Toskana : Kein Gemäuerblümchen

Die Fattoria di Tatti liegt im toskanischen Erzgebirge. Nachts hört man hier nur das Rascheln der Bäume und die Melodie der Nachtigall.

Sanfte Hügel, zypressenbestandene Gutshöfe, Klatschmohnfelder – so ist die Toskana. Und so ist sie nicht. Zumindest nicht in der Nähe von Tatti: Das 400-Seelen-Dorf in der Colline Metallifere ist umgeben von Eichenwäldern und verlassenen Erzminen. Maria Stebler und Fabio Carnesecchi führten das Restaurant Paradosso in Bern, doch als sie vor sieben Jahren lasen, dass für ein Bed & Breakfast in Tatti Geschäftsführer gesucht wurden, griffen sie zu. Maria übernahm das Büro, Chefkoch Fabio den Herd.

Die Pension liegt in der zweiten und dritten Etage der ehemaligen Sommerresidenz des Marquis Giovanni Barabesi Bourbon Di Pitrella. Im zweiten Stock wohnte einst dessen Fattore, der Verwalter – daher der Name Fattoria di Tatti. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog unten die Stadtverwaltung ein, oben führten Ordensschwestern ein Ferienheim für Waisenkinder.

Durch die Fenster des luftigen Raumes, in dem sie früher Wäsche trockneten und bügelten, dringt heute zum Frühstück morgendliche Musik: Scharen von Mauerseglern flattern trällernd über Tattis steinbeschwerte Ziegeldächer, hinter denen die Küste, das Tyrrhenische Meer und bei klarem Wetter Elba und Giglio zu sehen sind. Ein umwerfender Ausblick.

Die Innenansicht steht ihm nicht nach: »Wir haben Wert darauf gelegt, nicht toskanischer zu sein als die Toskana«, sagt Maria und meint damit die sechs Suiten und zwei Zimmer, die sie mithilfe einer Schweizer Architektin eingerichtet hat. Die Räume sind nicht vollgestopft mit schweren Tischen, Truhen und Schränken, sondern minimalistisch eingerichtet, haben pastellhelle Wände und heißen »Taubennest« oder »Solarium«. Den Terrazzoboden beließ Maria: »Er ist genauso authentisch wie Terrakotta.« Die Zimmer haben weder Klimaanlage noch Fernseher. So liegt man ganz eingebettet in Tattis himmlischer Ruhe, hört nur das Rascheln der Bäume und die Melodien der Nachtigallen.

Doch das Beste an der Fattoria ist Tatti selbst. Ein paar Schritte nur, und man steht im 12. Jahrhundert, auch wenn damals noch keine dreirädrigen Kleintransporter vor den Häusern parkten. Fast alles ist aus Stein, die labyrinthartigen Gassen, Treppen, Balkone, Bogengänge; dazu hölzerne, wurmstichige Portale. Tatti ist wie geschaffen für einen historischen Kostümfilm. Abends, wenn die orangefarbenen Lichter angehen und sich auf den abgetretenen Pflastersteinen spiegeln, ist nur noch das Hallen der eigenen Schritte zu hören. Die Nächte beginnen früh in Tatti. Nur ein Restaurant gibt es und eine kleine Bar.

Doch man kann jederzeit einen Martini trinken und dazu eine gute Zigarre rauchen, selbst wenn der Ort schon längst im Schlummer liegt: Die Hausbar in der Fattoria ist rund um die Uhr geöffnet. Man bedient sich einfach selbst, holt Eiswürfel aus der Küche, schnappt sich ein Buch aus der hauseigenen Bibliothek und lümmelt sich dort auf die Couchgarnitur. Es ist fast so wie zu Hause.

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Kommentare

2 Kommentare Kommentieren

Nachhaltigkeit und minimierter ökologischer Fußabdruck

Herr oder Frau "Marquis Giovanni Barabesi Bourbon Di Pitrella" ist mir jetzt vorab persönlich kein Begriff,
ich denke aber, daß sich mit Traditionalität doch auch ein ernsthaftes Bekenntnis zu 'Nachhaltigkeit' und einem minimierten 'ökologischen Fußabdruck' verbinden sollte.

Nach einer Erhebung des WWF stellt gerade die Toskana einen Schwerpunkt in der Nutzung fossiler - und importierter - Brennstoffe in Italien dar.
Die schöne Fassade hilft nicht darüber hinweg, daß es mit Nachhaltigkeit und ökologischem Fußabdruck bei näherem Hinsehen gerade in der Toskana besonders schlecht aussieht.
Dieselkraftwerke und Importsteinkohle stellen 98% der Stromversorgung in Lucca, 94% in Volterra.

Viele Fremdenzimmer sind zudem elektrisch beheizt.

Seit einigen Jahren verbringen wir unseren Urlaub in einem kleinen Windpark in Mecklenburg-Vorpommern.

Dort gibt es zwar außer 'saurer Erdapfel mit Mus und Hecht' keine kulinarischen Spezialitäten, - ich kann aber andererseits sicher und zufrieden sein, daß ich außer der vorübergehenden Entnahme einer Briese Wind und ein paar Gramm Phospat in den leckeren Kartoffeln,
die späteren Resourcen meiner Kinder und Kindeskinder bewahren konnte.