DoktorarbeitenWie genial muss es denn sein?

Fast alles, was wir sagen, ist ein Plagiat. Plädoyer für einen entspannteren Umgang mit dem vorhandenen Wissen. von 

Genie ist, was wir alle wollen, aber nur die wenigsten besitzen. Der Satiriker Max Goldt hat einmal erzählt, wie er einen genialen Einfall zu haben glaubte und von sich ganz entzückt war. Alle Kopfarbeiter kennen dieses Gefühl: wenn ein Geistesblitz einschlägt, wenn eine fest verrammelte Tür sich auftut und ein neuer Horizont sichtbar wird. Ach, das Neue! Dass es eine große Sehnsucht, aber auch eine Quelle der Täuschung ist, musste Max Goldt an sich selber lernen. Als nämlich sein Geniestreich gedruckt war, schrieb ihm ein entrüsteter Leser, das habe doch dort und dort schon genau so gestanden! Plagiat!!! Woraufhin der Autor aber nicht zurückblaffte, sondern sich bang fragte: War das vielleicht eine Idee, die jeder mal hat?

Aus der kleinen Geschichte können wir zweierlei lernen: Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Und etwas mehr heitere Gelassenheit täte auch in der jüngsten Plagiatsaufregung gut. Denn das zornige Fahnden nach Ideendieben hat als Kehrseite eine ebenso zornige Sehnsucht nach dem Neuen. Wenn es von Karl-Theodor zu Guttenberg verächtlich heißt, dass er in seiner Doktorarbeit nun überhaupt nichts »Eigenes« zustande gebracht habe, wenn Annette Schavan mit dem Argument verteidigt wird, dass ihre Arbeit im Kern eben doch »eigenständig« sei – dann soll anhand dieser beiden so unterschiedlichen Fälle dasselbe Kriterium stark gemacht werden: das Neue als Ausweis des Guten und Richtigen. Das Eigene, Originäre, Originelle und vielleicht sogar Geniale als Beweis für die Satisfaktionsfähigkeit einer promovierten Person.

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Aber was ist das Neue? Und warum erscheint es uns selbst in den Geisteswissenschaften so wichtig? Haben nicht Denker wie Platon und Aristoteles zu einigen entscheidenden Menschheitsfragen längst das Wesentliche gesagt? Muss man es partout noch mal anders sagen? Spätestens seit der vorletzten Jahrhundertwende gehört zum abendländischen Denken der begründete Zweifel, ob nicht alles schon gedacht und gesagt sei: Können wir überhaupt noch etwas Eigenes sagen? Ist nicht alles, was wir sagen, Plagiat?

Das Plagiatesuchen wird immer irrationaler

Über das Genie als eine Seuche unserer Tage hieß eine Streitschrift, die im aufklärungsseligen 18. Jahrhundert erschien und bereits damals nicht allein den Geniekult geißelte, sondern die Gier nach Neuem überhaupt. »Das Neue gefällt der Abwechslung wegen«, schrieb der spanische Jesuit Baltasar Gracián, »und eine funkelnagelneue Mittelmäßigkeit wird höher geschätzt als ein schon gewohntes Vortreffliches.« Um wirkliche Vortrefflichkeit aber geht es jetzt nicht, wenn die Doktorarbeiten der Politiker gewogen werden. Die Suche nach dem Plagiat ist letztlich die Suche nach dem Funkelnagelneuen. Sie hat etwas Naives und vielleicht sogar Verlogenes. Denn wie realistisch ist es, nach soundso vielen Jahrtausenden Geistesgeschichte zu fordern, dass jeder Doktorand die Welt neu denkt? Und was wäre dann eine gelungene Doktorarbeit?

Der Germanist Bernhard Spies findet, die Universitäten seien selber daran beteiligt, dass es das Plagiatsproblem gebe. Gerade die Geisteswissenschaften setzten die Doktoranden einer widersprüchlichen Anforderung aus: »Einerseits sollen sie alles aufbieten, was es schon an Wissen zu einem Thema gibt. Andererseits sollen sie etwas Eigenes formulieren. Das vollkommen Neue muss aber die Fortsetzung des Vorhandenen sein.« Ein Widerspruch in sich. Und so komme es, dass im sich verschärfenden akademischen Wettbewerb immer weniger Brüche gewagt würden.

Der Konformitätsdruck nehme zu – als paradoxe Folge des Innovationsanspruchs. Spies beobachtet, dass das Plagiatesuchen immer irrationaler wird. »Der wissenschaftliche Nachwuchs soll Formulierungen vermeiden, die gar nicht anders formulierbar sind, weil sie sich auf Fakten beziehen.« Und so komme es, dass Studenten in ihren Seminararbeiten die simpelsten Aussagen mit drei Fußnoten versehen. »Da geniere ich mich als Professor, weil mir ja unterstellt wird, einen generellen Betrugsverdacht zu hegen, dem der Student vorsorglich begegnen muss.« Der Anspruch, etwas Neues und Eigenes zu sagen, erzeugt bei den Studenten Angst, sich frei innerhalb ihres Wissensgebietes zu bewegen.

Leserkommentare
    • Acrux
    • 25. Oktober 2012 18:28 Uhr

    nichts Neues mehr beitragen zu koennen, weil alles schon gesagt ist, sollten sie ehrlicherweise auch die Budgets zurueckgeben und ihre Fakultaeten aufloesen, bis mal wieder jemand eine Idee hat.

    Die Idee von wegen "gibt ja nix Neues mehr" (implizit: gab eigentlich noch nie was Neues) scheint mir ein aehnlich leerer Hype wie die der Versuch den postmodernen Sozialkonstruktivismus auf die Naturwissenschaften auszudehnen, der den Todesstoss durch Alan Sokals Text bekommen hat.

    14 Leserempfehlungen
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    • knacks
    • 29. Oktober 2012 10:48 Uhr

    für den Hinweis auf Sokal. Grundsätzlicher Relativismus stört mich schon etwas länger und die Diskussion um diese Geschichte ist eine gute Leitplanke zur Auseinaandersetzung damit. Wenn alles relativ ist, dann ist alles nichts - habe ich demletzt in einer Diskussion mit Freunden gesagt, die den Konstruktivismus verteidigten und meinten: Ja, aber Realität ist immer subjektiv konstruiert....
    Außer Frage steht wohl die menschliche Wahrnehmung der Realität. Eine andere haben wir auch gar nicht! Treibt man diese zulässige Erkenntnis aber auf die Spitze, dann herrscht Stillstand und alles wird relativ ;) sinnlos...
    Naja, danke für den Verweis. Das Thema gehört ja nur indirekt hierher...

    • Ortrun
    • 25. Oktober 2012 18:32 Uhr

    Hm, na ja. Aber ging es nicht eigentlich um das Abschreiben ohne Quellenangabe? Und ich gehe mal davon aus, wir reden hier nicht über Satzfragmente sondern über mehrzeilige bis mehrseitige Passagen, die wörtlich zitiert, aber nicht als Zitat sondern als eigene Formulierung ausgegeben werden.

    Dass man bekannte Ideen weiterverwendet ist normal und gut und richtig. Aber dann sollte man diese Ideen zumindest selber neu formulieren oder die Quellenangabe dazuschreiben, schließlich fällt so ein Text nicht vom Himmel. Soviel Sorgfalt kann man von jedem Doktoranden erwarten. Und auch eine geschickte Zusammen- bzw. Gegenüberstellung von Zitaten kann durchaus etwas "Neues und Eigenes" sein - wenn man es richtig macht.

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  1. Falls Sie tatsächlich Max Goldts Werk kennen, sollten Sie eigentlich wissen, dass er nichts mehr* verabscheute, als als "Satiriker" bezeichnet zu werden.

    *vermutlich

    Zudem:

    "Im Fall Guttenberg war es als übertriebene Bewunderung wie als übertriebene Enttäuschung zu erleben."

    Ich finde es schon durchaus seltsam, ernsthaften Guttenbergbeurteilern entweder das eine oder das andere vorzuwerfen. Angesichts der Dreistigkeit seiner Betrügungen haben sich auch reihenweise Personen in die Debatte eingemischt, die zuvor weder bewundernd waren, noch hinterher enttäuscht, sondern dem Phänomen "KTvuzG" von Anfang an kritisch gegenüberstanden. Nicht alle denkenden Menschen in diesem Land standen dem Freiherrn von Beginn an unkritisch positiv gegenüber.

    9 Leserempfehlungen
    • Lyaran
    • 25. Oktober 2012 18:41 Uhr

    »Aber wenn die Politiker Wert darauf legen, einen akademischen Titel zu tragen, dann müssen sie den akademischen Ansprüchen genügen.«

    Das trifft es doch und sollte die ganze Diskussion erledigen. Im Artikel fällt immer wieder der Begriff "Genie". Als ob hinter jedem Doktorand ein Genie erwartet würde.

    Der Doktorgrad dient, soweit ich mich erinnere, als Nachweis selbständig forschen zu können. Das gelingt nunmal nur wenn ich mich mit einem Thema befasse welches noch nicht ausgeschöpft wurde. Und da die Zeiten sich ändern und die Gesellschaft sich verändert sollten doch auch Geisteswissenschaftler immer wieder neue Aspekte finden können. Ich denke nicht das Platon und Sokrates schon die Auswirkungen von Tablets und Handys auf unsere Gesellschaft untersucht haben. Allerdings müssten sich die heutigen Geisteswissenschaftler eben auch mit solchen Dingen auskennen und beschäftigen. Vielleicht liegt hier das Problem?

    Hier wird der Eindruck vermittelt man würde von jeder Doktorarbeit weltumwälzende Neuerungen erwarten. Wenn das so wäre gäbe es wirklich ein Problem für künftige Doktoranten.

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    • tinnef
    • 26. Oktober 2012 17:33 Uhr

    sondern würde nur die Massenpromotionen in D stoppen.

    Mein Lieblingsbeispiel "Elite"uni in Canada und Uni im Norden D gleiche Departments. In 8 Jahren 16 Promotionen an der can. Uni, an der dt. Uni. 20 pro Jahr.
    In Can Dauer Promotion 4-6 Jahre in D max. 3 Jahre oftmals nur zwei, wie da ordentlich geforscht werden soll ein Rästel.

    Und das es in den Geistenwissenschaftenprobleme gibt ist doch in der Sache begründet, dort beschäftigt man sich meist mit Sachen die vergangen sind, sie auch Frau Mehrin, da ist doch kaum ein Erkenntnisgewinn zu erwarten da die Lehren daraus bereits geogen wurden und nur ein Vgl. mit Zuständen heute ist max. eine Masterarbeit, wo der Student nachweist, dass er mit Literaturarbeiten kann und daraus seine Schlüsse zieht.

    Einfach klare Standards setzen, alle arbeiten nach der Verteidigung einer intensiven Prüfung auf Plag. unterziehen und das Prob. würde sich von alleine lösen, wie auch die Diskussion in D.

    Ihrem Kommentar würde es gut tun, wenn Sie ab und zu an der richtigen Stelle ein Satzzeichen setzen, vielleicht ein Komma. Auch könnte man Grammatikfehler vermeiden( Unterschied das- dass).

    • hairy
    • 25. Oktober 2012 18:53 Uhr

    " »Einerseits sollen sie alles aufbieten, was es schon an Wissen zu einem Thema gibt. Andererseits sollen sie etwas Eigenes formulieren. Das vollkommen Neue muss aber die Fortsetzung des Vorhandenen sein.« Ein Widerspruch in sich. "

    Das vollkommen Neue gibts eigentl. nicht. Daher ist da auch kein Widerspruch. Ich sehe das Problem eher beim Versprachlichungsvermögen: Eigentl. müssten Studenten etc. in entsprechenden Kursen mal besser beigebracht bekommen, wie man mit welchen sprachlichen Mitteln effektiv eigenes Wissen von fremdem abgrenzt. Ich weiß noch: zu meiner Zeit an der Uni war diesbezgl. totale Fehlanzeige.

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    • H.v.T.
    • 25. Oktober 2012 18:53 Uhr
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  2. der Contentmafia.

    4 Leserempfehlungen
    • Dieterf
    • 25. Oktober 2012 18:58 Uhr

    "Die Suche nach dem Plagiat ist letztlich die Suche nach dem Funkelnagelneuen. Sie hat etwas Naives und vielleicht sogar Verlogenes. Denn wie realistisch ist es, nach soundso vielen Jahrtausenden Geistesgeschichte zu fordern, dass jeder Doktorand die Welt neu denkt? Und was wäre dann eine gelungene Doktorarbeit?"

    Dieses Zitat zeigt die ganze Schwäche dieses Artikels. Niemand, der Plagiate identifiziert, ist auf der Suche nach dem Funkelnagelneuen. Hier wird den Kritikern des Plagiatentums etwas unterstellt, das nirgendwo vertreten wird. Kein Doktorand und kein etablierter Professor denkt jemals die Welt neu. Das wird weder erwartet noch verlangt. Anderen etwas zu unterstellen, um es dann mit viel Aplomb als falsch zu erweisen, ist ein billiger Trick.

    Der Autor liegt übrigens nicht nur falsch in seiner Annahme, dass diejenigen, die Plagiate identifizieren, ein naives Verständnis von Wissenschaft als permanenter, genialer Innovation haben. Er widerspricht sich implizit sogar selbst. Er glaubt nämlich offenbar, in der "Plagiatenjagd" etwas Neues entdeckt zu haben, das bisher niemand gesehen hat. Gleichzeitig meint er, es gäbe kaum wirklich Neues zu entdecken.

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  • Schlagworte Plagiat | Dissertation | Annette Schavan | Karl-Theodor zu Guttenberg
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