Thalia TheaterGeht zu weit, wir folgen!

Hans Falladas Roman "Jeder stirbt für sich allein" taugt auch als großes Drama. In Hamburg ist es jetzt auf der Bühne zu sehen. von 

Im Bühnenhintergrund steht eine Wand, und an dieser Wand klebt, ins Senkrechte gekippt, ein Modell der Stadt Berlin. Es ist, als blicke man im Flug, von oben, auf ferne Wohnblöcke, Hinterhöfe, Plätze. Eigentlich ein kleines Weltwunder: die hängenden Höfe von Berlin, eine Stadt, steil in den Abgrund gebaut.

Wenn man genauer hinsieht, erkennt man, dass diese Kopfübermetropole aus Gegenständen des praktischen Lebens besteht: aus Uhren, Schuhschachteln, Handtaschen, ja sogar aus Messern und Gabeln. Berlin ist im Hamburger Thalia Theater gebaut aus dem Kram, den seine Bewohner besitzen. Und die Stadt befindet sich in Auflösung; was in den Häusern verborgen war, ist herausgefallen und liegt nun unter ihnen auf einem großen Scheiterhaufen: Kartons, Spielzeug, Geschirr, leere Schubladen.

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Die Bühnenbildnerin Annette Kurz hat dieses Bühnenbild gebaut – eine Stadt auf der Kippe, von Vandalen im Zuge einer endlosen Razzia verwüstet. Tatsächlich ist es die größte, rabiateste aller Hausdurchsuchungen, die hier symbolisiert wird – wir sprechen vom Berlin der Jahre 1940 bis 1942. Eine Stadt ohne Rückzugsmöglichkeit – es ist die Hauptstadt des Terrors und des Misstrauens.

Hier spielt Hans Falladas Roman Jeder stirbt für sich allein. Es ist sein letztes Buch, er schrieb es innerhalb weniger Wochen, und kurz danach, am 5. Februar 1947, starb er an den Folgen von Alkohol- und Drogenmissbrauch. Der Roman erzählt von den Eheleuten Otto und Anna Quangel, welche ihr einziges Kind (Ottochen!) im Krieg verloren haben und nun keinen Lebenssinn mehr finden. Einen letzten Sinn finden sie aber doch: Sie beginnen ihren persönlichen Feldzug gegen Hitler.

Otto Quangel, den Fallada im Roman einen »trockenen, unausgiebigen Mann« nennt, der keine Freunde hat und keine Neigung zur Geselligkeit, Quangel entscheidet sich für die diskreteste aller Umsturzmethoden: die stille Post, den Kettenbrief. Er schreibt auf Karten nieder, warum Hitlers Regime ein Unglück für Deutschland ist. Diese Karten deponiert er heimlich in Fluren und auf Treppen von Mietshäusern. Er hofft, dass seine Botschaften weitergegeben werden, dass alle Berliner sie lesen. Quangel lehnt sich auf, ohne sich mit anderen Zeitgenossen gemein zu machen – nur seine Frau ist mit ihm im Bunde. Zwei Kleinstwiderständler, denen man nur 10.000 Jahre Zeit geben müsste, dann würden sie das Regime gewiss zu Fall gebracht haben.

Quangel muss am Ende feststellen, dass die allermeisten seiner Briefe den Nazis ausgehändigt wurden. Seine Aktion war also sinnlos: als würfe ein Gestrandeter auf einer einsamen Insel eine Flaschenpost nach der anderen ins Meer, nur um zu erleben, dass eine dämonische Welle ihm alle Flaschen wieder vor die Füße spült. Andererseits war sein Handeln doch nicht sinnlos: Es erhielt dem Ehepaar Selbstachtung und innere Freiheit. So ist Falladas Roman, in all seinem Grauen, ein großer Liebesroman und die Erinnerung an ein Paar, das es wirklich gab: Es liegt ihm der reale Fall von Elise und Otto Hampel zugrunde, welche am 8. April 1943 in Plötzensee hingerichtet wurden.

Angst und Liebe sind die beiden großen Kräfte dieses Romans. Der Regisseur Luk Perceval bringt dieses Kräftespiel nun in Hamburg auf die Bühne. Er ist berühmt geworden durch Inszenierungen, deren Figuren in solchen Kräftespielen ziemlich unbeweint und unbesungen vor die Hunde gehen. Es war Perceval früher eher dran gelegen, die vernichtenden Kräfte zu feiern, als die Menschen zu beklagen, die von ihnen zermalmt werden. Exemplarisch genannt seien Shakespeares Schlachten (1999) und Molière. Eine Passion (2007), beide bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt.

Hans Fallada allerdings scheint im brachialen Regisseur Perceval eine völlig andere, fürsorgliche Seite zu wecken. In München an den Kammerspielen hat er vor drei Jahren schon einmal einen Fallada-Roman auf die Bühne gebracht, Kleiner Mann, was nun?, und er tat es behutsam, mit dem Gestus des Mannes, der Überlebende aus einem havarierten Zwischenweltkriegsvehikel bergen muss. Und nun, bei Jeder stirbt für sich allein, hat man wieder den Eindruck, er greife glücklich zu Theatermitteln, denen er doch eigentlich abgeschworen hatte.

Er spornt nämlich seine ausnahmslos großartigen Spieler zu lauter Kabinettstücken der guten alten Darstellungskunst an. Zwar wird eine Vielzahl von Figuren von lediglich elf Schauspielern auf die Bühne geführt und dort betreut, es ist das Gewimmel des gängigen Schauspieler-erzählen-Romane-Theaters zu sehen, und man hört das übliche Stimmengewirr eines inszenierten Hörbuchs, aber in diesem Gewimmel und Gewirr herrscht eine solche Liebe der Spieler zu ihren Figuren, dass man nicht müde wird, zu sehen und zu hören. Wie in einem dunklen, sachlichen Menschenvarieté gelingen Glanznummern der Figurenzauberei, Szenen werden in Sekunden gebaut, nur damit wir begreifen, wie alles zusammenhängt: Berlin, Panoptikum der Abhängigen und Verstrickten. Alle sind dem Untergang geweiht, gerade das nimmt den Regisseur für sie ein. Jeder kommt zu seinem Recht, jeder wirft mal einen liebenden Blick auf einen anderen und gibt ihm so Gewicht, kaum einer wird fallen gelassen, die wenigsten sind bloße Chargen, und diesen wenigen sieht man es nach. Es ist wie im Zirkus: Es muss auch welche geben, die den brennenden Reifen für die Löwennummer reintragen.

Leserkommentare
    • Hagmar
    • 19. Oktober 2012 20:45 Uhr

    Herr Kümmel, ich bin begeistert von Ihrer Rezension, Ihrer Sprache. Es dauert mich zutiefst, dass ich nicht auf der Stelle nach Hamburg fahren und das Stück ansehen kann.
    Welch ein Jammer, und welch ein Glück, einen Text zu lesen, der - obgleich Jammer auslösend - so befriedigt! Danke.

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