinerung der ägyptischen Katzengöttin Bastet. Gartenstille überall. Nur die Kiesel auf dem Weg zur Terrasse knirschen leise unter den Sohlen. Eine Terrakotta-Armee kugelrund getrimmter Buchsbäumchen in Tonkübeln steht vor der Hauswand stramm, und auf der Türschwelle erscheint Carole Mallet, eine zierliche Mittvierzigerin mit hellen Augen und festem Händedruck.

Seit acht Jahren empfängt sie Touristen in ihrem verschlossenen Garten und dem Haus, das äußerlich grau wie der normannische Himmel bei Regenwetter aussieht, doch innerlich strahlt wie ein Schrein. Zartgelb getüncht sind die Wände des Vestibüls, auf Hochglanz poliert der dunkle Dielenboden und der Treppenaufgang. Zweiflügelige Türen führen nach rechts in den Salon und nach links in den Frühstücksraum. Goldgerahmte Spiegel hängen über den Kaminen, unter den Zimmerdecken funkeln grazile Lüster.

Der Sommergast lässt sich nicht lange bitten, sondern grünen Tee einschenken. Im weißen Salon mit Gartenblick, dem Aufenthaltsraum für alle Gäste, könnte er Wurzeln schlagen – in den Bildbänden auf dem Couchtisch blättern, an der Anrichte noch einen Tee aufbrühen, am hauseigenen Laptop das Wetter von morgen abfragen. Oder einfach zuhören, wenn Carole erzählt, in welch jämmerlichem Zustand das Haus war, als sie und ihr Ehemann es vor zwölf Jahren kauften. Vier Jahre haben die Renovierungsarbeiten gedauert, bis der Traum von der Harmonie der sanften Farben erfüllt war. Vier Kinder sind nebenan, im privaten Familientrakt, groß geworden und noch immer nicht ausgezogen. Hunderte Gäste haben sich heimisch gefühlt, wie das Goldene Buch der Mallets beweist.

Als »Insel der Stille« bezeichnet die Amerikanerin Diane das Gästezimmer »Eleganz« im ersten Stock, das sie und ihr Freund für ein paar Tage bewohnen: ein Raum, großzügig wie ein Gemach – deckenhohe Fenster, antikes Mobiliar, Vorhänge und Teppiche in Champagnertönen. Hier würde sich der Sommergast gern einnisten, doch er muss noch höher hinaus. Für ihn ist die zweite Etage bestimmt: Das Zimmer namens Charme, das trotz seiner Dachschrägen hell und weitläufig ist. Zwei weiße, handgeschmiedete Eisenbetten, die Caroles Urgroßeltern gehörten, stehen auf meerblauem Teppichboden. Ebenfalls aus alter Zeit stammt der erstklassig restaurierte normannische Kleiderschrank von erhabener Größe. Ein Ölbild und Aquarelle, Seestücke von regionalen Malern, beschwören Erinnerungen an stürmischere Tage herauf, an geblähte Segel und Wellengang. Auch das separate Bad (mit Badewanne) ist in maritimem Weiß und Blau gehalten. So hat der Sommergast, von Natur aus auf Meer und Strand erpicht, einen Hafen nach seinem Geschmack gefunden.

Zusammen mit den amerikanischen Gästen wird er am nächsten Morgen an der überbordenden Tafel des Frühstücksraumes sitzen und glauben, eine rosarote Brille zu tragen. Durch die Vorhänge in zartem Rosé dringt gedämpftes Licht, Rosenduft erfüllt das Zimmer. Man probiert die ersten Pfirsiche des Jahres, lobt die halbgesalzene Butter, die so frisch schmeckt, wie Blumenwiesen im Frühling aussehen. Und man trinkt – um der Zeit ein Schnippchen zu schlagen – noch einen dritten Milchkaffee. Der Augenblick, in dem man wieder auf die Straße tritt und das grüne Eisenportal hinter einem ins Schloss fällt, kann warten.