Es grünt und sprießt, es raschelt in den Kronen der Platanen und Kastanienbäume, ein Bach plätschert, in den Beeten wachsen Erdbeeren, Auberginen und Sellerie. Gänse schnattern, Hühner rennen umher, von fern grunzen Ferkel. Es braucht nicht lange, um zu begreifen, dass man es im Milia Mountain Retreat mit einem besonders idyllischen Flecken Erde zu tun hat. Tatsächlich ist Milia allerdings sogar noch mehr als das: ein wahrhaftiger Garten Eden im Westen Kretas, eineinhalb Autostunden von der Hafenstadt Chania entfernt. Ein Weiler, so abgeschieden, als könnte man sich hier hervorragend ein paar Tage lang vor dem Rest der Welt verstecken.

Retreat heißt Ruhesitz, Zufluchtsort. Früher war Milia die Sommersiedlung der Bewohner aus dem benachbarten Dorf Vlatos. Sie bauten hier Gemüse und Gerste an. Irgendwann wurden die Häuser aufgegeben und verfielen. Ziegenherden fraßen die Beete kahl. Hirten brandrodeten die Umgebung. Als Jakobus Tsourounakis, 73, und Jorgos Makrakis, 47, in den achtziger Jahren auf die Idee kamen, den Ort ihrer Kindheit wieder aufzubauen, erklärten viele Dorfbewohner die beiden für verrückt. Wer sollte hier, mitten im Nichts, Urlaub machen wollen? Jakobus und Jorgos packten an, zogen Mauern, verlegten Rohre, zimmerten Dächer. So entstand in jahrelanger Arbeit das neue Milia.

Von Vlatos aus führt eine unbefestigte, vier Kilometer lange Straße hinauf in die Berge. An einem terrassierten Hang, umgeben von Laubwäldern, schmiegen sich auf einer Lichtung sieben Häuser eng aneinander, verbunden durch Gassen und Treppen. Aus den Flachdächern ragen silbrige Schornsteine. Die senkrecht gemörtelten Regenrinnen sehen aus wie Rutschbahnen für Zwerge und die Häuser mit den kleinen Fenstern wie die dazugehörigen Behausungen.

Die 16 Zimmer sind schlicht gehalten: ein Holztisch, Holzstühle, Öllampen, Kerzen, ein Spülbecken aus Stein. Abgesehen vom Bad ist vieles so, wie es früher einmal gewesen sein könnte. Mit dem Unterschied, dass damals eine achtköpfige Familie mit einem einzigen Zimmer auskommen musste. Ohne Toilette, versteht sich.

Jakobus Tsourounakis und Jorgos Makrakis setzten von Anfang an auf Öko-Tourismus. Wichtig waren ihnen schlichte Schönheit, Ursprünglichkeit und die Achtung vor der Natur. Ein Novum in Griechenland. Vor den Häusern parken keine Autos, kein Strom- oder Telefonmast ragt auf dem 120 Hektar großen Grundstück aus dem Boden. Kein Fernseher stört in Milia, nicht einmal das ordinäre Gebrumme eines Kühlschranks im Zimmer. Keine Leuchtdiode verschmutzt die satte nächtliche Dunkelheit.

Ihren Strom beziehen die Betreiber aus Solarzellen, der Kompost wird als Dünger verwendet, das biologisch gereinigte Abwasser zum Bewässern. Das Brot backt Jorgos Makrakis eigenhändig in einem riesigen holzbefeuerten Kuppelofen. Milia ist nahezu autark: Brennholz, Trinkwasser, Olivenöl, Gemüse, Käse, Eier – all das wird direkt am Hang gewonnen. Gäbe es keine übereifrigen EU-Beamten, würden sie in Milia sogar selber schlachten.

»Milia ist Verknappung«, sagt Jorgos und zieht an seiner elektrischen Zigarette. Er spricht sanft und unaufgeregt, als sei dieser Ort längst in ihn hineindiffundiert. Nichts bringt Jorgos aus der Ruhe. Und die gibt es in Milia im Überfluss. Wer will, kann sich die Zeit damit vertreiben, über Felsen zu klettern, Äpfel und Ziegenbartpilze zu pflücken. Oder einfach in der Hängematte liegen bleiben und kalitsounia, mit Käse gefüllte Blätterteigtaschen, essen. Wer davon genug hat, fährt an den nahe gelegenen Strand von Elafonissi mit seinem kristallklaren, grünblauen Wasser. Doch spätestens wenn es dunkel wird, packt man die Badesachen schnell zusammen, weil man eines unmöglich verpassen will: den Abend vor dem eignen offenen Kamin, in dem das Feuer knistert, während draußen ein überwältigendes Sternenmeer am Himmel funkelt. In diesen Stunden ist Milia nicht von dieser Welt.