GesellschaftskritikÜber peinliche Mütter

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Die Blicke gehen auseinander: Madonna und ihre Tochter Lourdes bei einer Party 2011

Die Blicke gehen auseinander: Madonna und ihre Tochter Lourdes bei einer Party 2011  |  © Reuters/Danny Moloshok

Irgendwann werden Eltern peinlich. Mit etwas Pech bleiben sie es dann für immer, mit etwas Glück werden sie mit der Zeit wieder akzeptabel. Diese Zeit der Peinlichkeit, die meist mit der Pubertät der Kinder eintritt, ist nicht schön, weder für diese noch für die Eltern. Früher allerdings schien es den Eltern weniger auszumachen. Früher, das war, als man noch peinlich sagte und nicht uncool. Als Väter noch Aktenkoffer trugen und Mütter Lockenwickler. Heute sind Menschen Eltern, die unbedingt cool sein wollen, und das macht das ganze Thema noch schwieriger. Man will eine besonders coole Mutter, ein besonders cooler Vater sein. Das größte Lob aus dem Mund des eigenen Kindes: »Du bist voll cool, finden meine Freunde auch!«

Aber Coolness kann, wie man weiß, urplötzlich in ihr Gegenteil umschlagen. Total coole Eltern können dann mit einem Schlag superpeinlich werden. Wenn sie einmal zu oft dieselbe Musik hören wie ihr Kind, einmal zu oft denselben Film sehr geil finden, einmal zu oft dasselbe T-Shirt tragen wie der Sohn oder die Tochter.

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Bei Madonna , einer der wahrscheinlich coolsten Mütter der Welt, ist diese Gefahr naturgemäß besonders groß. Eben noch war es für Madonnas Tochter Lourdes total cool, ihre Mutter auf Tournee zu besuchen, vielleicht sogar auf der Bühne mitzutanzen, eine Kosmetik- und Klamottenlinie mit dem Namen »Material Girl« zu entwerfen und sich wie die Mutter dreißig Jahre zuvor als » Virgin « zu verkleiden.

Gesellschaftskritik
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Doch dann plötzlich gab es diesen Moment – war es, als Madonna bei einem Auftritt im vergangenen Sommer in Istanbul ihre Brust entblößte? –, da muss irgendwas gekippt sein. Vielleicht war es auch schon früher, als auf Madonnas jungen Liebhaber Jesus Luz , 25, der junge Liebhaber Brahim Zaibat, 24, folgte. Irgendwann jedenfalls scheint Lourdes Ciccone Leon gedacht haben: Das alles ist ganz und gar nicht mehr cool. Und ich bin auch noch die kleine Ausgabe von der – wie unfassbar peinlich ist das denn?

Kann man ihren Tränenausbruch, als sie vor ein paar Wochen mit ihrer Mutter zusammen von Paparazzi fotografiert wurde, so deuten: Tränen der Peinlichkeit, der Wut, der Rebellion? Natürlich wissen wir es nicht, aber einiges deutet darauf hin. Lourdes will jetzt ausziehen und ein Studium aufnehmen. Sie ist gerade 16 Jahre alt geworden. Es heißt, sie habe genug vom Rampenlicht. Aber vielleicht hat sie gar nicht generell etwas gegen Rampenlicht, vielleicht will sie dort nur nicht neben ihrer Mutter stehen. Denn warum sonst hat sie angekündigt, Darstellende Kunst zu studieren?

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Leserkommentare
    • Gerry10
    • 18. Oktober 2012 7:22 Uhr

    ...die ersten Zähne aus, wurscht ob es sich um eine Bauernfamilie, ein Akademikerpaar oder eben um Madonna handelt.
    Ich kenne keinen Menschen der sich in seiner Jugend nicht mit seinen Eltern angelegt hat.
    Meine älteste Tochter wird im November 14 und die ersten großen "Kämpfe" mit ihrer Mutter hatte sie diesen Sommer.
    Ich habe wo gelesen, das Jugendliche eigentlich nichts dafür können. Das Gehirn entwickelt sich, kreuzt jede Menge Synapsen neu und sorgt dafür das Jugendlich sich so verhalten.
    Gegen die Natur hilft eben nichts, da muss man durch, auch wenn man Madonna ist :-)

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    • lonetal
    • 18. Oktober 2012 9:48 Uhr

    Sie schreiben: "Gegen die Natur hilft eben nichts, da muss man durch"

    Falsch.
    Es ist nicht die Natur, es ist die Kultur.

    Es gibt Kulturen, die weder Trotzphasen noch Pubertätsrevolten kennen. Diese "Revolten" sind das Ergebnis eines falschen Menschenbildes und einer aggressiven Erziehungsideologie, die unter dem Motto "Kinder brauchen Grenzen" verursacht, was sie zu heilen vorgibt.

    Alle, die auf dies verführerische und scheinbar einfache Ideologie hereinfielen und -fallen, zahlen dafür mit oft jahrelangen Kämpfen mit ihren Kindern: während der so genannten Trotzphase, während der Pubertät - und nicht selten nach der Volljährigkeit, wenn die Herangewachsenen aus dem Elternhaus fliehen.

    Nicht zuletzt büßen dafür alle, die im Altern in ein Heim müssen. Denn auch dort wird fortgeführt, was in der Kindheit als gesellschaftliche Richtlinie für den Umgang mit Schwächeren (Kinder, Alten, Arbeitslosen ...) erfahren, vermittelt und gelernt wurde: Grenzen setzen.

    /Zitat
    Gurte für den Rollstuhl, Bettgitter, Spezialstühle: In deutschen Pflegeheimen werden Menschen täglich fixiert -- zu ihrer eigenen Sicherheit, wie es heißt. Ein BGH-Urteil hat die Genehmigung dieser Maßnahmen nun erschwert. Den Alltag in den Alteneinrichtungen dürfte das kaum ändern (spon 08.08.2012)
    Zitat/

    Kinder wachsen nämlich heran, Eltern werden alt. Und dann werden halt die entsprechenden Rechnungen begriffen.

    Nein, das hat nichts mit Natur zu tun - das ist Kultur pur.

  1. ... und läßt sich bei uns in die Kindheit fallen, zu Hause ist sie eine liebe Revoluzze. So zu sagen, normal. :-)

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    Pflegen Sie diesen Zustand!

  2. Aber die Kinder von Madonna, "Brangelina", Heidi Klum, Til Schweiger und den Ochsenknechts, um nur einige Beispiele zu nennen, sind da besonders arm dran.
    .
    Sie werden, um das eigene Ego aufzumöbeln rund um den Globus gezerrt, mit Lappen verhüllt, von Paparazzi gejagt und mit Namen wie Jimi Blue, Wilson Gonzalez oder Lourdes gequält.
    Auf Bühnen und vor der Kamera sollen/müssen sie sich auch schon behaupten.
    .
    Die Kindheit auf Transkontinental-Flügen verbracht und mit 14 das erste Mode-Label.
    Super!

  3. Pflegen Sie diesen Zustand!

    • Hassias
    • 18. Oktober 2012 8:48 Uhr

    bin keine Rechtschreibgenie aber ich hätte diesen Satz:

    "Heute sind Menschen Eltern, die unbedingt cool sein wollen, und das macht das ganze Thema noch schwieriger anders geschrieben"

    Ich hätte geschrieben:

    Heute sind Eltern, Menschen die unbedingt cool sein wollen, und das macht das ganze Thema noch schwieriger

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    • lonetal
    • 18. Oktober 2012 9:32 Uhr

    Sie schreiben: "Ich hätte geschrieben:Heute sind Eltern, Menschen die unbedingt cool sein wollen, und das macht das ganze Thema noch schwieriger"

    Ich hätte geschrieben: Wie schon immer gibt es auch heute einige gestörte Eltern, die unbedingt cool sein wollen, und erst das macht das ganze Thema für die Medien interessant,

    • lonetal
    • 18. Oktober 2012 9:32 Uhr

    Sie schreiben: "Ich hätte geschrieben:Heute sind Eltern, Menschen die unbedingt cool sein wollen, und das macht das ganze Thema noch schwieriger"

    Ich hätte geschrieben: Wie schon immer gibt es auch heute einige gestörte Eltern, die unbedingt cool sein wollen, und erst das macht das ganze Thema für die Medien interessant,

    Antwort auf "so oder so?"
    • lonetal
    • 18. Oktober 2012 9:48 Uhr

    Sie schreiben: "Gegen die Natur hilft eben nichts, da muss man durch"

    Falsch.
    Es ist nicht die Natur, es ist die Kultur.

    Es gibt Kulturen, die weder Trotzphasen noch Pubertätsrevolten kennen. Diese "Revolten" sind das Ergebnis eines falschen Menschenbildes und einer aggressiven Erziehungsideologie, die unter dem Motto "Kinder brauchen Grenzen" verursacht, was sie zu heilen vorgibt.

    Alle, die auf dies verführerische und scheinbar einfache Ideologie hereinfielen und -fallen, zahlen dafür mit oft jahrelangen Kämpfen mit ihren Kindern: während der so genannten Trotzphase, während der Pubertät - und nicht selten nach der Volljährigkeit, wenn die Herangewachsenen aus dem Elternhaus fliehen.

    Nicht zuletzt büßen dafür alle, die im Altern in ein Heim müssen. Denn auch dort wird fortgeführt, was in der Kindheit als gesellschaftliche Richtlinie für den Umgang mit Schwächeren (Kinder, Alten, Arbeitslosen ...) erfahren, vermittelt und gelernt wurde: Grenzen setzen.

    /Zitat
    Gurte für den Rollstuhl, Bettgitter, Spezialstühle: In deutschen Pflegeheimen werden Menschen täglich fixiert -- zu ihrer eigenen Sicherheit, wie es heißt. Ein BGH-Urteil hat die Genehmigung dieser Maßnahmen nun erschwert. Den Alltag in den Alteneinrichtungen dürfte das kaum ändern (spon 08.08.2012)
    Zitat/

    Kinder wachsen nämlich heran, Eltern werden alt. Und dann werden halt die entsprechenden Rechnungen begriffen.

    Nein, das hat nichts mit Natur zu tun - das ist Kultur pur.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    mit einer Theorie der Überschneidung beider Sphären, würde man dem Phänomen näher kommen.
    Bewusstwerdung - hier als Stichwort. Als Teenager, Jugendlicher wird man sich einigem bewusster als zuvor, hakt nach, fragt nach, stellt in Frage. Nicht das 'warum ist das so?' mit dem Ziel, wirklich etwas erklärt zu bekommen, sondern dies weicht dem implizierten 'muss das wirklich so sein'. Zudem gibt es auch natürliche Grenzen. Ein einfaches 'ich kann nicht mehr' bei egal welcher Aktivität, stellt so eine Grenze dar.
    Trotzdem ist die Eingrenzung, die Einhegung, die stetige Fortführung dieser höfischen Zivilisierung, die jedes Benehmen, das abweicht, unter Generalverdacht zu stellen scheint und insbesondere, die zeitlichen Verpflichtungen schon in der Schulzeit, neuerdings ab 5 Jahren, sind Grenzen der freien Verfügbarkeit, die auch Eltern nicht immer zureichend vermitteln können/wollen.

    Natur, Kultur, wo ist der Unterschied? Sie sind beides Facetten der uns umgebenden Realität. Das Problem ist nur, dass die Kultur in unseren Gesellschaften in der Lage war die Natur zu verändern, sprich deren "natürliche" Grenzen sehr weit hinauszuschieben. Ohne Auto, oder Flugzeug begrenzt sich der natürliche Radius, den auch Heranwachsende in einfachen Kulturen besitzen, doch erheblich.
    Es ist die Entgrenzung durch Kultur und Zivilisation, die mitverantwortlich ist, für die Notwendigkeit von Grenzziehungen durch die Eltern. Werden diese Grenzen durch die Natur gesetzt, sind die "kulturellen Grenzen" natürlich im wesentlichen obsolet.

    Kultur findet statt,wahrscheinlich nicht nur beim Menschen (Interessante Forschung leistet hier das MPI f.Evolutionäre Anthropologie).Sie definiert Regeln intersubjektiven Handelns.Sie ist weder ein neues noch ein dem Menschen entfremdetes Phänomen,die Spezies hat sie schließlich selbst hervorgebracht.(Oder haben und fremde Mächte die Kultur aufgezwungen?)Die Krafftprobe des Heranwachsenden ist in nahezu allen Kulturen (grade auch einfachen) in irgendeiner Form ritualisiert.Natürliche Prozesse und kulturelle Affirmation bedingen hier einander.Hier entstehen tatsächlich immer neue Konflikte,aber auch das ist nichts neues.Ich würde mich soweit aus dem Fenster lehnen und sagen:Wo mehr als ein Individuum agiert, entsteht notwendig Kultur.

  4. mit einer Theorie der Überschneidung beider Sphären, würde man dem Phänomen näher kommen.
    Bewusstwerdung - hier als Stichwort. Als Teenager, Jugendlicher wird man sich einigem bewusster als zuvor, hakt nach, fragt nach, stellt in Frage. Nicht das 'warum ist das so?' mit dem Ziel, wirklich etwas erklärt zu bekommen, sondern dies weicht dem implizierten 'muss das wirklich so sein'. Zudem gibt es auch natürliche Grenzen. Ein einfaches 'ich kann nicht mehr' bei egal welcher Aktivität, stellt so eine Grenze dar.
    Trotzdem ist die Eingrenzung, die Einhegung, die stetige Fortführung dieser höfischen Zivilisierung, die jedes Benehmen, das abweicht, unter Generalverdacht zu stellen scheint und insbesondere, die zeitlichen Verpflichtungen schon in der Schulzeit, neuerdings ab 5 Jahren, sind Grenzen der freien Verfügbarkeit, die auch Eltern nicht immer zureichend vermitteln können/wollen.

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