DIE ZEIT: Herr Bosomworth, viele Privatanleger sind ratlos, weil die Notenbanken die Zinsen niedrig halten und fast nirgends hohe Renditen zu erzielen sind. Droht uns eine Niedrigzinsära?

Andrew Bosomworth: Die aktuelle Lage ist in der Tat sehr unbefriedigend. Die Zinsen auf Anleihen sehr guter Qualität sind weltweit sehr niedrig. Wir müssen mit derart niedrigen Zinsen eher länger kämpfen.

ZEIT: Was heißt »länger«?

Bosomworth: Drei bis zehn Jahre.

ZEIT: Warum so lange?

Bosomworth: Zum einen wegen der hohen Schulden in den Industrieländern. Zum anderen weil sich das Wachstum in den Schwellenländern verlangsamen wird. Deren Exporte in die Industrieländer werden stagnieren, deshalb müssen sie ihre Binnennachfrage als Wachstumsmotor stärken – und das ist eine große Herausforderung. Der Abstand der Wachstumsraten zwischen Schwellen- und Industrieländern wird zwar bleiben, doch das Wachstumsniveau wird insgesamt niedriger ausfallen. Entsprechend sind auch die Renditechancen dauerhaft niedriger.

ZEIT: Zum Ärger über niedrige Zinsen kommt bei den Deutschen die Angst vor Inflation. Viele befürchten, dass das viele Geld der Notenbanken die Preise steigen lässt und ihr Erspartes auffrisst.

Bosomworth: Kurzfristig, in den nächsten 12 bis 36 Monaten, sehen wir kein Inflationsrisiko. Langfristig aber sind alle Zutaten dafür da: eine steigende Geldmenge, defizitäre öffentliche Finanzen und die allgemeine Erwartung, dass die Inflationsrate langfristig steigt. Daher ist der Goldpreis so hoch und der deutsche Immobilienmarkt leer gefegt.

ZEIT: Mit welcher Inflationsrate rechnen Sie?

Bosomworth: Nur zwischen zwei und fünf Prozent. Das reicht aber schon, um real, also nach Abzug der Inflation, niedrige oder negative Renditen nach sich zu ziehen. Wer heute in den Ruhestand geht und sein ganzes Leben gespart hat, der hat das Glück, lange Zeit hohe Zinsen erwirtschaftet zu haben. Wer heute 25 Jahre alt ist und jetzt erst anfängt zu sparen, hat ein Problem.

ZEIT: Was sollen die Jungen tun?

Bosomworth: Es gibt keine Antwort, die auf jeden passt. Das Alter ist wichtig, die persönlichen Verhältnisse, wie und wo man wohnt. Aber wäre ich heute um die 30, 35 Jahre alt und hätte ein wenig gespart, würde ich das Geld nutzen, um mir eine Immobilie zuzulegen, die ich selber nutze. So sichere ich mir ein Dach über dem Kopf und spare später die Miete. Das ist sinnvoller, als das Geld zurückzulegen und mühsam Anlagen zu suchen, die eine sichere und hohe Rendite bringen.

ZEIT: Auch weil man für einen Immobilienkauf Schulden aufnimmt – und Schulden durch Inflation automatisch an Gewicht verlieren?

Bosomworth: Das weniger. Inflation ist ein unterstützendes Argument, aber man sollte nicht wegen der Inflation Schulden machen.