GesundheitswesenWeniger Geld für die Kassen!

Die milliardenschweren Überschüsse der Krankenkassen wecken gefährliche Begehrlichkeiten. Deswegen müssen die Beiträge jetzt sinken, fordert Gesundheitsökonom J. Wasem. von Jürgen Wasem

In der gesetzlichen Krankenversicherung werden sich bis Jahresende etwa 25 Milliarden Euro Überschüsse angesammelt haben. Ungefähr die Hälfte macht das Plus im Gesundheitsfonds aus. Die übrigen 12 Milliarden Euro finden sich in den Büchern der Krankenkassen.

Der Gesundheitsfonds, der vom Bundesversicherungsamt verwaltet wird, ist keine »Sparkasse«. Er soll die Beiträge der Arbeitgeber, der Versicherten und den Zuschuss des Bundeshaushalts an die gesetzliche Krankenversicherung einsammeln und umgehend an die Krankenkassen verteilen.

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Aus gutem Grund ist bislang nicht vorgesehen, finanzielle Polster für schlechtere Zeiten in der Sozialversicherung anzulegen. Denn auf solche Reserven könnte die Politik zugreifen. Sie wecken Begehrlichkeiten von Wählern und Interessengruppen, denen die Politiker schnell nachgeben. Das führt zu dauerhaften Ausgabenverpflichtungen. Gerade erst haben wieder Apotheker, Krankenhäuser und Mediziner ihre Forderungen angemeldet.

Jürgen Wasem
Jürgen Wasem

lehrt Gesundheitsökonomie an der Universität Duisburg-Essen und ist designierter Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Gesundheitsökonomie.

Zwei Faktoren werden uns in Zukunft stärker belasten: Die Medizin macht immer weitreichendere Fortschritte, dabei werden Forschung und Entwicklung immer teurer. Außerdem werden wir im Schnitt immer älter. Weil der Gesundheitsfond darauf auch finanziell reagieren muss, hat er keinen Spielraum für solch dauerhafte Ausgabeverpflichtungen.

Die Überschüsse im Gesundheitsfonds sind das Ergebnis der überraschend guten Konjunktur. Aus Sorge vor einem geschätzten Defizit von bis zu 10 Milliarden Euro hatte die schwarz-gelbe Bundesregierung Ende 2010 den Beitragssatz für die Einzahlungen an den Gesundheitsfonds angehoben: auf 15,5 Prozent. Wie sich jetzt zeigt, war diese Erhöhung zu hoch.

Wettbewerb um Beiträge nötig

Der Beitragssatz sollte daher wieder gesenkt werden. Ich halte es wie die meisten Gesundheitsökonomen für sinnvoll, die Beiträge künftig im Regelfall auf einem Niveau zu halten, bei dem der Finanzbedarf der Krankenkassen nicht vollständig gedeckt wird. So müssten alle Krankenkassen zusätzliche Beiträge erheben. Die Kassen würden wieder in einen Wettbewerb um die Beiträge treten. Sie hätten einen starken Anreiz, ihre Kosten in den Griff zu bekommen, um den Zusatzbeitrag möglichst klein zu halten. Dies fördert die – sinnvolle – Wirtschaftlichkeit in der Versorgung.

Bei den Krankenkassen selbst sind die Überschüsse sehr unterschiedlich verteilt. Während einige Kassen gerade erst ihren Zusatzbeitrag abgeschafft haben, verfügen andere über hohe Rücklagen. Diese ungleiche Finanzsituation hat verschiedene Ursachen. Eine wichtige Rolle spielt die regionale Verteilung der Versicherten – so wurde die City BKK letztes Jahr insolvent, weil sie ihre Versicherten weit überwiegend in den medizinisch teuren Regionen Berlin und Hamburg hatte.

Ein anderer Grund für die unterschiedlichen Situationen der Kassen ist ein methodischer Fehler bei den Zuweisungen aus dem Gesundheitsfonds im Jahr des Todes von Versicherten. Er führt dazu, dass die Krankenkassen für junge Versicherte zu hohe und für ältere zu geringe Zuweisungen erhalten. Kassen mit überdurchschnittlich vielen jungen Versicherten haben so einen Vorteil.

Krankenkassen mit hohen Überschüssen, die die gesetzlich vorgesehenen Obergrenzen übersteigen, müssen Prämien an die Versicherten ausschütten. Die betroffenen Versicherungen haben sich geziert, das zu tun. Sie möchten lieber dann ihre Rücklagen aufbrauchen, wenn die Konkurrenz Zusatzbeiträge fordert. Einige Kassen verbinden die Prämienzahlung mit Auflagen wie regelmäßige Vorsorgeuntersuchungen. Davon versprechen sie sich, gesundheitsbewusste Versicherte anzuziehen.

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Leserkommentare
    • Wombel
    • 30. Oktober 2012 7:27 Uhr

    sondern die Individualbelastung der Versicherten durch Zuzahlungen Praxisgebühr usw. man muss sich Krank sein auch wieder Leisten können denn es gibt nicht die Wahl ob man es will.

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    • Floak
    • 30. Oktober 2012 10:08 Uhr

    Nämlich, dass die Leute nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit zum Onkel Doktor rennen.

    Ich finde, dass das Gesundheitssystem lieber wieder etwas Patientenfreundlicher werden sollte und nicht immer nur das allernotwendigste abdeckt. Wer wirklich krank ist, sollte jede Behandlung erhalten, die hilft und existiert. Und nicht nur jene, welche in der Kalkulation der Krankenkassen am besten aussieht.

    Vielleicht könnte man auch Beiträge verwenden, um z.B. die Situation in Krankenhäusern zu verbessern. Mein Großvater war vor kurzem in einem 6 Bett Zimmer für eine Knieoperation. Das war wie im Viehstall, vor allem auch von der Sauberkeit der Zimmer her gesehen. Es war einfach zu wenig Reinigungspersonal da, weil an allen Ecken und Kanten gespart wird. Dazu NULL Unterhaltungsmöglichkeiten. 1 Mini-Fernseher für je 3 Patienten, der so weit weg war, dass mein Großvater ihn nichtmal halbwegs gut lesen konnte. Wie soll man gesund werden, wenn man den ganzen Tag nur vor sich hinvegetierend in einem Saustall herumliegt und keinerlei Ablenkung hat?

    DA muss das Geld hin. Nicht in einen überflüssige Senkung um 10-20€ im Monat, die am Ende eh niemand wirklich spürt.

  1. Unabhängig von der Verwendung.

    Was die jetzige Situation sehr eindrücklich zeigt: Wir haben kein Ausgabenproblem im Gesundheitswesen, sondern ein Einnahmeproblem! Wenn das bisschen Konjunkturschwung in Krisenzeiten reicht, um solche Überschüsse anzuhäufen, müsste klar sein, dass das Problem an anderer Stelle liegt.

    Der Zufluss ins Gesundheitssystem ist in den letzten Jahren nicht nur gesunken wegen schlechter Konjunkturlage, sondern weil immer mehr Anteile am BIP nicht mehr aus Beitragspflichtiger Arbeitskraft generiert werden, Teile, die sich aus den Sozialkassen entsolidarisieren. Parallel hat man den Arbeitnehmern immer mehr Kosten aufgedrückt, die Arbeitgeber entlastet.

    Wenn das System langfristig stabil bleiben soll, muss diese Entwicklung mindestens gestoppt, wenn nicht umgekehrt werden.

    Für den Umgang mit den Überschüssen gilt aber, dass dies nicht schon wieder etwas sein darf, was auf Kosten Krankenversicherten geschehen darf!

    • Bregens
    • 30. Oktober 2012 9:13 Uhr

    .
    ...letzten Tarifverhandlung ziemlich rasch in den Taschen der Kassenärzte verschwunden sein.

    Es wäre angemessener die Zuzahlungskonditionen in der Dental-Prothetik zu verbessern, um die sich bereits in vollem Gange befindliche Spaltung der Gesellschaft in Menschen mit Hollywood-Gebiss und Menschen mit einer Esszimmerausstattung im Trümmer-Design zu stoppen.

    • Floak
    • 30. Oktober 2012 10:08 Uhr

    Nämlich, dass die Leute nicht mehr wegen jeder Kleinigkeit zum Onkel Doktor rennen.

    Ich finde, dass das Gesundheitssystem lieber wieder etwas Patientenfreundlicher werden sollte und nicht immer nur das allernotwendigste abdeckt. Wer wirklich krank ist, sollte jede Behandlung erhalten, die hilft und existiert. Und nicht nur jene, welche in der Kalkulation der Krankenkassen am besten aussieht.

    Vielleicht könnte man auch Beiträge verwenden, um z.B. die Situation in Krankenhäusern zu verbessern. Mein Großvater war vor kurzem in einem 6 Bett Zimmer für eine Knieoperation. Das war wie im Viehstall, vor allem auch von der Sauberkeit der Zimmer her gesehen. Es war einfach zu wenig Reinigungspersonal da, weil an allen Ecken und Kanten gespart wird. Dazu NULL Unterhaltungsmöglichkeiten. 1 Mini-Fernseher für je 3 Patienten, der so weit weg war, dass mein Großvater ihn nichtmal halbwegs gut lesen konnte. Wie soll man gesund werden, wenn man den ganzen Tag nur vor sich hinvegetierend in einem Saustall herumliegt und keinerlei Ablenkung hat?

    DA muss das Geld hin. Nicht in einen überflüssige Senkung um 10-20€ im Monat, die am Ende eh niemand wirklich spürt.

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    Sollte man meinen, aber das Gegenteil ist der Fall.

    Die Zahl der Arztbesuche ist gestiegen.

    Mentaltätsbedingt zahlt der deutsche Patient meist zu Beginn des Quartals den Eintrittspreis und verlangt soviel Gegenleistung wie möglich.

    Gegen Ende des Quartals kehrt sich der Effekt ins Gegenteil.

    Patienten versuchen den Artzbesuch ins neue Quartal zu verschleppen.

    Diese Praxisgebühr ist einer von Inkompetenz geplagten Politgilde geschuldet.

    Krankenhaeuser sind gewinnorientierte Unternehmen, das ist politisch so gewollt, und von daher wuerde der Zufluss von Geld an Krankenhaeuser nicht ihrem Vater zu Gute kommen sondern den Profit erhoehen. Warum haben Sie Ihren Vater nicht in ein anderes Krankenhaus verlegen lassen?

    • Simt
    • 01. November 2012 21:33 Uhr

    @Floak

    Ihr Großvater hat wirklich Pech gehabt. Solche KH sollte es heute nicht mehr geben. Ich bezweifle aber, dass sich die Situation in den KH durch etwas mehr Geld verändern lässt. Viele KH haben durch den Kostendruck und den Wettbewerb ihre Organisation deutlich zum positiven entwicklelt. Qualitätsmanagement und Patientenbefragungen haben vieles bewirkt. Doch gibt es noch immer KH, die sich schwer tun alte Besitzstände aufzugeben. Ohne den Kostendruck versickert viel Geld in alten Zöpfen von Chefärzten: Zusammenarbeit mit anderen Abteilungen oder Berufsgruppen wird da gerne vermieden- zum Nachteil der Patienten.

    Die Praxisgebühr dagegen nutzt niemandem. Zum einen bringt die Gebühr viel Verwaltungsaufwand mit sich, zum anderen gehen Geringverdiener noch seltener zum Arzt und haben dann so manches Mal zu lange gewartet. Dann wird es für alle teuer.

    Ziel der Praxisgebühr war, dass unnötige Arztbesuche vermieden werden, das könnte man auch durch die Rücknahme der Hausarztzentrierung schaffen. Viele Arztbesuche finden aus drei Gründen statt:
    1. Der Patient benötigt eine Überweisung; 2. Der Arzt hat den Patienten fürs neue Quartal wieder einbestellt, damit er die Gebühr für zwei Quartale abrechnen kann. 3. Der Patient benötigt Physiotherapie, doch die Verordnungen für das Quartal sind bereits ausgeschöpft.

    Letztlich zahlt jeder Patient einen Arztbesuch durch Opportunitätskosten. D.h. würde er die Zeit nicht beim Arzt verbringen, könnte er viele andere schöne Dinge tun.

  2. Sollte man meinen, aber das Gegenteil ist der Fall.

    Die Zahl der Arztbesuche ist gestiegen.

    Mentaltätsbedingt zahlt der deutsche Patient meist zu Beginn des Quartals den Eintrittspreis und verlangt soviel Gegenleistung wie möglich.

    Gegen Ende des Quartals kehrt sich der Effekt ins Gegenteil.

    Patienten versuchen den Artzbesuch ins neue Quartal zu verschleppen.

    Diese Praxisgebühr ist einer von Inkompetenz geplagten Politgilde geschuldet.

  3. Es ist traurig, wenn sich jemand überlegt, auf Rücklagen für schlechte zeiten verzichten zu müssen, nur weil diese "Begehrlichkeiten" wecken könnten. Leben wir in einem Rechtsstaat oder im Kindergarten? Wenn man sicherstellen will, dass Rücklagen nicht ungebührlich angetastet werden, müßte es reichen, ihre Bestimmung mit einem eindeutigen Gesetz festzuhalten. Soll man keinen Wein anbauen, aus Angst, die Vögel würden die Beeren wegfressen?

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    Schoen das Sie auf Gesetze vertrauen, aber es ist doch so, wenn ein Politiker ein Gesetz oder sogar die Verfassung bricht (letzte Fall: NRW Landesreigierung hatte zuviel Schulden aufgenommen, aber Kohl auch mal.), dann haben die verantwortlichen Politiker nichts zu befuerchten. Ergo gibt es keinen guten Grund, warum sich ein Politiker an ein Gesetz halten sollte. Im uebrigen, wenn die Bundesregierung demnaechst den Europaeischen Stabilitaetspakt verletzt, werden nicht etwa die verantwortlichen Politiker bestraft, sondern der Steuerzahler, die Strafzahlungen nach Bruessel ueberweisen duerfen. So wuenschte ich mir auch Gesetze die mich betreffen, wenn ich das Gesetz breche, soll gefaelligst mein Nachbar bestraft werden.

  4. Schoen das Sie auf Gesetze vertrauen, aber es ist doch so, wenn ein Politiker ein Gesetz oder sogar die Verfassung bricht (letzte Fall: NRW Landesreigierung hatte zuviel Schulden aufgenommen, aber Kohl auch mal.), dann haben die verantwortlichen Politiker nichts zu befuerchten. Ergo gibt es keinen guten Grund, warum sich ein Politiker an ein Gesetz halten sollte. Im uebrigen, wenn die Bundesregierung demnaechst den Europaeischen Stabilitaetspakt verletzt, werden nicht etwa die verantwortlichen Politiker bestraft, sondern der Steuerzahler, die Strafzahlungen nach Bruessel ueberweisen duerfen. So wuenschte ich mir auch Gesetze die mich betreffen, wenn ich das Gesetz breche, soll gefaelligst mein Nachbar bestraft werden.

    Antwort auf "Begehrlichkeiten"
  5. Krankenhaeuser sind gewinnorientierte Unternehmen, das ist politisch so gewollt, und von daher wuerde der Zufluss von Geld an Krankenhaeuser nicht ihrem Vater zu Gute kommen sondern den Profit erhoehen. Warum haben Sie Ihren Vater nicht in ein anderes Krankenhaus verlegen lassen?

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  • Schlagworte Krankenversicherung | Gesetzliche Krankenversicherung
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