Ganz in Crème präsentiert sich die Suite des Grand Hôtel de Sète. © Le Grand Hotel Sete/PR

»Ein kleines, aber sehr lebendiges Venedig ohne jede historische Größe!« So beschrieb der deutsche Schriftsteller Wolfgang Koeppen die Hafenstadt Sète in seiner Reportage Reisen nach Frankreich von 1961. Tatsächlich gebärdet sich Sète noch heute wie eine französische Serenissima – von Kanälen und Touristen durchdrungen, umschlungen vom Mittelmeer und von einer Lagune, dem Étang de Thau. Historisch unterbelichtet ist dieses Klein-Venedig allerdings nicht. Immerhin befinden wir uns in der Heimatstadt des Dichterfürsten Paul Valéry. Sein »stilles Dach, auf dem die Taube schreitet«, der Friedhof hoch über dem Meer, zählt zu den besternten Sehenswürdigkeiten im Guide Michelin. Unten am Quai erinnern prächtige Bürgerhäuser mit Stuckfassaden, Karyatiden und schmiedeeisernen Balkonen an das goldene Zeitalter der Handelsstadt im 19. Jahrhundert. Und zeugt nicht auch das Grand Hôtel, zentral am Canal Royal gelegen, von strahlender Größe und opulenter Vergangenheit?

Wer über die breiten Marmortreppen das wohltemperierte Foyer betritt, lässt die Jetztzeit erst einmal hinter sich. Zwischen zwei Jugendstilwächterinnen aus Bronze, an deren emporgereckten Armen Kugellampen leuchten, steuert der Gast auf den hundertjährigen Empfangstresen zu. Durch eine offene Flügeltür späht er in den Patio, eine Oase im maurischen Stil. Aus zehn Metern Höhe fällt gedämpftes Licht durch ein Glasdach. Unter Palmen, die in mächtigen Terrakottakübeln wachsen, haben es sich ein paar Gäste bequem gemacht, versunken in kolonial anmutende Ledersessel und Tageszeitung oder Urlaubslektüre. An blütenweiß gedeckten Tischen sitzen die Langschläfer beim späten Frühstück. Der Blick des Neuankömmlings wandert über die Mauern dieses stillen Innenhofs, über die gedrechselten Balustraden in Smaragdgrün, die alle drei Etagen umlaufen. Ja, ist denn hier schon Andalusien?

»Nicht ganz, aber die Nähe Spaniens beeinflusst unsere Bauweise im Languedoc natürlich«, sagt Direktorin Lydie Dubois, die ihre Gäste noch selbst empfängt. Vor 30 Jahren hat sie das Hotel übernommen – damals ein sanierungsbedürftiges Haus. Im Laufe der Zeit ließ sie es gründlich, aber besonnen modernisieren. Die Gäste ziehen daraus doppelten Nutzen: Sie ergötzen sich an der Illusion, als Zeitreisende die Belle Époque zu besichtigen, und brauchen trotzdem nicht auf die schönen Dinge des 21. Jahrhunderts zu verzichten. So winken ihnen aus den historischen Kulissen in Foyer und Patio zeitgenössische Grazien zu: hauchfeine Fantasiegebilde von tanzenden Hasen und fahneschwingenden Katzen in Menschengröße, die aus der Werkstatt der Metallkünstlerin Gislaine Marro stammen. Lydie Dubois fördert viele Maler und Bildhauer aus der Region, indem sie ihr Hotel für Ausstellungen zur Verfügung stellt und die Künstler mit Aufträgen versorgt. So hat François Liguori die schwungvollen Eisenkonstruktionen für Lampen und Himmelbetten gestaltet und damit einigen der puristisch eingerichteten Zimmer eine orientalisch-verspielte Note verliehen.

Auch in technischer Hinsicht erfüllt das Haus die Ansprüche einer weltläufigen Klientel. Alle 43 Zimmer verfügen über ein luxuriöses Bad, Klimaanlage, LCD-Fernseher, kostenlosen WLAN-Zugang. Und doch gleicht kein Raum dem anderen, was dem Reisenden das Gefühl vermittelt, in seinem einzigartigen Minikosmos unverwechselbar zu sein.

Die Nummer 218 mit dem maritimen Flair ist für den Neuankömmling bestimmt. Wände und ein ganzes Arsenal von Lampenschirmchen schimmern aquamarin. Auf den Putz am Kopfende des Bettes wurde eine überdimensionale Jakobsmuschel aquarelliert – als könne der sich anlehnende Gast seinen Kopf wie eine Perle in die vorgetäuschte Wölbung schmiegen und wie eine schaumgeborene Aphrodite ins erste Morgenlicht blinzeln. Ein Liegeplatz mit grandioser Aussicht auf drei Farben Blau: Zwischen den matt getünchten Wänden flimmert im Fensterausschnitt das Wasser des Canal Royal, darüber das Blaulicht des wolkenlosen Himmels. Und auf dem Balkon landet die Taube, die vielleicht gerade noch über das stille Dach des Paul Valéry geschritten ist.