GriechenlandAutonom auf Kreta

In Milia haben zwei Griechen ein verlassenes Dorf als Hotel wiederaufgebaut. Das Brot wird im Mountain Retreat selbst gebacken, der Strom kommt aus Solarzellen – und die tiefe Entspannung von ganz allein. von Richard Fraunberger

Es grünt und sprießt, es raschelt in den Kronen der Platanen und Kastanienbäume, ein Bach plätschert, in den Beeten wachsen Erdbeeren, Auberginen und Sellerie. Gänse schnattern, Hühner rennen umher, von fern grunzen Ferkel. Es braucht nicht lange, um zu begreifen, dass man es im Milia Mountain Retreat mit einem besonders idyllischen Flecken Erde zu tun hat. Tatsächlich ist Milia allerdings sogar noch mehr als das: ein wahrhaftiger Garten Eden im Westen Kretas, eineinhalb Autostunden von der Hafenstadt Chania entfernt. Ein Weiler, so abgeschieden, als könnte man sich hier hervorragend ein paar Tage lang vor dem Rest der Welt verstecken.

Retreat heißt Ruhesitz, Zufluchtsort. Früher war Milia die Sommersiedlung der Bewohner aus dem benachbarten Dorf Vlatos. Sie bauten hier Gemüse und Gerste an. Irgendwann wurden die Häuser aufgegeben und verfielen. Ziegenherden fraßen die Beete kahl. Hirten brandrodeten die Umgebung. Als Jakobus Tsourounakis, 73, und Jorgos Makrakis, 47, in den achtziger Jahren auf die Idee kamen, den Ort ihrer Kindheit wieder aufzubauen, erklärten viele Dorfbewohner die beiden für verrückt. Wer sollte hier, mitten im Nichts, Urlaub machen wollen? Jakobus und Jorgos packten an, zogen Mauern, verlegten Rohre, zimmerten Dächer. So entstand in jahrelanger Arbeit das neue Milia.

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Von Vlatos aus führt eine unbefestigte, vier Kilometer lange Straße hinauf in die Berge. An einem terrassierten Hang, umgeben von Laubwäldern, schmiegen sich auf einer Lichtung sieben Häuser eng aneinander, verbunden durch Gassen und Treppen. Aus den Flachdächern ragen silbrige Schornsteine. Die senkrecht gemörtelten Regenrinnen sehen aus wie Rutschbahnen für Zwerge und die Häuser mit den kleinen Fenstern wie die dazugehörigen Behausungen.

Die 16 Zimmer sind schlicht gehalten: ein Holztisch, Holzstühle, Öllampen, Kerzen, ein Spülbecken aus Stein. Abgesehen vom Bad ist vieles so, wie es früher einmal gewesen sein könnte. Mit dem Unterschied, dass damals eine achtköpfige Familie mit einem einzigen Zimmer auskommen musste. Ohne Toilette, versteht sich.

Jakobus Tsourounakis und Jorgos Makrakis setzten von Anfang an auf Öko-Tourismus. Wichtig waren ihnen schlichte Schönheit, Ursprünglichkeit und die Achtung vor der Natur. Ein Novum in Griechenland. Vor den Häusern parken keine Autos, kein Strom- oder Telefonmast ragt auf dem 120 Hektar großen Grundstück aus dem Boden. Kein Fernseher stört in Milia, nicht einmal das ordinäre Gebrumme eines Kühlschranks im Zimmer. Keine Leuchtdiode verschmutzt die satte nächtliche Dunkelheit.

Hotels unter 100 Euro

Es gibt in diesen Hotels keine Portiers mit goldbesetzten Gehröcken. Es gibt keine behandschuhten Butler und keine Keycards zum Öffnen der Zimmertüren. Es gibt hier niemanden, der einem weismacht, ohne Lomi-Lomi-Nui-Massage sei man nur ein halber Mensch. Es gibt weder High Tea noch Zimmerbutler und schon gar keinen Wagenmeister. Deshalb kann man in diesen Hotels zu bestimmten Zeiten auch schon für 99 Euro im Doppelzimmer schlafen, schlimmstenfalls ohne Frühstück, dafür aber zu zweit. Zwanzig besondere Hotels in Europa haben unsere Autoren besucht: das Forsthaus in den Masuren, das lauschige Strandhotel auf Elba oder die kunstvolle Lodge in Kärnten. Häuser, in denen trotz des niedrigen Preises eine Menge geboten wird – oder vielleicht gerade deshalb. Zum Beispiel findet man hier oft etwas, das die meisten Hotels zwar versprechen, aber nicht bieten können: Ruhe. Es gibt grandiose Ausblicke aufs Meer oder auf Wiesen, Wälder und Täler. Es gibt Wanderwege gleich vor der Tür. Es gibt Gastgeber, die ihre Besucher noch selbst empfangen und sie abends bekochen. Es geht, um es kurz zu machen, um so etwas wie Seele. In den hier vorgestellten Häusern gehört sie zur Grundausstattung.

Alle Hotels der Serie finden Sie hier.

Milia Mountain Retreat

73012 Vlatos, Kreta, Tel. 0030-28210/46774, www.milia.gr

DZ ab 75 Euro inklusive Frühstück und Brennholz für den eigenen offenen Kamin

Ihren Strom beziehen die Betreiber aus Solarzellen, der Kompost wird als Dünger verwendet, das biologisch gereinigte Abwasser zum Bewässern. Das Brot backt Jorgos Makrakis eigenhändig in einem riesigen holzbefeuerten Kuppelofen. Milia ist nahezu autark: Brennholz, Trinkwasser, Olivenöl, Gemüse, Käse, Eier – all das wird direkt am Hang gewonnen. Gäbe es keine übereifrigen EU-Beamten, würden sie in Milia sogar selber schlachten.

»Milia ist Verknappung«, sagt Jorgos und zieht an seiner elektrischen Zigarette. Er spricht sanft und unaufgeregt, als sei dieser Ort längst in ihn hineindiffundiert. Nichts bringt Jorgos aus der Ruhe. Und die gibt es in Milia im Überfluss. Wer will, kann sich die Zeit damit vertreiben, über Felsen zu klettern, Äpfel und Ziegenbartpilze zu pflücken. Oder einfach in der Hängematte liegen bleiben und kalitsounia, mit Käse gefüllte Blätterteigtaschen, essen. Wer davon genug hat, fährt an den nahe gelegenen Strand von Elafonissi mit seinem kristallklaren, grünblauen Wasser. Doch spätestens wenn es dunkel wird, packt man die Badesachen schnell zusammen, weil man eines unmöglich verpassen will: den Abend vor dem eignen offenen Kamin, in dem das Feuer knistert, während draußen ein überwältigendes Sternenmeer am Himmel funkelt. In diesen Stunden ist Milia nicht von dieser Welt.

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Leserkommentare
  1. 1. Ja,ja

    "Gäbe es keine übereifrigen EU-Beamten, würden sie in Milia sogar selber schlachten." Auch bei uns würde der Fleischer schlachten, und wir hätten nicht diesen Einheitsbrei in der Auslage. Bries, Kopf, Innereien, saftige Sparerips, alle diese Dinge, die früher selbstverständlich waren.

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    • Riktam
    • 01. Dezember 2012 10:40 Uhr

    Entfernt. Bitte beteiligen Sie sich mit sachlichen Argumenten. Danke, die Redaktion/ls

  2. Brennholz, Trinkwasser, Olivenöl, Gemüse, Käse, Eier vom Hang .....
    das reicht von reichlich einem Quadratkilometer nicht ansatzweise und schon gar nicht auf Dauer für die großen Attribute bei 2 (?) Anwohnern und 16 Fremdenzimmern.
    Keine Leuchtdiode verschmutzt die Dunkelheit ...dafür ordentlich sauberes Kaminfeuer ... Glückwunsch zur Illusion.

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    empfehle grellseher wie der name schon sagt, fahre nach malia.
    ich war schon öfter da.
    grellgesehen ist es noch viel schöner, autarker und krasser als beschrieben.
    wenn du dich traust, mein kretischer freund wird dich begleiten oder ich wenn ich im nächsten jahr wieder dort bin

    • tja_ja
    • 22. Dezember 2012 21:25 Uhr

    beiderseits würde wohl ganz gut tun. Die Idee an sich ist doch Klasse. Dass das im Artikel ein wenig Öko-angehaucht und möglicherweise anwidernd rüberkommt kann ich nachvollziehen. Aber ich selber finde z.B. einen rustikalen Urlaub sehr entspannend. Übrigens ist mit der Verschmutzung durch die Leuchtdiode wohl eher die Lichtemission gemeint, die sonst die Nacht ständig erhellen. In diesem Zusammenhang ist Autonomie auch nicht als autark zu verstehen, was die materielle Unabhängigkeit einschließt. Autonomie selber ist Freiheit zu entscheiden wie man leben möchte, Selbstbestimmung. Und das trifft das doch vielleicht schon ganz gut, zumindest für die beiden Herren scheint die Entscheidung eine völlig freie gewesen zu sein, trotz des Misstrauens ihrer Mitmenschen.
    Illusorisch ist tatsächlich "ökologisch/politisch-korrektes" Leben, was ich selber als abstoßend empfinde, da sich dadurch einige anscheinend besser fühlen wollen als der Rest. Darin sehe ich aber auch keine Freiheit, sondern eher eine Getriebenheit. Davon abgesehen würden mich mehr solche Angebote freuen, wenn man sie denn als Normalo bezahlen kann.

    • Varech
    • 23. November 2012 19:54 Uhr

    Die Dreckarbeit wird externisiert, die Leute bringen geruchloses Geld ins "autonome" Öko-Eden.

  3. bestimmt ein herrlicher Ort zum Entspannen.

  4. Toiletten, elektr. Zigaretten, Fensterglas usw. ist auch alles selbst hergestellt, nehme ich an?

    Oder doch aus Stahlwerken im Ruhrpott und Fabriken in China. Von dort transportiert mit Schiffen und Lastwagen auf Autobahnen. Welche mit Baggern gebaut wurden. Welche von amerikanischen Maschinenbauern produziert wurden. Mit Hydraulikkomponenten aus Italien und elektronischer Steuerung aus Japan.....

    Mensch, da ist ja die halbe Welt inklusive sämtlicher Industriezweige verwickelt.
    Wenn der Autor das offensichtlich relativ primitive Leben dort als Idylle empfindet ist das in Ordnung.
    Das Wort autonom in der Überschrift hingegen ist schlicht falsch.

    Abgesehen davon deutet vieles darauf hin, dass die beiden Männer nicht aus grün-deutscher romantisch-verklärter Technikfeindlichkeit auf viele moderne Hilfsmittel verzichten sondern schlicht aus Geldmangel.

  5. ... für ganz Griechenland!

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    • u.t.
    • 23. November 2012 22:23 Uhr

    für fünf Millionen Athener?

    (Aber ich nehme an, Sie wollen ohnehin nur besonders geistreich sein).

    • u.t.
    • 23. November 2012 22:22 Uhr

    Tja, ich bin ja auch gerne ein kritischer Leser.

    Und das mit dem "autark", ja, das ist nicht so ganz genau.

    Ich finde es aber schon vielsagend, dass hier gleich eine ganze Reihe an Postern nur das Schlechte sehen wollen. Sicher sind da Solarzellen und der eigene Boden bringt wohl nicht alles dort Gegessene auf den Tisch.

    Aber man kann ja mal anerkennen, dass nicht der ganze andere Kram, der die Umwelt noch viel mehr verpestet, dabei ist. Das ist schon eine ganze Menge.

    @Marcel Schumann: Wie kommen Sie denn darauf, dass die beiden Herren alles ganz anders machen könnten, wenn sie nur wollten? Mit einem idyllischen Fleck könnte man sicher auch blöde Protzer mit ihrem Vierradantrieb anlocken.

    Manchmal denkt man schon, dass Leute Hintergedanken haben, wenn sie so hyperkritisch sind.
    Selber sind die Herren Vorkommentatoren wahrscheinlich sowieso weit weg von jeder privaten ökologischen Einsparungsmethodik, oder? (Ja, bestimmt haben Sie gerade eine AAA-Waschmaschine gekauft, nicht?)

    3 Leserempfehlungen
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    dürfen ja nichts Gutes machen. Sonst entsprächen Sie nämlich nicht mehr dem Idiotenklischee.

    Ironie-Ende.

    • u.t.
    • 23. November 2012 22:23 Uhr

    für fünf Millionen Athener?

    (Aber ich nehme an, Sie wollen ohnehin nur besonders geistreich sein).

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  • Quelle ZEIT ONLINE
  • Schlagworte Griechenland | Kreta | Hotel | Tourismus | Reise | Ökologie
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