Auch von der EU sind vorerst keine radikalen Schritte zu erwarten. Der Wirtschaftsausschuss des Europäischen Parlaments hat im September einen Vorschlag der Kommission zur geplanten Finanzmarktrichtlinie Mifid II abgelehnt, der zufolge sich nur noch Berater, die keine Provisionen kassieren, »unabhängig« nennen dürfen. Stattdessen verabschiedeten die Parlamentarier eine wachsweiche Formulierung, wonach Provisionen erlaubt seien, solange sie »notwendig« seien oder »vor der Beratung dem Anleger transparent gemacht werden«. In der kommenden Woche wird das Europaparlament abschließend entscheiden.

Mehr Transparenz lautet also vorerst das Motto der EU-Parlamentarier – und nicht etwa Provisionsverbot. Das stimmt mit der Position der schwarz-gelben Koalition überein. Denn auch hierzulande heißt die Strategie: Provisionen werden weiter erlaubt bleiben, Berater allerdings zumindest dazu verpflichtet, deren Höhe vor Anlegern offenzulegen. So müssen Bankmitarbeiter ihren Kunden seit Juli 2011 zu jedem empfohlenen Produkt ein sogenanntes Informationsblatt mit den entsprechenden Angaben aushändigen. Dadurch sollen Verbraucher zumindest erfahren, wie viel ihr Berater an seiner Empfehlung verdient, um im Zweifel nachhaken zu können.

Experten bezweifeln jedoch, dass Anleger durch mehr Transparenz wirksam geschützt werden. »Großbritannien hat bereits im Jahr 2005 strenge Vorschriften zur Kostentransparenz erlassen und wenig später festgestellt, dass die Gefahr der Falschberatung unverändert hoch blieb«, sagt Christian Thorun, Geschäftsführer von ConPolicy, einem Institut für Verbraucherpolitik in Bad Honnef. Gemeinsam mit Frank Niemeyer von der Unternehmensberatung Prof. Roll & Pastuch hat Thorun im Auftrag des Berufsverbandes Deutscher Honorarberater (BVDH) eine Studie zu den Erfahrungen in Großbritannien und einigen anderen Staaten verfasst, die früher als Deutschland eine Offenlegung von Provisionen erzwungen haben.

»Ansätze, der Provisionsorientierung durch verschärfte Transparenzpflichten zu begegnen, sind überall gescheitert«, konstatiert Thorun. »Wer Anleger effektiv vor Falschberatung schützen will, muss die Provisionen beseitigen.«

Dieselbe Auffassung vertritt auch die konservativ-liberale britische Regierung. Am 1. Januar 2013 tritt auf der Insel ein weitreichendes Provisionsverbot in Kraft, interessanterweise mit Rückendeckung der dortigen Finanzlobby. »Wir haben im Rahmen der Studie mit den Dachverbänden der Banken- und Versicherungsbranche gesprochen«, berichtet Thorun. »Die befürworten die Neuregelung und hoffen, verlorenes Vertrauen zurückzugewinnen.« So weit ist die Branche hierzulande noch nicht, trotz der zahlreichen Falschberatungsskandale in den vergangenen Jahren.

So bedankt sich die Geschäftsführerin des Bayerischen Bankenverbands, Silke Wolf, in einem aktuellen Schreiben, das der ZEIT vorliegt, »sehr herzlich« beim CSU-Europaabgeordneten Markus Ferber für seinen Einsatz, »ein Verbot von Provisionen im Rahmen der Beratungen zu Mifid II zu verhindern«. Als zuständiger Berichterstatter war Ferber federführend beteiligt an dem Kompromiss, den der Wirtschaftsausschuss des Europaparlaments im September verabschiedete. Trotz solcher Rückschläge hoffen Honorarberater, dass es mittelfristig auch in Deutschland zu einschneidenden Veränderungen kommt. »In fünf bis sieben Jahren wird es hierzulande ein Provisionsverbot geben – oder zumindest eine Verpflichtung, Provisionen an die Kunden weiterzureichen«, prognostiziert Karl Matthäus Schmidt, BVDH-Vorsitzender und Gründer der quirin bank, die ausschließlich mit Honorarberatern arbeitet.

Auch in Deutschland gibt es Anzeichen, dass allein die Transparenzstrategie nicht funktioniert. So zeigte eine Stichprobe des Verbraucherschutzministeriums vor einigen Monaten, dass 43 Prozent der »Produktinformationsblätter« nicht den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Hinsichtlich der Kosten gebe es in vielen Fällen eine Fülle von Informationen und Einzelposten, die »eher verwirren als informieren«. Hinzu kommt: »Statt das Wort Provisionen zu verwenden, arbeiten viele Anbieter mit weniger bekannten Fachbegriffen wie Agio und verschleiern auf diese Weise, dass das Geld ihnen zufließt«, kritisiert Professor Heinrich Bockholt, Finanzwirtschaftler und stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbands der Finanzplaner. Bankgründer Schmidt hofft angesichts solcher Schwächen, dass schon bald ein Umdenken wie in Großbritannien stattfindet – und dass das geplante Gesetz der Bundesregierung ein »wichtiger Zwischenschritt« wird.